Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Marcel Azeroth Headshot

Die Lüge der Karriere: Warum wir nicht das sind, was wir besitzen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Für meinen Großvater war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass sein Enkel (das bin ich) Karriere machen wird und vor allem muss. Das führte dazu, dass, während meine Altersgenossen auf ihren Familienfeiern in Ruhe grundlos passiv-aggressiv aus dem Fenster starren konnten, ich mit meinem Großvater am Tisch saß und mir die Welt der Börse, Wirtschaft und Aktien erklären ließ.

Durstig nach Wissen hing ich an seinen Erklärungen. Was ist der Dax, wie interpretiert man Aktienkurse, wie handelt man mit Wertpapieren und in welchen Industriezweigen gibt es das meiste Geld zu holen?

Zumindest müsste mein Großvater gedacht haben, dass dies in mir vorgeht, als er mich an seinen Erfahrungen teilhaben ließ. In Wahrheit brachte ich einen nicht unerheblichen Anteil meiner Energie dafür auf, in möglichst unregelmäßigen Abständen zu nicken und mir zu wünschen, endlich zuhause bei meinem Nintendo 64 mit nagelneuem Mario Kart 64 zu sein.

Familie kann man sich nicht aussuchen, aber es gibt auch keinen Grund sich zu beklagen. Es gibt 13-Jährige, die müssen in Südostasien Turnschuhe für weiße 13-Jährige am anderen Ende der Welt nähen, und auf die wartet zuhause dann kein Nintendo 64 mit nagelneuem Mario Kart 64.

Als Geld nur buntes Papier war

Mein Großvater versuchte aus mir einen Patrick Bateman ohne Kettensäge und tote Prostituierte zu züchten und dabei hatte er eigentlich nur Gutes im Sinn. Beim Gedanken daran, dass sein Enkel einmal eine erfolgreiche Karriere vorweisen kann, glänzten seine Augen und seine vor Stolz geschwellte Brust war kurz davor die Hemdknöpfe, ohne Rücksicht auf das Augenlicht aller Anwesenden, abzusprengen.

Haus, Porsche, Rolex, Fuck Yeah! Eine Erklärung für mein damaliges Desinteresse mag darin liegen, dass ich ein Millennial bin und diese Menschen schon in ihrer Pubertät undankbare und egozentrische Arschlöcher gewesen sind.

Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass ich 13 war, Geld für mich lediglich buntes Papier war und ich in ständiger Panik lebte, dass mich ein Mädchen zufällig ansprechen könnte.

Doch als Geld für mich nicht mehr nur dieses bunte Papier war, was ich dem Verkäufer bei Media Markt gegeben habe, um eine Nintendo-Spiel mit nach Hause nehmen zu können, wurde mir allmählich klar, was mein Großvater für Absichten mit seinen fortwährenden Monologen über das Mysterium Wirtschaft eigentlich wollte.

Er wollte den bestmöglichen Grundstein für meine erfolgreiche Karriere -  vorzugsweise in einer Investmentband - so zeitig wie möglich legen, um mir finanziellen Erfolg zu sichern. Besitz und Luxus, das sollte für mich in der Zukunft immer nur eine Unterschrift oder eine PIN-Eingabe weit entfernt liegen.

Das Studium verspricht die Antworten

Im Prozess des Älterwerdens wurde dieses bunte Papier allmählich der Slogan, das Logo und das Testimonial meiner Lebensplanung. Der sicherste Weg für mich, dies zu realisieren, war es, Wirtschaftswissenschaften zu studieren.

Nicht nur, weil ich mir davon eine erfolgreiche Karriere erhoffte, sondern über die Zeit wuchs in mir auch eine ehrliche Faszination für die Antworten, die dieses Studium versprach.

Was sich an der Börse abspielt, hat mich zur Enttäuschung meines Großvaters zwar weiterhin nicht interessiert, doch statt mir zu wünschen, bei meinem Nintendo 64 zu sein, wollte ich nun vielmehr die Rätsel um das große Ganze erkunden.

Wenigstens etwas Erleuchtung in einem Universum voller Fragen. Meine anfängliche Euphorie fiel schnell dem Triumvirat des deutschen Bildungssystems zum Opfer. Ignorante Bürokratie, standardisierte Bildungsabschlüsse und die Unfähigkeit zu lehren nehmen die jugendliche Flamme und ersticken sie, bevor sie ernsthaft brennen kann und sich wohlmöglich noch jemand durch zuviel Nachdenken verletzt.

Ausnahmen beweisen auf beruhigende Art und Weise die Existenz dieser Regel und so gab es auch auf meinem Weg Ausnahmen am Rand. Inspirierende Professoren, motivierte Dozenten und Seminardiskussionen, nach denen man seine Kommilitonen ausnahmsweise mal nicht erwürgen wollte.

2016-06-01-1464775926-9743212-1RRUsrk8vWz3jZLXtj5eKCw.png

Wäre meine Motivation für das Studium weiterhin meine anfängliche Euphorie geblieben, dann wäre ich ziemlich schnell unter die Räder dieses verdammt hässlichen Systems gekommen, deren FußsoldatInnen grimmige SekretärInnen, grimmige ProfessorInnen und absurde Studienordnungen sind.

Verzweifelt man das erste Mal am Bürokratendeutsch oder der Ignoranz einer ProfessorIn, dann kommt einem die verheißungsvolle Karriere und der damit einhergehende Wohlstand doch sehr gelegen.

Alles was man tun muss, ist durchhalten und am Ende hält man dann einen Zettel in der Hand, den man der zukünftigen ChefIn mit den Worten "Morgen fang ich an und dann wird hier overperformt, Digga!" auf den Tisch knallen kann.

Ohne diese Verheißung hätte ich wohl im besten Fall eine Stress-Schuppenflechte bekommen, im schlimmsten mir vermutlich die Haare ausgerissen. Was anfänglich noch als Notlösung herhalten musste, bestimmte im Laufe der Zeit immer mehr mein Denken und Handeln.

Lernen, um zu besitzen

Studium, Praktikum, Nebenjobs. Alles diente immer stärker meiner zukünftigen Karriere und niemand sagte mir, dass das eigentlich großer Unsinn ist. Ich lernte nicht um zu wissen, sondern um zukünftig zu besitzen.

So ein Motivationsmix aus Passion und Karrierefokus macht vielleicht nicht unbedingt glücklich, hat aber durchaus funktioniert. Mein Studium habe ich nun abgeschlossen und jetzt kann eigentlich das losgehen, was sich mein Großvater immer für mich gewünscht hat und worauf die letzten 5 Jahre meines Lebens ausgerichtet waren: Karriere machen, Dinge kaufen, Dinge besitzen, für Dinge Kredit aufnehmen, Kredite abbezahlen, Fuck Yeah!

Mein erstes Gehalt fühlte sich nicht nur unheimlich gut an, sondern erlaubte mir auch plötzlich einen höheren Lebensstandard zu pflegen. Doch obwohl ich nun mehr besitze und mehr kaufe als noch vor zwei Jahren, fühle ich mich weder erfüllter, noch glücklicher.

Das brachte mich zum Zweifeln: Was will ich mit Karriere, wenn ich jetzt auch auf dem Campus sitzen und Club Mate trinken könnte, während ich mit Freunden abwäge, ob wir die nächste Vorlesung ausfallen lassen und stattdessen Basketball spielen gehen.

Doch das Konzept von Karriere ist nicht das Problem. Karriere bedeutet nicht von Junior zu Senior zu VP aufzusteigen. Karriere bedeutet sich weiterzuentwickeln und sich neuen und größere Herausforderungen zu stellen. Der Ladebildschirm von Doom sagt dazu: Die Hölle frisst die Trägen.

Die Abwesenheit von Zufriedenheit

Ich glaube zwar eher, dass die Hölle die frisst, die stehen geblieben sind, aber im Kern hat hier ein Ego-Shooter, in welchem man mit einer Kettensäge 3 Meter große Dämonen zersägen kann, sehr gut einen nicht unwesentlichen Aspekt unseres menschlichen Wesens auf den Punkt gebracht.

Karriere, wie ich sie oben beschrieben habe, ist genau das Gegenteil von Trägheit und Stillstand. Karriere machen bedeutet lernen und Erfahrungen zu sammeln und ist der Grund, wieso wir heute nicht mehr in Höhlen um ein Feuer sitzen und uns vor Donner fürchten, sondern, dass wir heute in beheizten Wohnungen sitzen und uns vor Glyphosat fürchten.

Wenn aber das Problem nicht die Karriere ist, woher kommt dann trotzdem die Abwesenheit von Zufriedenheit?

Der Fehler ist die Motivation hinter dem Willen voranzukommen. Ich wollte Karriere machen, um mehr zu besitzen, das war eben das, was ich mein ganzes Leben gelernt habe. Doch Menschen sind eben nicht das, was sie besitzen und somit verändert mich mehr Besitz auch nicht.

Nun mache ich also Karriere, besitze mehr, bleibe aber grundlegend der gleiche Mensch, weil mein ganzes Wesen und Handeln nicht darauf ausgerichtet ist, mehr zu lernen und mich zu entwickeln, sondern lediglich um mehr zu besitzen.

Der Druck, Karriere zu machen

Statt zu lernen, wie ich ein besserer Autor werde, lernte ich wie ich standardisierte Tests bestehen kann. Habt ihr euch schonmal nachts um zwei in Literatur vertieft wiedergefunden, nur um herauszufinden, wie ihr besser standardisierte Tests bestehen könnt?

Sicherlich nicht, aber wisst ihr auch warum? WEIL DAS GOTTVERDAMMT NOCHMAL NIEMANDEN INTERESSIERT UND AUCH NIEMANDEN WEITERBRINGT. Diese falsche Motivation sorgt dafür, dass mir die Passion in der Weiterentwicklung verloren gegangen ist und ich somit einfach nur auf der Stelle trat.

Ich bin das, was ich kann und bewege. Ich bin die Fehler, aus denen ich gelernt habe und natürlich auch die Fehler, aus denen ich (immer noch) nicht gelernt habe. Ich bin nicht die Bücher, die ich gelesen habe und die nun in meinem Bücherregal Staub sammeln und meinen Besuch beeindrucken, sondern die Erkenntnisse, die ich daraus gezogen habe.

Natürlich entwickelt man sich auch, wenn der eigene Fokus bei der Karriere darauf liegt einfach mehr Geld anzuhäufen und es gibt sicherlich auch Menschen, die beide Motivationen - die nach Geld und die nach dem Willen sich weiterzuentwickeln - perfekt verbinden können. Ich kann es jedoch nicht und diese Situation empfinde ich als extrem unbefriedigend.

Ich will mich stetig weiterentwickeln

Doch mit der Einsicht kam auch die Veränderung. Aus dem Druck mich weiterentwickeln zu müssen, um Karriere zu machen, wurde ein Sog. Ein Sog, der mich dazu antreibt, mich weiterzuentwickeln.

Dieser Wechsel der Perspektive erlaubt mir das richtig zu machen, was unser Bildungssystem die ganze Zeit falsch macht und was auch der Grund dafür ist, dass es so übertrieben ätzend ist.

Ich will kein Mensch mehr werden, der nur etwas besitzt, sondern ein Mensch, der lernt und sich stetig entwickelt. Ich will lernen, Fehler machen, wachsen, Erfahrungen sammeln, einfach weil es das ist, was unsere Natur ausmacht und natürlich, weil ich keine Lust habe, von der Hölle gefressen zu werden. Das ist es, was uns über Karriere gelehrt werden sollte.

Als Millennial gehöre ich zur Generation, die nicht nur weiß, was LOL und YOLO bedeutet, sondern prinzipiell alles weiß. Dennoch gestehe ich mir ein, vielleicht nicht alles begriffen zu haben, deshalb ist dieser Artikel in der Ich-Form verfasst und nicht in einer neutralen Form, die nach Allgemeingültigkeit strebt.

Mehr von Marcel Azeroth erfahren Sie auf seinem Blog und über seinen Twitter-Account.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Auch auf HuffPost:

Mutter kann nicht glauben, was sie im schwarz verfärbten Knie ihres Sohnes findet

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Lesenswert: