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Unsere Zukunfsperspektive verschlechtert sich - Deutschland ist eines der ungleichsten Länder der industrialisierten Welt

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HOMELESS GERMAN CITY
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Das Erhard'sche Ziel "Wohlstand für alle" ist heute nur mehr eine Illusion. Deutschlands soziale Marktwirtschaft, wie wir sie über sieben Jahrzehnte gekannt haben und in der die soziale Sicherung aller Bevölkerungsgruppen gewährleistet war, existiert nicht mehr.

In der deutschen Marktwirtschaft wird mit gezinkten Karten gespielt - wirklichen marktwirtschaftlichen Wettbewerb gibt es immer weniger.

Die neue deutsche Marktwirtschaft zeigt ihr wahres Gesicht in einer stark zunehmenden Ungleichheit. In kaum einem Industrieland der Welt sind vor allem Chancen, aber auch zunehmend Vermögen und Einkommen ungleicher verteilt als in Deutschland.

Diese Ungleichheit stellt nicht nur ein gesellschaftliches, sondern ein massives wirtschaftliches Problem dar. Sie schwächt unser Wachstum, verhindert mehr Investitionen und bessere Jobs. Dieser Schaden ist eine Realität, die Deutschland vor riesige Herausforderungen stellt.

Deutschland ist das Land der Ungleichheit

Deutschland ist heute eines der ungleichsten Länder in der industrialisierten Welt. Warum ist nicht sofort offensichtlich. Die Fakten sind wie Puzzleteile, die auf den ersten Blick nicht zusammenpassen wollen.

Als Erstes zeigt sich das "Vermögens Puzzle":Deutschland ist ein reiches Land, mit einem Pro-Kopf Einkommen, das zu den höchsten der ganzen Welt gehört. Und Deutschland ist Sparweltmeister - in kaum einem Industrieland sparen sowohl Bürger als auch Unternehmen einen so hohen Anteil ihres Einkommens.

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Logisch wäre also, dass die Menschen in Deutschland dank hoher Einkommen und hoher Sparquote auch hohe private Vermögen aufbauen können, um ihren Wohlstand für die Zukunft zu sichern und Vorsorge zu betreiben. Die Realität sieht jedoch anders aus: Das Vermögen vieler Deutscher ist erheblich niedriger als das ihrer Nachbarn. Es zählt zu den niedrigsten in ganz Europa und ist weniger als halb so groß wie das anderer Europäer.

Zum Vermögen zählen Geldvermögen, Finanzanlagen, Immobilien, Wertsachen, Versicherungen und Betriebsvermögen. Ihr Wert ist in den Portfolios vieler deutscher Bürger in den vergangenen 15 Jahren gesunken. Wie passen diese Fakten zusammen? Wie kann es sein, dass in einem Land, das wirtschaftlich so erfolgreich und stark ist, die Menschen über so wenig Vermögen und private Absicherung verfügen?

Wie kann es sein, dass die Menschen in Deutschland mehr verdienen und mehr sparen als viele Nachbarn, aber dennoch weniger Vermögen aufbauen? Gleichzeitig sind die Vermögen höchst ungleich verteilt. In keinem anderen Land der Eurozone ist die Vermögensungleichheit höher. Die ärmere Hälfte unserer Bevölkerung verfügt praktisch über gar kein Nettovermögen. Falls die Menschen Vermögenswerte besitzen, sind Schulden und andere Verpflichtungen mindestens ebenso groß.

Bei den ärmsten 20 Prozent sind die Schulden sogar größer als die Vermögenswerte. Diese Bürger sind netto verschuldet. Aber auch an der Spitze der Vermögenspyramide ist Deutschland extremer als seine Nachbarn: In kaum einem Land in Europa besitzen die reichsten 10 Prozent der Bevölkerung größere Vermögenswerte.

Der Staat versucht, die hohe Ungleichheit durch Steuern und finanzielle Umverteilung auszugleichen

Die Vermögensungleichheit ist in Deutschland fast genauso groß wie in den USA. Das zweite Puzzle ist das "Einkommens-Puzzle". Nicht nur beiden Vermögen, auch bei Löhnen und Einkommen ist das "Soziale"der deutschen Marktwirtschaft in den vergangenen Jahrzehnten in den Hintergrund getreten.

Die Schere zwischen hohen und niedrigen Einkommen im Land klafft immer weiter auseinander. Rund die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer musste zu -sehen, wie ihre Löhne in den vergangenen 15 Jahren an Kaufkraft verloren. Den Verlust mussten die Arbeitnehmer mit den niedrigeren Löhnen hinnehmen.

Nur die mit den höchsten Löhnen konnten sich über deutliche Zuwächse freuen. Nicht nur die Kaufkraft ist gesunken, auch die Arbeitseinkommen der meisten Arbeitnehmer sind nur schleppend angestiegen, auch da in Deutschland ungewöhnlich viele Menschen in prekärer Beschäftigung sind oder - oft unfreiwillig - in Teilzeit arbeiten. Deutschland gehört zu den Industrieländern mit der höchsten Ungleichheit der Markteinkommen.

Der deutsche Staat versucht, diese hohe Ungleichheit durch Steuern und finanzielle Umverteilung wieder auszugleichen - allerdings nur mit begrenztem Erfolg. Die Ungleichheit bei Löhnen, Markteinkommen und verfügbaren Einkommen ist in den vergangenen Jahrzehnten deutlich angestiegen.

Nach 2005 wurde dieser Anstieg durch die starke Zunahme der Beschäftigung zwar gebremst. Hohe Erträge erzielten in Deutschland aber vor allem solche Bürger, die große Betriebs- oder Finanzvermögen einsetzen konnten.

Und so spiegelt sich die steigende Ungleichheit auch in einer starken Zunahme der Armutsquote wider - vor allem ältere und sehr junge Menschen sind zunehmend von Armut bedroht -, wie auch in einer abnehmenden Generationengerechtigkeit. Denn bereits beim Berufseinstieg ist die Ungleichheit der heutigen jüngeren Generationen in Einkommen und Vermögen deutlich höher, als das in der Vergangenheit der Fall war.

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Die Chancen auf einen sozialen Aufstieg sind in Deutschland gering

Das dritte Puzzle ist das "Mobilitäts-Puzzle". Menschen mit niedrigem Einkommen und einem geringen Vermögen schaffen es ungewöhnlich selten, sich finanziell deutlich zu verbessern und "sozial aufzusteigen". Ein ähnliches Beharrungsvermögen findet sich bei den hohen Einkommen und großen Vermögen: Wer es einmal geschafft hat, ein gutes Einkommen und hohes Vermögen zu erreichen, hat in Deutschland viel größere Chancen als in anderen Ländern, diese Position auch beizubehalten.

Die Gefahr eines Abstiegs ist viel geringer als im Durchschnitt der OECD-Länder. Am stärksten ausgeprägt ist dieser Stillstand der sozialen Verhältnisse bei den oberen und den unteren 10 Prozent, also beim reichsten und beim ärmsten Zehntel der Bevölkerung. International außergewöhnlich ist auch die starke Wechselwirkung zwischen Einkommen und Vermögen: Die vermögenden Bürger sind auch die mit den hohen Einkommen. Wer hat, dem wird gegeben.

Diese geringe Mobilität wirkt auch über Generationen hinweg: In kaum einem anderen Land beeinflusst die soziale Herkunft das eigene Einkommen so stark wie in Deutschland. In kaum einem anderen Land bleibt Arm so oft Arm und Reich so oft Reich - über Generationen hinweg.

Die Hälfte des Einkommen seines Arbeitnehmers in Deutschland wird durch das Einkommen und den Bildungsstand der Eltern bestimmt. Kinder reicher Eltern dürfen also nicht nur auf große Erbschaften oder Schenkungen hoffen, sie haben auch deutlich bessere Chancen, selbst ein überdurchschnittliches Arbeitseinkommen zu erzielen.

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Kinder aus einkommens- und vermögensschwachen Haushalten schaffen es nur selten, sich deutlich besser zu stellen als die Eltern. Diese bereits geringe Mobilität hat in den vergangenen Jahrzehnten sogar noch abgenommen. Einer der größten Verlierer dieser Entwicklung ist die deutsche Mittelschicht. Es sind die Menschen in der Mitte der Gesellschaft, deren Jobs in Gefahr sind, deren Löhne schrumpfen, die nur geringe Möglichkeiten haben, Vorsorge zu betreiben und Vermögen aufzubauen.

Es sind die Menschen, die bislang das Rückgrat einer jeden Wirtschaft und Gesellschaft bilden - auch unserer. Die Ungleichheit in Deutschland hat viele Gesichter. Frauen,Bewohner ländlicher Regionen, Ostdeutsche, Migranten, Menschen aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien, Alleinerziehende, Alte und Kinder - sie alle sind deutlich schlechter gestellt.

Vor allem belastet der deutsche Staat den Faktor Arbeit unverhältnismäßig stärker mit Steuern und Abgaben als den Faktor Kapital - der internationale Vergleich zeigt dies überdeutlich. Deutschland ist schon lange kein Land mehr, das "Wohlstand für alle" bietet. Aus dem "Wohlstand für alle" ist ein "Wohlstand für wenige" geworden.

In der Zukunft wird die Ungleichheit in Deutschland weiter steigen

Die Ungleichheit bei Chancen, Einkommen und Vermögen ist in den vergangenen Jahrzehnten auch global deutlich gestiegen, in Deutschland jedoch deutlich stärker als im Schnitt. Vieles deutet langfristig auf eine Fortsetzung oder sogar Beschleunigung dieses Trends hin.

In einigen Bereichen gibt die Globalisierung der Ungleichheit Auftrieb, in anderen ist es die Ungleichheit selbst, die die Grundlage legt für neue Ungleichheit - wie im Bildungsbereich: Die Reichen profitieren von ihren größeren Investitionen. Der Abstand und damit die Ungleichheit in Einkommen, Vermögen und Chancen vergrößern sich.

Die weniger Gebildeten verlieren den Zugang zu Jobs, werden ärmer, investieren weniger in Bildung, können schlechter Vorsorge betreiben und Chancen nutzen - die Ungleichheitsspirale gewinnt an Fahrt. Die Ungleichheit wird weiter steigen, mit all ihren negativen Konsequenzen für Wirtschaft und Gesellschaft - wenn die Politik nicht sehr bald eine Kehrtwende vollzieht, das Problem erkennt und wirtschaftspolitische und gesellschaftspolitische Maßnahmen ergreift, um diesem Trend entgegenzuwirken.

Der Prozess der Globalisierung wird voranschreiten. Einige glauben an seine Verlangsamung, da die Wirtschaft bereits in so vielen Bereichen grundlegend global geworden ist. Aber es sprechen viele Gründe für eine weitere Beschleunigung. Mit der Digitalisierung und einer Informations- und Kommunikationstechnologie, die für geringe Kosten immer mehr Menschen immer schneller verbindet, spricht vieles für ein schnelleres und engeres Zusammenwachsen der Weltwirtschaft.

Diese Globalisierung mag nicht mehr in erster Linie auf den Handel von Gütern fokussiert sein. Aber der globale Handel und Austausch in fast allen Dienstleistungsbereichen werden sich beschleunigen und immer mehr auch riesige Länder wie China und Indien in die globalen Märkte integrieren. Gerade für Deutschland sind die Chancen, aber auch die Risiken der Globalisierung enorm. Deutschland ist eine der offensten Volkswirtschaften weltweit. Kaum ein Land hat so stark von der Öffnung Chinas und anderer Schwellenländer profitiert.

Dies bedeutet jedoch auch, dass ein Verlust der Wettbewerbsfähigkeit vor allem die schwächsten deutschen Arbeitnehmer teuer zu stehen kommen könnte. Deutsche Unternehmen stehen in immer stärkerem Wettbewerb nicht nur mit Unternehmen in Industrieländern, sondern vor allem in Ländern wie China, dessen Bildungssystem sich deutlich verbessert hat, das über eine hohe Innovationsfähigkeit verfügt und letztlich auf viele Marktsegmente drängt, in denen deutsche Unternehmen heute (noch)führend sind.

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Die Ungleichheit richtet gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und finanziellen Schaden an

Die zunehmende Globalisierung wird jedoch weiterhin vor allem den Menschen mit hohen und ausgesuchten Qualifikationen zugutekommen. Der Anstieg der prekären Beschäftigung wird sich wohl weiter fortsetzen. Die Natur der Arbeit ändert sich stark und erfordert immer mehr Flexibilität, was gerade den Menschen mit guten Qualifikationen helfen wird.

Politikmaß- nahmen, wie die Einführung eines Mindestlohns, zielen auf die Symptome dieses Phänomens ab, können die Ursachen der steigenden Ungleichheit jedoch nicht aufhalten, schon gar nicht beheben. Vor allem die Jobs der Mittelschicht sind von dieser Entwicklung bedroht und werden immer stärker unter Druck kommen.

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Eine weitere Schwächung der Mittelschicht wird daher alle drei beschriebenen Dimensionen der Ungleichheit weiter verstärken. Thomas Pikettys wichtigste These, dass die Rendite auf Kapital langfristig stärker steigt als die auf den Faktor Arbeit, bedeutet eine Zunahme der Ungleichheit in Einkommen und Vermögen. Dieser Prozess wird zumindest aus zwei Gründen vor allem Deutschland deutlich härter treffen als andere Länder. Zum einen weil die Vermögensverteilung in Deutschland so ungleich ist, fast die Hälfte der Deutschen über praktisch kein Nettovermögen verfügt und somit nicht von einer hohen Rendite auf Vermögen profitieren kann.

Der zweite Grund ist die in Deutschland so geringe Chancengleichheit und damit die hohe Abhängigkeit von Einkommen und Vermögen. In einer Gesellschaft, in der die Menschen mit den höchsten Vermögen auch die größten Einkommen erzielen, haben diejenigen mit wenig Einkommen und Vermögen praktisch keine Chance, mitzuhalten oder gar aufzuholen - besonders wenn sich Vermögen über Generationen in denselben Familien konzentriert und gesellschaftliche Gruppen zementiert.

Die Ungleichheit - das zeigt dieses Buch - hat in Deutschland bereits heute ein Maß angenommen, das gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und finanziellen Schaden anrichtet. Dieser Schaden betrifft nicht "nur" die mit den geringsten Einkommen, Vermögen und Chancen, er verursacht Kosten, die alle tragen müssen.

Wenn Menschen nicht die Chance haben, ihre Fähigkeiten und Talente zu entwickeln und einzubringen, entgeht dem ganzen Land ihr hohes Potenzial für die Wirtschaft und für die Gesellschaft. Steigt die Chancengleichheit, so profitiert nicht nur der Mensch, der seine Fähigkeit nutzen kann.

Es profitieren auch die Unternehmen und alle anderen Bürger, denn höhere Chancengleichheit schafft besser qualifizierte und motiviertere Arbeitnehmer, erhöht die Mobilität der Arbeitnehmer und die Kaufkraft der Konsumenten, sie verbessert die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und sichert das Funktionieren der Gesellschaft und Demokratie.

Wir müssen Chancenungleichheit minimieren und die Chancen maximieren

Das führt zu zwei zentralen Schlussfolgerungen. Die erste: Ein Bekämpfen der Ungleichheit und ihrer Auswirkungen liegt im Interesse aller, nicht nur einiger weniger. Solange wir alle, aber insbesondere die Politik, die Erkenntnis nicht so sehr verinnerlicht haben, dass aus ihr Taten resultieren, wird der Verteilungskampf in Deutschland sich weiter intensivieren und immer größeren Schaden für Gesellschaft und Wirtschaft anrichten.

Zweitens: Die fehlende Chancengleichheit ist Deutschlands größtes Problem. Es ist höchst ineffizient und kontraproduktiv, Menschen ihrer Chancen und Möglichkeiten zu berauben, damit der Staat dann über Steuern und Sozialleistungen versucht, einen Teil dieses durch den Raub entstandenen Schadens wieder auszugleichen.

Und: Freiheit hat keinen finanziellen Preis. Keine Leistung des Staates kann eine fehlende Chancengleichheit kompensieren. Statt wie so oft in der Ungleichheitsdebatte unser Augenmerk auf eine höhere Umverteilung über Steuern und Sozialleistungen zu legen, benötigen wir in Deutschland ein fundamentales Umdenken: eine Kehrtwende, bei der die Anstrengungen darauf abzielen, die Chancenungleichheit zu minimieren und die Chancen zu maximieren.

Dies würde zu weniger Ungleichheit bei Vermögen und Einkommen führen. Die Markteinkommen würden steigen, einige staatliche Interventionen würden überflüssig. Es würde langfristig den Staat kleiner, effizienter und fokussierter machen.

Gleichzeitig würde dieser Staat seine Verantwortung vor allem gegenüber den Schwächsten gerechter werden. Und es würde den Kuchen für alle größer machen: Das Wirtschaftswachstum würde steigen und damit auch der Wohlstand - dann aber wieder für alle und nicht nur für wenige.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Verteilungskampf - Warum Deutschland immer ungleicher wird"

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