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Warum das Gerede um Generation Y Unsinn ist

24/10/2015 16:55 CEST | Aktualisiert 24/10/2016 11:12 CEST
JGI/Tom Grill via Getty Images

Ständig wird über die frei erfundene Generation Y debattiert. So sehr, dass ein regelrechter Markt für Trendforscher, Generationsexperten und tendenziöse Studien entstanden ist. Der wissenschaftliche Gehalt solcher Generationskonzepte ist gleich null.

Immer schon war es beliebt, von Generationen in der Gegenwartsform zu sprechen. Gerade dann, wenn die Kriterien dafür wie aus der Luft gegriffen sind. So zeigt sich die Diskussion um die Generation Y - jene angeblich revolutionäre Junge-Erwachsenen-Kohorte. Subjektive Werturteile und wilde Spekulationen über die Zukunft des Arbeitsmarkts prägen kaum eine Debatte über soziale Phänomene so sehr wie jene um die ominösen Ypsiloner.

Der Hype um die Generation Y steckt voller Widersprüche. Mal wird die Generation arbeitskritisch präsentiert, mal wird eher das Gegenteil behauptet. Mal ist die Generation Y individualistisch, mal wird sie als Nachwuchsgruppe nachdenklicher Kümmerer beschworen. Immer jedoch geht es scheinbar um Systemprovokation.

9/11, Bologna-Studium und Finanzkrise werden von Artikel zu Artikel als prägende Einflüsse zitiert. Weil „Zukunftsforscher" diese Ereignisrelevanz ausgerechnet exklusiv für diese Generation reserviert haben, wird überall eifrig nacherzählt. Das macht dürftige Argumentation zwar nicht besser, zeigt aber anschaulich, wie wirr Generationsdebatten verlaufen.

Interessant ist der häufige Hinweis auf den behaupteten Beitrag der Soziologie. Das Etikett "soziologisch" dient in Sachen Generation Y der öffentlichkeitswirksamen Inszenierung wissenschaftlicher Autorität. Eine der genialsten Vermarktungsstrategien überhaupt ist es ja, Sachverhalte außerhalb der Wissenschaft mit wissenschaftlichen Querverweisen zu schmücken, um so die eigene Position stützen zu können.

Gesellschaftsanalyse wird damit zur persönlichen Anschauungsbastelei. Für gute Schlagzeilen erweist es sich als ausgesprochen nützlich, mit dem Schein-Segen der Wissenschaft die Gesellschaft zu erklären. Eine wirklich soziologische Bearbeitung des Themas wäre aber erstens zu riskant und zweitens zu kompliziert.

Und was kompliziert ist, stört beim Herausposaunen der nächsten fetzigen Schlagzeile und minimiert die Chancen auf öffentliche Aufmerksamkeit. Im Übrigen gesellt sich ein Schlagwortkonzept wie die Generation Y ideal zum aktuellen Hype-Vokabular wie "Arbeit 4.0", "Flache Hierarchien" oder „Fachkräftemangel".

Selbstoptimierung wie eh und je

Das Diffuse an der Generation Y hat viele Facetten. Mal sollen die Ypsiloner von 1971 bis 1997 geboren sein, mal ab 1980, 1983 oder 1985. Solche Zeiträume sind, um es galant zu sagen, kreativ konstruiert. In der Wissenschaft ist bekannt, dass bei fragwürdiger Datierung gerade krumme Zahlen eine wichtige Funktion übernehmen: Sie suggerieren Komplexität, da "glatte" Eingrenzungen weniger eindrucksvoll erscheinen. Zeitangaben, die sich keiner erklären kann, vermitteln den Eindruck, dass Großes geschehen sein muss. Ist es aber gar nicht. Hauptsache, es sieht so aus als ob.

Die geistigen Ursprünge der "Gen Y" sind sehr fantastisch. Erfunden wurde sie 1993 in der amerikanischen Werbezeitschrift Advertising Age. Bekanntermaßen wird das "Y" eindrucksvoll als "why" gesprochen, was erstens - da Englisch - ziemlich cool klingt und zweitens den passenden Effekt hat, dass man die ach so ausgeprägt kritischen Einstellungen dieser Generation gleich mit betont. Die Generation Y fremdelt mit dem Karrieremachen und hat gegenüber der Wirtschaft ihre Vorbehalte, heißt es vollmundig. Nur sieht die Realität nicht gerade einer Minderheit junger Akademiker ganz anders aus.

Leistungs- und Selbstoptimierung beschäftigen viele, die es in Wirtschaftskreisen zu etwas bringen wollen. In Personalabteilungen stapeln sich nach wie vor die Bewerbungsmappen maßgeschneiderter Absolventen. Statussymbole sind gefragt wie immer schon; was jeder bestätigen kann, der - abseits einer locker-flockigen Start-up-Kultur - ganz old school für klassische Großunternehmen tätig ist und dort eindrucksvolle Einblicke in die Führungskultur der Konzernbürokratien gewinnt.

Praktika in einer Frankfurter oder Genfer "Top-Kanzlei", der Auslandsaufenthalt an einer "Schweizer Eliteuni" oder das Manager-Juniorprogramm im "Spitzenunternehmen" - bei jeder Gelegenheit wird imposant gegenüber Altersgenossen präsentiert. Dick auftragen ist groß angesagt, inszenierte Selbstoptimierung unverzichtbar.

Unauffällig alternativ

Die heute Jungen agieren egotaktisch, beugen sich beruflichen Zwängen nicht weniger, aber trickreicher als ihre Vorgänger. Wirkliche Arbeitskritik wird gemieden oder derart kaschiert, dass alles wieder einen superfreizügigen Touch bekommt. Natürlich ist es schick, ein wenig alternativ zu sein und insgesamt politisch korrekt, idealerweise: unauffällig, zu wirken. Was als akzeptiert-alternativ gilt, wird in den eigenen Wohlstands-Lifestyle integriert; aber immer schön locker und ja nicht mit zu viel Überzeugung.

Sicher, es gab zu allen Zeiten im Nachwuchs alternative, arbeits- und leistungskritische Verhaltensmuster. Die 68er-Studierenden oder die ökologische Bewegung in den 70er- und 80er Jahren stehen dafür beispielhaft. Auch gab und gibt es in sämtlichen Altersschichten Personen und Milieus, die sich gegenüber allgemeiner Leistungsorientierung verweigern und eine ausgeprägt untypische Lebensgestaltung pflegen. All das wächst sich aber nicht zu durchgreifenden Gesellschaftsphänomenen aus.

Der eigentliche Gag an der Generation Y scheint zu sein, dass oftmals die Alten den Jungen eine Lockerheit und Freiheit andichten, die sie für sich selbst als völlig fremd und abwegig erachten. Es wird so getan, als gäbe es quasi naturgesetzlich vorprogrammierte und unüberwindbare Generationsgegensätze.

Endloses Generationen-Gerede

Solche Kritik kann das Heer der eingefleischten Y-Experten natürlich nicht irritieren. Die so genannten Experten werben leidenschaftlich für ihre tolle Erfindung. Kritik schadet schließlich dem Geschäft. Doch es droht Ungemach, denn jeder erfolgreiche Hype unterliegt den Gesetzen des harten Wettbewerbs um die blumigsten Ideen.

Allmählich betreten neue, ebenso selbsternannte Experten die Bühne der Generationen-Hypes. Die (nächste) "Generation Z" soll von 1995-2005 (oder - wem's gefällt - ruhig auch ein paar Jahre früher oder später) das Licht der Welt erblickt haben. Das ist schlecht für die Y-Experten, werfen nun Professoren mit Marktgespür ihre (Z-)Weissagungen auf den Markt.

Doch auch "Gen Z" ist bald schon Schnee von gestern, wurde jüngst doch die "Generation Relaxed" ausgerufen. Alles das ist nur noch boulevardesk. Wieder werden alle möglichen Merkmale bunt gemischt, wieder wird aufgekocht und neu verwurstet, was man schon so oft in allen möglichen Varianten als große Erkenntnis servierte.

Die Medien tragen ihren Teil dazu bei, denn sie sorgen - fast immer unkritisch - für ein groß angelegtes Generationen-Gerede. Angesichts allgegenwärtiger Fiktionalisierung von Gesellschaft sagen die Schöpfer dieser Generationenfakes und deren Mitläufer wohl weitaus mehr über sich aus, als über die Lehren, die sie fernab seriös betriebener Gesellschaftsanalyse erfolgreich verbreiten.

Noch nicht genug vom Generationen-Gerede? Hier geht's zum Interview mit Marcel Schütz in der Schweizer Zeitschrift "Netzwoche".

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