Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Marcel Azeroth Headshot

Mehr Leben mit weniger Bullshit: Warum ich mein Leben radikal verändert habe

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MINIMALISMUS
iStock
Drucken

Eine radikale Lösung für radikale Probleme

Das Leben als Millennial könnte großartiger nicht sein. Aktuell hat die Welt zwar keine großen Geheimnisse zu bieten, denn entweder wurden sie schon gelüftet, oder ihre Lösung liegt mindestens 50 Jahre in der Zukunft. Jedoch finden wir von der Generation Y leicht erfüllende Befriedigung in der Glorifizierung des eigenen Ichs und im altbewährten Hedonismus.

In einer stürmischen Welt, deren rasender Fortschritt früher oder später auch die Smartesten von uns abhängen wird oder schon längst abgehängt hat, sind Selbstdarstellung, Vergnügen und allen voran Konsum, standfeste Grundpfeiler einer wetterfesten Burg.

Auch ich lebe wie die meisten, mehr aus Gewohnheit als aus Überzeugung, in so einer schützenden Burg aus Narzissmus und Besitztum, aber langsam beschleicht mich das unangenehme Gefühl, dass diese Mauern nicht wirklich schützen, sondern viel mehr gefangen halten.

Es ist eine leise Ahnung, dass die Jahre in dieser Festung eine Verschwendung von Ressourcen und Zeit waren. Um zu verstehen, wie ich freiwillig in dieses Gefängnis eingezogen bin, muss man unser modernes Konsumverhalten verstehen.

Die gute Seite des Konsums

Die klassische Volkswirtschaftslehre definiert Konsum als Befriedigung von Bedürfnissen. Habe ich Hunger, habe ich ein Bedürfnis nach Nahrung und durch das Kaufen und Verzehren (=Konsumieren) eines Lebensmittels, kann ich dieses befriedigen. Dieses klassische Lehrbuchbeispiel lässt sich leicht auf viele andere Konsumartikel übertragen.

Smartphones befriedigen unser Bedürfnis nach Kommunikation, eine Matratze befriedigt unser Bedürfnis nach Schlaf und Kopfhörer mit modernster Noise Cancelling-Technologie befriedigen unser Bedürfnis danach, den Bullshit, den unsere Mitmenschen tagtäglich lautstark von sich geben, nicht hören zu müssen.

Unser Konsum befriedigt dabei aber nicht nur unsere Bedürfnisse, er ermöglicht gleichzeitig auch, dass unsere Mitmenschen ihre Bedürfnisse befriedigen können. Die einfache Logik des Tausches ist: Meine Ausgaben sind deine Einnahmen und deine Ausgaben sind meine Einnahmen.

Diese simple und robuste Logik hat aus einem Haufen behaarter Frühmenschen, die sich gegenseitig mit Stöcken erschlugen, moderne Menschen geformt, die bei Teletext-Umfragen 1,99€ pro SMS bezahlen, um mit "Ist mir egal" zu antworten und das Erschlagen lieber Predator-Drohnen überlassen, die das wesentlich effizienter können als jeder Stock.

Die schlechte Seite des Konsums

Leider ist die Welt ein bisschen komplexer und so kommt die Frage auf, welches Bedürfnis befriedigt wird, wenn ich mir ein drittes, viertes, fünftes Paar Schuhe kaufe. Warum lege ich mir ein neues Auto zu, obwohl mein Altes noch fährt (alternativ: Warum überhaupt ein Auto, wo ich doch alles bequem per öffentlichen Nahverkehr erreiche)? Welches geheimnisvolle Bedürfnis sorgt dafür, dass mein Wohnraum von Umzug zu Umzug größer wird, obwohl ich in dieser Zeit weder Kinder bekommen habe, noch größer geworden bin?

Im Gegensatz zum guten Konsum befriedigt eben beschriebener Konsum keine echten Bedürfnisse, sondern lediglich künstlich geschaffene Bedürfnisse. Wir brauchen kein fünftes Paar Schuhe, wir glauben, dass wir ein fünftes Paar Schuhe brauchen und somit kreieren wir selbst ein Bedürfnis, welches wir nun durch den Kauf von einem fünften Paar Schuhen befriedigen. Doch wieso schaffen wir Bedürfnisse, wo es keine Notwendigkeit gibt? Die kurze und unangenehme Antwort: Weil uns Konsum glücklich macht.

Der Versuch einer Erklärung

Wie gelangte das emotionales Konzept von "Glück" in das rationale System des Konsums? In den Jahren des weltweiten Wirtschaftswunders fand die westliche Gesellschaft immer größer werdenden Gefallen am Konsum und gab dies Generation für Generation weiter.

Wenn man etwas aus dem Zweiten Weltkrieg gelernt hatte, dann, dass Entbehrung beschissen ist, und, dass das Gegenteil davon ganz gut sein musste. So wurden ganze Generationen in dem Glauben groß gezogen, dass mehr Konsum zu mehr Sicherheit und zu mehr Glück führt. Eltern motivierten ihre Kinder, mehr Besitztümer anzuhäufen, die wiederum ihre Kinder motivierten, mehr Besitztümer anzuhäufen.

Anfänglich in kleinen Schritten, aber der wachsende Wohlstand ermöglichte es Stück für Stück, dass Menschen anfingen mehr Dinge zu konsumieren, die sie nicht zwingend benötigten. Wenn die Menschen plötzlich mehr ausgaben, gab es für die Unternehmen auch mehr zu verdienen und dieses steigende Marktvolumen sorgte schnell für einen straffen Wettbewerb. Jeder wollte etwas vom größer werdenden Kuchen und wer statt Krümel ein Stück mit Kirsche wollte, der musste sich etwas einfallen lassen.

Zwar sprach man schon in den 20ern von "Marketing", aber erst in den 60ern und 70ern erkannte man, dass dieses ehemalige Nischenphänomen ungeahntes Potential barg. Plötzlich war es egal, ob das eigene Produkt qualitativ gut war, viel wichtiger war, wie es in den Köpfen platziert wurde.

Ich empfinde das bedrückende Gefühl, dass hier irgendetwas schief läuft

Um große Mengen abzusetzen, musste man nur noch die Werbe-Kampfhunde von der Leine zu lassen, die den Konsumenten dann suggerierten, dass sie Bedürfnisse hatten, die sie eigentlich nicht hatten. Irgendwo in dieser Zeit, wo Menschen fragwürdige Frisuren und viel zu kurze Shorts trugen, wurde etwas angestoßen, das dafür gesorgt hat, dass ich heute im Jahr 2016 einen Großteil meines Einkommens für Dinge ausgebe, die ich nicht brauche.

Dennoch kaufe sie, denn in der Vergangenheit habe ich gelernt, Freude beim Konsumieren zu empfinden. Eine kurze Chronologie: Ich bin 8 und meine Mutter kauft mir eine Batman Action-Figur. Ich empfinde Freude. Ich bin 12 und meine Großmutter kauft mir ein Videospiel. Ich empfinde Freude. Ich bin 16 und meine Mutter kauft mir ein cooles T-Shirt.

Ich empfinde Freude. Ich bin 18 und von meinem ersten knappen Zivi-Geld kaufe ich mir ein neues Handy. Ich empfinde Freude. Ich bin ein Pawlowscher Hund, mit dem feinen Unterschied, dass ich die Glocke selbst in der Hand habe und nicht stinke, sobald ich nass werde. Durch einfaches Läuten (Konsumieren) kann ich mich selbst in einen freudigen Zustand versetzen, alles was ich dafür tun muss, ist mein Konto zu belasten.

Das ist gar nicht mal so gut, wie es sich vielleicht liest. Ich bin 25 und kaufe von meinem ersten richtigen Gehalt mein 15. Paar Schuhe. Ich empfinde das bedrückende Gefühl, dass hier irgendetwas schief läuft.

Das Problem

Natürlich ist die oben beschriebene Freude keine echte Freude. Echte Freude empfinde ich, wenn ich meine kleine Schwester im Arm halte, wenn ich Zeit mit meinem besten Freund verbringe, wenn ich auf einem guten Konzert bin, allgemein gesprochen: Wenn ich etwas erlebe, was mir das Gefühl gibt am Leben teilgenommen zu haben. Etwas Echtes sozusagen.

Ohne zu philosophisch zu werden: Leblose Gegenstände zu kaufen ist alles andere als echt, dennoch suggeriert mir mein Gehirn, dass es ebenfalls etwas Echtes sei und mich deshalb ebenso glücklich machen kann.

Doch während ein entspannter Nachmittag mit Menschen die einem wichtig sind "nachbrennt" und noch einige Zeit später durch Erinnerungen glücklich macht, verpufft das falsche Glück durch Konsum ziemlich schnell und hinterlässt zu allem Übel auch noch ein unangenehmes Vakuum.

Das Ganze lässt sich gut mit dem Konsum von süchtig machenden Drogen vergleichen. Man muss kein ein Junkie sein, um zu wissen, was Junkies machen, wenn sie das Vakuum fühlen, das eine Droge dann hinterlässt, wenn ihre Wirkung abklingt.

Sie füllen es einfach, indem sie die Droge erneut konsumieren. Nicht anderes passiert Wochenende für Wochenende, wenn Millionen Menschen in die Einkaufszentren strömen, um Sachen zu kaufen, die sie eigentlich gar nicht brauchen, die jedoch für kurze Zeit ihr Vakuum füllen. Wir sind eine Gesellschaft von Junkies, süchtig nach Konsum und Besitz und wie auch Junkies, zerfrisst uns unsere Abhängigkeit langsam aber stetig von innen heraus.

Wie Junk Food ist das kurze und falsche Glück durch Konsum viel leichter zu erreichen als durch aufwendige Erlebnisse, weswegen es auch so ungerecht einfach ist, dem Konsum zu verfallen. Davon profitieren vor allem Industriezweige wie die Fashion Industrie, die mit Vergnügen Benzin in diesen längst außer Kontrolle geratenen Brand schüttet.

Wir brauchen nicht nur ständig mehr Konsum, sondern werden auch permanent von der Angst gehetzt, in Zukunft nicht mehr adäquat konsumieren zu können. Man sagt Geld regiert die Welt, was nicht gesagt wird ist, dass es bei Geld nicht um Geld geht, sondern um Konsum.

Ich möchte nicht wissen, wie viele Samstage ich in Einkaufszentren verbracht habe, statt etwas vom echten Leben zu kosten. Wie viel Geld ich für neue Schuhe, T-Shirts, Jeans und Co. ausgegeben habe, statt mal zu verreisen oder wie viel Sinn ich Tätigkeiten gegeben habe, die mir mehr Konsum in der Zukunft versprochen haben, statt gottverdammt nochmal das zu machen, was mich wirklich glücklich macht.

Es gab für mich kein einschneidendes Erlebnis, keine plötzlich Offenbarung und auch keinen Guru, der mir die Augen geöffnet hat. Nur ein über die Jahre hinweg wachsendes Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt. Aus einem Gefühl wurde Gewissheit und langsam wird es Zeit dem Leben eine neue Richtung zu geben.

Die Lösung

Eigentlich ist es recht einfach aus dieser Spirale auszubrechen, denn alles, was man tun muss, ist weniger zu konsumieren und mehr zu erleben. Mit diesem simplen Schritt nimmt man sich aus der Gleichung und könnte sein Geld und seine Zeit für Dinge aufbringen, die nachhaltig glücklich machen.

Leider ist das Leben kein Kalenderspruch und manchmal ist das Unterlassen von Dingen, die uns nicht gut tun, harte Arbeit. Wäre dem nicht so, dann würde es die Tabak-Industrie nicht nur nicht geben, sondern sie wäre auch kein milliardenschweres Monstrum.

In meinen Augen erfordert dieses grundlegende und radikale Problem einen radikalen Ansatz. Der Ansatz heißt weniger zu konsumieren, weniger zu besitzen und vor allem weniger zu wollen.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

Doch damit nicht genug, denn ein Millennial muss tun, was ein Millennial tun muss und unter anderem bedeutet dies, dass ich dieser neuen Lebensphilosophie nicht nur ein Label, sondern auch ein dazu passendes Lebensgefühl verpassen muss. Glücklicherweise wurde mir diese Arbeit schon abgenommen: Minimalismus, Fuck Yeah!

Meine Reise hin zu mehr Leben und weniger Bullshit begann dieses Jahr und langsam wird es an der Zeit über meine Erfahrungen, meine Rückschläge und meine Ziele zu bloggen. Folgt mir und begleitet mich auf meiner Reise. Stay tuned.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf "medium auf deutsch".
Mehr über den Autor Marcel Azeroth erfahrt ihr auf twitter.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.