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Lasst euch nicht täuschen - Deutschland ist an einem kritischen Punkt

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HOMOPHOBIE
dpa
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83 Prozent der Deutschen wollen laut einer aktuellen Studie die Ehe für alle. Ist also alles gut? Nein. Wir sollten uns von der Zahl nicht täuschen lassen.

Denn in der Umfrage sagen auch 18 Prozent, dass Homosexualität „unnatürlich" sei - also immerhin fast jeder Fünfte. 38 Prozent ist es unangenehm, wenn sich Männer öffentlich küssen. Und noch mehr wäre es unangenehm, wenn ihre Tochter oder ihr Sohn homosexuell wäre.

Diese Zahlen haben mich nicht überrascht. Jeder, der homo, bi oder trans* ist, erlebt, was sie bedeuten. Auch ich. Es ist wie ein Grundrauschen, das sich durch unsere Biographien zieht. Ich meine die abfälligen Kommentare in der U-Bahn oder auf der Straße. Die Familien, die ihre Kinder verstoßen, weil sie sich geoutet haben oder geoutet wurden. Oder jene, die einen so ungeheuren Druck aufbauen, dass sich die Kinder erst gar nicht trauen, sich zu ihrer Identität zu bekennen. Das macht unsere Leben schwerer.

Mehr zum Thema: Ehe für alle in Deutschland: "Gott hat schon lange Ja gesagt"

Ich habe Gott sei Dank einen Familien- und Freundeskreis, der mich immer unterstützt hat. Außerdem lebe ich in München in einer Großstadt, in der ich mir aussuchen kann, mit wem ich zu tun habe. Das war in meiner Jugend anders - ich bin in der Nähe von Augsburg aufgewachsen. Auf dem Land ist Homophobie nicht unbedingt ausgeprägter, aber du kannst den Leuten weniger aus dem Weg gehen. Aber egal ob auf dem Land oder in der Stadt - „schwul" als Schimpfwort ist an jeder Schule traurige Realität.

Der Hass gegen Homosexuelle war schon immer da und gewinnt an Aufwind

Mein krassestes Erlebnis ist bekannt. Auf dem Nachhauseweg vom Christopher Street Day in München wurde ich 2015 verprügelt. Nachdem ich es auf Facebook gepostet hatte erfuhr ich eine unglaubliche Welle von Zuspruch und Solidarität. Allerdings - und das war die andere Seite der Geschichte - wurde ich auch zur Zielscheibe enormer Feindseligkeit. Die NPD und viele andere rechte und rechtsextreme Gruppen teilten den Post, versuchten die Tat rassistisch zu instrumentalisieren. Die Nazis fluteten meine Seite mit widerlichen, homophoben Kommentaren einschließlich Drohungen gegen meine Person.

Mehr zum Thema: Gewalt gegen Homosexuelle: Zahl der homophoben Straftaten ist 2016 deutlich gestiegen

Zusätzlich zu einigen Zeitungsberichten war auch noch mein Gesicht zusammen mit einem Bericht auf den Info-Screens in der U-Bahn. Jeder Nazi der Stadt sah also mein Gesicht. In dieser Zeit hatte ich ein mulmiges Gefühl mich in der Öffentlichkeit zu bewegen.

Klar, dieser Hass war schon immer da. Aber er hat gerade gefährlichen Aufwind, Anfeindungen nehmen zu und homophobe Äußerungen verlieren gerade online immer mehr den Status des Unsagbaren. Deutschland ist an einem gefährlichen Punkt. Das Erreichte wird infrage gestellt. Und ich mache mir Sorgen, dass das, wofür über hundert Jahre gekämpft wurde, verloren gehen könnte.

Ein Pool von Erzkonservativen, Rechtspopulist*innen und Neonazis

Besonders der Erfolg der AfD ist besorgniserregend. Das ist eine Partei, die eine einfache Welt will, in der persönliche Entfaltung wenig zählt, in der andere Lebensweisen nicht anerkannt werden. Die AfD ist ein Pool von Erzkonservativen, Rechtspopulist*innen und Neonazis - also Menschen, die mit Vielfalt nichts anfangen können.

Die wenigen Homosexuellen, die es in der AfD gibt, machen Politik nur für weiße, schwule Männer. Mehr noch, sie instrumentalisieren Schwule, um sie gegen Flüchtlinge und Menschen mit Migrationsgeschichte aufzuhetzen. Minderheiten gegen Minderheiten - wenn wir uns darauf einlassen, haben die Freiheit und die Gleichberechtigung schon verloren.

All den Homophoben in diesem Land, den vielen Prozent, die gleichgeschlechtlichen Paaren beim Küssen nicht zuschauen können und nicht wollen, dass ihre Kinder schwul oder lesbisch werden - ich kann euch nur eines empfehlen: Lernt Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transpersonen kennen! Kommt raus aus der Welt, in der Jungs 'ne Freundin brauchen aber Mädchen keine haben dürfen. Aber wenn ihr das nicht wollt, dann maßt euch auch kein Urteil an.

Das Protokoll wurde aufgezeichnet von Jürgen Klöckner.

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