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Das Geschäft mit der Gesundheit: Gewinnmaximierung darf nicht über Menschenleben stehen

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VACCINATE
Murad Sezer / Reuters
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Impfstoffe zählen zu den wichtigsten medizinischen Instrumenten zum Schutz der Gesundheit von Kindern. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) verhindern Impfungen jedes Jahr zwei bis drei Millionen Todesfälle von Kindern. Die Teams von Ärzte ohne Grenzen impfen jedes Jahr Millionen Kinder in ärmeren Ländern.

Bezahlbarer Impfstoff für jedes Kind

Doch nicht alle Kinder werden ausreichend geschützt: Ein großes Problem sind die zu hohen Preise, die die Pharmabranche für Impfstoffe verlangt. Besonders empörend sind die hohen Preise der Pharmaunternehmen Pfizer und GlaxoSmithKline (GSK) für zwei Impfstoffe gegen Pneumokokken. Dabei ist Lungenentzündung in ärmeren Ländern die häufigste Todesursache bei Kindern unter fünf Jahren.

Die Gesundheitssysteme in ärmeren Ländern sind häufig schwach. Infolge von Krisen und Konflikten ist die medizinische Versorgung in einigen Ländern sogar ganz zusammengebrochen. Gerade in diesen Ländern und gerade bei Kindern ist es darum wichtig, mit Impfungen Krankheiten vorzubeugen, die im Zweifelsfall nicht ausreichend behandelt werden können.

Heute steht eine Reihe von wichtigen Impfstoffen zur Verfügung, die dazu beitragen, die Kindersterblichkeit gerade in ärmeren Ländern drastisch zu senken. Hierzu zählen Impfstoffe gegen Masern, Röteln, Polio, Pneumokokken, Hepatitis B, Rotaviren, Keuchhusten und Wundstarrkrampf.

Großangelegte Impfkampagnen zur Bekämpfung von gefährlichen Krankheiten

In Ländern mit generell sehr niedrigen Impfraten ist Ärzte ohne Grenzen bestrebt, in seinen Basisgesundheitsprojekten für alle Kinder unter fünf Jahren Routineimpfungen anzubieten. Darüber hinaus sind großangelegte Impfkampagnen als Reaktion auf Ausbrüche eine der Hauptaktivitäten der Organisation - zum Beispiel bei Masern, Gelbfieber oder Meningitis. Eine solche Kampagne dauert typischerweise zwei bis drei Wochen und kann hunderttausende Menschen erreichen.

Neben den Impfungen in den Projektländern versucht Ärzte ohne Grenzen darüber hinaus, politische Entscheidungsträger für Fragen des Zugangs zu Impfstoffen zu sensibilisieren. Denn der Zugang zu Impfstoffen ist oft mit hohen Hürden verbunden: Zum einen sind Impfstoffe teuer, gerade die neueren. Zum anderen sind die bislang verfügbaren Impfstoffe oft nicht auf die Bedürfnisse in ärmeren Ländern zugeschnitten.

So sind Impfstoffe, die dauerhaft gekühlt werden müssen, zum Beispiel nur bedingt für Länder mit schwacher Infrastruktur geeignet, in denen die Menschen in teils sehr entlegenen Gebieten leben und wo eine dauerhafte Stromversorgung nicht gewährleistet ist.

Hohe Sterberaten trotz Impfstoffen

Besonders bedrückend: Jedes Jahr sterben knapp eine Million Kinder unter fünf Jahren an Lungenentzündungen - und das, obwohl es zwei wirksame Impfstoffe gegen Pneumokokken gibt, dem Hauptverursacher der Krankheit. Da diese Impfstoffe jedoch sehr teuer sind, können es sich viele ärmere Länder nicht leisten, Kinder impfen zu lassen. Die Folge: 75 Prozent der Kinder weltweit haben keine Chance auf eine Pneumokokken-Impfung.

Die beiden Pneumokokken-Impfstoffe werden von den Pharmaunternehmen Pfizer und GlaxoSmithKline (GSK) hergestellt. In den vergangenen fünf Jahren haben beide Unternehmen zusammen insgesamt 30 Milliarden US-Dollar Umsatz mit dem Verkauf der Impfstoffe gemacht.

Der Impfstoff von Pfizer war 2014 der am meisten verkaufte weltweit und hat dem Unternehmen allein im Jahr 2015 mehr als sechs Milliarden US-Dollar Umsatz eingebracht - ein richtiger Kassenschlager, für viele Länder jedoch unbezahlbar.

Neben der Höhe ist die Bildung des Preises ein Problem, denn sie ist intransparent und scheint irrational und opportunistisch. Pfizer und GSK sind die einzigen Anbieter der für Kinder wichtigen Pneumokokken-Impfstoffe. Ihre Produktpreise in unterschiedlichen Ländern werden geheim gehalten, was dazu beiträgt, dass sie vor allem gegenüber ärmeren Ländern eine stärkere Verhandlungsmacht haben und den Preis letztlich quasi selbst bestimmen können.

So ist der Preis für das Vakzin in Frankreich niedriger als beispielsweise in Marokko oder im Libanon. Ärzte ohne Grenzen verhandelt seit mehreren Jahren mit Pfizer und GSK. Unser Ziel: Eine Preissenkung der Impfstoffe auf fünf US-Dollar pro Kind für alle ärmeren Länder sowie für Hilfsorganisationen. Da die Verhandlungen bisher erfolglos waren, haben wir vor einigen Monaten die Kampagne „A fair shot - Bezahlbarer Impfstoff für jedes Kind" gestartet.

Ein starker Appell an die Pharmaunternehmen

Mehr als 400.000 Menschen aus 170 Ländern weltweit haben unsere Petition an die beiden Pharmaunternehmen unterzeichnet und damit unsere Forderung unterstützt. Ende April haben wir die Unterschriften an Pfizer und GSK übergeben.

Wir hoffen, dass die überwältigende Zahl von Unterstützern Pfizer und GSK zum Einlenken bewegen wird und sie die Preise für ihre Impfstoffe senken. Wozu ein lebensrettender Impfstoff, wenn er für die Menschen, die ihn am meisten benötigen, unerreichbar bleibt?

Unserer Ansicht nach sollten sich die Unternehmen dies gerade angesichts ihrer massiven Umsätze leisten können. Dass Kinder an Krankheiten sterben, die mithilfe von Impfungen eigentlich sehr einfach vermeidbar gewesen wären, ist nicht hinnehmbar.

Wir unsere Arbeit so lang fortsetzen, bis alle Länder einen fairen Zugang zu lebensrettenden Impfstoffen erhalten. Wir finden: Gewinnmaximierung darf nicht über Menschenleben stehen.

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Geht Impfen!

Kaum ein Thema spaltet die Elternschaft so sehr wie das Impfen. Es ist ein Thema, bei dem die sonst so harmonischen Elternforen zu Kriegsgebieten werden. Beide Seiten - die Impfbefürworter und die Impfgegner - werfen der jeweils anderen Kindesmisshandlung vor, nennen sich gegenseitig Verbrecher und sogar Mörder. Es gibt auch genügend Mythen und Horrorgeschichten, auf die sich beide Fronten berufen.

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