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Warum wir uns von geliebten Dingen trennen sollten

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MAN BIKE FILTER
Tim Robberts via Getty Images
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Es ist Montagabend als mir M eine Nachricht schickt. Sie erzählt mir von einer Bekannten, die auf Tour nach London fährt. Dabei kommt sie unter anderem an Calais vorbei und sammelt derzeit Spenden für die Flüchtlinge vor Ort.

M fragt mich, ob ich noch Kleidung zu entbehren habe und bietet mir gleich an, diese weiterzugeben. Ich antworte ihr, dass ich schon alle überflüssige Kleidung gespendet habe und leider nicht wirklich etwas beitragen könne.

Doch schon während des Tippens wurde mir klar, dass ich eben noch nicht alles gespendet hatte, denn es gab da noch meine alte College Jacke. Eine Jacke von der ich mich lange Zeit nicht trennen konnte, ein geliebter Gegenstand.

Ms Nachricht machte mir aber klar, dass nun die Zeit gekommen war, endlich diesen Gegenstand loszulassen. Ich bin ehrlich: Ich wusste nicht, ob ich es übers Herz bringen würde, denn an dieser Jacke hing mir viel, deshalb erst nur eine wage Andeutung an M. Das hier ist die Geschichte, wie ich mich von meiner geliebten Jacke getrennt habe und wieso wir öfters loslassen müssen.

Wie wir uns selbst sabotieren

Warum sollte man sich überhaupt von geliebten Gegenständen trennen? Minimalismus ist ja sinnvoll und gut, aber geht es dann nicht doch ein wenig zu weit, wenn ich mich deswegen von Gegenständen trennen muss, die mir lieb geworden sind?

Gegenstände die mich an tolle Zeiten oder sogar Menschen erinnern? Ist es nicht sogar so, dass Minimalismus lehren soll, sich auf die wirklich wertvollen Dinge im Leben zu konzentrieren und sind nicht eben die kleinen Gegenstände des Alltags, an denen unser Herz hängt, die, die wirklich wichtig sind?

Das sind alles richtige und wichtige Einwände. Einwände, die ich ebenfalls hatte und denen ich lange Zeit zugestimmt habe, bis mir klar geworden ist, dass wir alle Menschen sind und Menschen jeden Tag enorme Energie aufbringen, sich selbst und eigentlich sinnvolle Konzepte wie Minimalismus zu sabotieren.

Die Sabotage liegt darin, dass wir uns vormachen, dass es keine Unterschiede zwischen Gegenständen gibt, die wir als wertvoll beziehungsweise wichtig bezeichnen. Dabei ist der Unterschied oftmals ziemlich offensichtlich.

Einerseits gibt es Gegenstände, die einem lieb sind und die man wirklich benötigt oder. regelmäßig benutzt, dann gibt es aber auch noch Gegenstände, die man eigentlich nicht benötigt beziehungsweise oft benutzt, die einem aber trotzdem irgendwie ans Herz gewachsen sind. Solche Sachen fristen ihr Dasein meist in irgendwelchen Schubladen und ihre Existenz wird immer nur dann wahrgenommen, wenn mal wieder ein Umzug ansteht.

Mein Verstand sagte mir, dass sie wichtig für mich sei

Mein Fahrrad ist zum Beispiel ein Gegenstand, den ich wirklich sehr mag und den ich gleichzeitig oft benutze. Ich fahre damit durch die Straßen Berlins, manchmal aus Freude, manchmal weil ich es muss und immer sind die Autofahrer und Fußgänger der Feind. Anders ist es hingegen mit der oben genannten College Jacke.

Sie landete ganze 4 Mal in Umzugskartons, hat all meine ernsthaften Beziehungen überdauert und konnte auch all meine großen und kleinen Lebenskrisen bezeugen. Kurz: Ein Gegensand, der für mich mittlerweile einen recht sentimentalen Wert bekommen hat.

Irgendwann zwischen Umzug 3 und 4 merkte ich aber, dass ich die einst geliebte Jacke nur noch selten trug. Der Grund hierfür war, dass sie verdammt unpraktisch war. Zu warm für den Sommer, zu kalt für den Winter und Schutz vor den Herbstwinden wollte sie auch nicht so richtig bieten.

So nahm ihren Platz früher oder später ein wesentlich praktischerer Parka ein und irgendwie fand meine College Jacke ihren Platz in einer dunklen Ecke meiner Kommode.

Seit Anfang des Jahres hat Minimalismus etappenweise meine Garderobe entrümpelt und Schritt für Schritt auf das reduziert, was für mich wirklich nötig ist und mit dem ich mich wohl fühle. Egal wie überflüssig die Jacke war und egal wie bewusst mir das war, ich brachte es einfach nicht übers Herz, mich von ihr zu trennen.

Mein Verstand sagte mir, dass sie ja ein wichtiger Gegenstand sei, etwas, woran mein Herz und Erinnerungen hängen. Natürlich war das alles absoluter Schwachsinn, ich hatte mich erstklassig sabotiert.

Wie wir Gegenständen einen emotionalen Wert geben

Um das zu verstehen, muss man verstehen, wieso es überhaupt Dinge gibt, an denen wir hängen, die einen emotionalen Wert für uns haben. Das mag nach einer trivialen Frage klingen, genauer betrachtet ist ihre Antwort aber alles andere als offensichtlich.

Logisch betrachtet besteht alles um uns herum aus einfacher Materie, aus Atomen in einer ganz bestimmten Anordnung. Da Atome nur eine begrenzte Diversität aufweisen, sind alle Dinge in dieser Welt die man anfassen kann beliebig und austauschbar.

In anderen Worten: Sie besitzen keinen intrinsischen Wert, sind also nicht allein durch ihre Existenz wertvoll. Erst unser Geist, unser Verstand gibt dieser Ansammlung von Materie einen Wert.

Selbst seltene Metalle wie Gold oder Platin besitzen keinen instrinsischen Wert, denn ihr Wert bestimmt sich über ein von Menschen geschaffenes System (Hier: Angebot und Nachfrage), wo man wieder beim Ausgangspunkt landet.

Wir allein bestimmen den Wert eines Gegenstandes. An einem neuen paar Schuhe hängt zwar ein Preisschild, der wahre Wert dieser Schuhe entsteht aber erst in unserem Kopf und zwar nur da.

Es gibt verschiedene Eigenschaften, die einen Gegenstand für uns wertvoll oder besitzenswert machen

Manchmal schätzen wir die Ästhetik eines Möbelstücks, die Vielseitigkeit einer Regenjacke oder die Erinnerungen, die ein Erbstück in uns auslöst. Während bei den ersten beiden Beispielen die Beschaffenheit der Gegenstände ausschlaggebend für den von uns eingeschätzten Wert ist, ist das bei der letzten Gruppe ein wenig anders.

Unabhängig von der Art des Gegenstands verknüpft unser Gehirn Emotionen und Erinnerungen mit einem Gegenstand, ganz egal wie oder aus was er beschaffen ist. Dieser Akt der Verknüpfung formt aus einem Haufen Atomen einen Trigger und allein das Betrachten oder. daran Denken, löst die dazu gekoppelte Erinnerung/Emotion aus.

So hat mein Gehirn über die Zeit sehr sentimentale Erinnerungen mit meiner College Jacke verknüpft. Ich besaß sie so lange und über die Zeit wurden es immer mehr Erinnerungen, bis aus einer einfachen Jacke eine Art Tagebuch meiner Zwanziger wurde.

Das Besitzen dieser Jacke weckte in mir ein süßes, melancholisches und schweres Gefühl und das obwohl ich sie überhaupt nicht mehr trug. Ein Gefühl stark genug, sie einige Zeit vor meinen Zweifeln ("Brauch ich diese Jacke überhaupt noch?") beschützen zu können.

Warum sollten wir uns von solchen Sachen trennen?

Minimalismus bedeutet nicht, so wenig wie möglich zu besitzen, sondern sich bei allem, was man besitzt, die Frage zu stellen: "Brauche ich das wirklich?" Jetzt könnte man meinen, dass gerade Dinge, zu denen wir eine emotionale Verbindung aufgebaut haben, Dinge sind, die wir wirklich brauchen oder deren Besitz wirklich gerechtfertigt wäre.

Dinge mit einem richtigen Wert eben. Leider sind "emotional wertvolle" Gegenstände nicht nur genauso wenig wertvoll wie "normale" Gegenstände, gleichzeitig sind sie der Grundstein für ein sehr problematisches Gedankenmuster.

Wir glauben, dass wir Emotionen, Erinnerungen und Erlebnisse für immer behalten können. Wir packen sie in eine kleine PVC-freie Tupperdosen, frieren sie ein, verstauen sie sauber, ordentlich und nach Farbe sortiert in einem dafür vorgesehen Platz in unserem Gehirn und wenn uns das Verlangen überkommt, holen wir sie einfach wieder raus und genießen sie.

Doch Erinnerungen und Emotionen sind keine Ben&Jerry's-Sorte und so funktioniert das Leben eben nicht. Stur wie wir sind, glauben wir aber, dass es eben genauso funktioniert und fangen an wie verrückt Erinnerungen und Emotionen an tote Materie zu knüpfen.

Gegenstände sind nicht echt und schon gar nicht wertvoll. Bloß Atome, die durchs Universum schwirren. Früher waren sie Staub und irgendwann werden sie wieder Staub sein. Alpha und Omega. Gefühle, Erlebnisse sind im Gegensatz dazu jedoch sehr echt und vermutlich echter als alles andere auf der Welt.

Wenn wir das Leben wirklich wieder fühlen wollen, dann müssen wir lernen loszulassen

Die Umarmung eines geliebten Menschen, der freie Nachmittag mit den Kindern, der Schmerz einer Trennung. Das sind alles reale und sehr wichtige Dinge. Real und wichtig, weil wir sie fühlen und wertvoll deshalb, weil sie sich eben nicht konservieren lassen.

Sie existieren nur in diesem einen Moment und verfliegen ebenso schnell wieder, egal wie wir uns an sie klammern. Und wie wir klammern. Wir machen Fotos, drehen Videos, verknüpfen die Momente an leblose Gegenstände und glauben so den Moment immer und immer wieder erleben zu können. Auf diese Weise wollen wir zu glücklicheren Menschen werden, die jederzeit Zugriff auf glückliche Gedanken haben.

Das passiert aber nicht. Alles was bei diesem Hamstern passiert ist, dass wir das Wichtige aus den Augen verlieren. Der Glaube, dass wir Erlebnisse jederzeit wieder erleben und Gefühle jederzeit wieder fühlen können, sorgt dafür, dass wir den Wert einer Emotion im hier und jetzt nicht mehr richtig einschätzen.

Wir genießen diese Momente nicht mehr, denn wir glauben, dass wir es später noch tun können. Wir horten und sammeln, doch alles was dabei passiert, ist, dass das Leben an uns vorbeizieht, während wir glauben, es später nachholen zu können.

Es mag überzogen klingen, von einer geliebten Jacke auf so tiefphilosophische Themen zu kommen, aber egal ob Jacke, Ehering der verstorbenen Mutter oder selbstgezeichnetes Bild der kleinen Schwester: Der Mechanismus ist immer der gleiche.

Wenn wir das Leben wirklich wieder fühlen wollen, dann müssen wir lernen loszulassen, denn nur dann kann uns bewusst werden, was wirklich wertvoll ist.

Abschließende Worte

Es mag herzlos erscheinen, Geschenke, Geburtstagskarten oder sonstige sentimentale Gegenstände wegzugeben und ich erwarte nicht, dass viele Menschen diesen radikalen Schritt nachvollziehen können. Doch ihre Beurteilung liegt die falsche Annahme zu Grunde, dass Emotionen fest an Gegenstände gekoppelt wären, dabei ist es genau anders herum:

Emotionen können ohne den dazu passenden Gegenstand existieren, emotionale Gegenstände ohne die dazu passende Emotionen jedoch nicht.

Schmeiße ich eine Geburtstagskarte weg, dann lösche ich damit nicht automatisch die schöne Erinnerung in meinem Kopf. Würde man (hypothetisch) die Erinnerung aber aus meinem Kopf löschen, dann hätte die Karte plötzlich keine Bedeutung mehr für mich.

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Wir werden einen Menschen nicht weniger lieben, nur weil wir etwas, was er uns geschenkt hat (und was wir deshalb mit ihm in Verbindung bringen) weggeben. Die Gefühle und die Erinnerungen bleiben real und präsent.

Die Erkenntnis, dass Gegenstände einfach nur Atome sind und ich ihnen ihren emotionalen Wert gegeben habe, hat mir geholfen, mich leichter von ihnen zu trennen. So konnte ich mich von meiner geliebten und nutzlos gewordenen College Jacke trennen, die nun jemanden Wärme spendet, der diese Wärme dringend benötigt.

Dabei habe ich aber nicht nur meine Garderobe weiter verkleinert, sondern eben auch gelernt in Zukunft nicht mehr zu versuchen Erinnerungen zu horten, sondern sie stattdessen zu erleben.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei medium auf deutsch.

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