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Ein Liebesbrief an meine Depression: Danke, dass du in mein Leben getreten bist

01/03/2017 17:52 CET | Aktualisiert 01/03/2017 17:54 CET
SanderStock via Getty Images

Ich lebe nun seit mittlerweile 11 Jahren mit Depressionen und in dieser Zeit habe ich bisher so gut wie alle Facetten dieser Erkrankung am eigenen Leib erfahren.

So weiß ich, wie es ist zu leben und kaum zu spüren, dass man krank ist, jedoch weiß ich auch, wie es sich anfühlt, wenn sich Suizidgedanken allmählich immer präsenter in den eigenen Alltag einschleichen und man schlussendlich an einem Punkt ist, an dem man nicht mehr ehrlich zu sich sagen kann, dass Selbstmord keine Option ist.

Depression hat das Schlechteste in mir zum Vorschein gebracht, Beziehungen zu geliebten Menschen unwiderruflich zerstört und trotzdem kann ich heute aufrichtig und ohne eine Spur Zynismus sagen, dass ich nicht nur froh über meine Erkrankung bin, sondern ihr auch diesen „Liebesbrief" widmen möchte.

Wie vielen Betroffenen hat man mir meine Erkrankung von außen nicht angemerkt.

Ich habe trotzdem "funktioniert"

Als ich mich kürzlich mit meiner Großmutter, die selbst stark unter Depressionen litt, über dieses Thema unterhalten habe, war sie überrascht zu erfahren, dass ich seit meinem 16. Lebensjahr mal mehr und mal weniger mit der gleichen Erkrankung zu kämpfen habe.

Über all die Jahre war ich ein gut funktionierender Teil der Gesellschaft, habe mein Abitur gemacht, erfolgreich studiert, Nebenjobs gehabt, Praktika absolviert und auch einen Job gefunden.

Ohne Glück lief das Ganze jedoch nicht ab, das ist mir durchaus bewusst.

Mehr als genug Menschen mit Depressionen sind derart fest im Würgegriff ihrer Erkrankung gefangen, dass dieses normale „Funktionieren" überhaupt nicht möglich ist.

Mein Glück war es, dass ich trotz der Leere und der emotionalen Kälte in mir, immer freundlich „Guten Tag" sagen konnte, eifrig Hände geschüttelt habe und so grob das getan habe, was Familie und Gesellschaft von mir verlangt haben.

Wen kümmert es schon, dass man ständig mit einem Gefühl lebt, als ob man seine eigene Seele und jeden Funken Freude aus dem Körper gekotzt hat, wenn es Klausuren und Bewerbungsgespräche zu meistern gibt?

Doch während mein sozio-ökonomisches Leben einen recht passablen Eindruck gemacht hat, war mein emotionales Ich und so gut wie jede zwischenmenschliche Beziehung die ich einging, eine einzige Aneinanderreihung von Katastrophen.

Schatten der Depression

Menschen, die mir wirklich nah waren, wussten nur das von mir, was ich sie wissen lassen wollte, die Beziehung zu meiner Mutter hätte und würde Freud vor Aufregung im Dreieck springen lassen und angetrieben von der Sucht nach Anerkennung, habe ich bisher ausnahmslos jede (!) romantische Beziehung unter tosendem Spektakel und jeder Menge Feuerwerk gegen die Wand gefahren.

Im Prinzip hatte ich immer alles, was man sich wünschen kann (privilegiert durch Sexualität, Herkunft, Einkommen der Eltern und Anzahl der Zähne) und doch fühlte sich mein Leben hinter der Fassade an, als ob ich langsam ersticken und gleichzeitig erfrieren würde.

Die einzigen dominanten Gefühle waren das beständige Keifen der Kälte um mich herum und das unermüdliche Starren des Abgrunds unter mir.

Während sich die Leere in mich fraß und irgendwann ein so fester Bestandteil meiner Persönlichkeit wurde, dass ich sie in guten Zeiten der Gewohnheit halber manchmal sogar etwas vermisste, suchte ich Bestätigung vor allem in Dingen, von denen mir erzählt wurde, dass sie mich erfüllen.

Konsum, Karriere, sexuelle Abenteuer.

Dass diese Dinge einen Menschen nicht glücklich machen, erzählen dir sogar die lieblos hingerotzten Selbsthilfe-Kolumnen in Zeitungen wie Men's Health und Brigitte und trotzdem bin ich mit Anlauf und einem breiten Grinsen in dieses stinkende Meer aus Scheiße gesprungen.

Heute weiß ich es besser, doch damals erschienen mir Dinge zu kaufen, Geld zu verdienen und Frauen aufzureißen als die einzige Möglichkeit die Leere in mir zu füllen und meinem mentalen Gefängnis zu entkommen.

Ich möchte mich hier nicht nur als Opfer präsentieren, denn ich habe auch Dinge getan, auf die ich nicht stolz bin.

Unsicherheiten, Selbsthass und eine nicht zu unterschätzende Portion Narzissmus haben wirklich hässliche Dinge aus mir hervorgeholt.

Ich habe Menschen emotional an mich gebunden, nur um meine Sucht nach Anerkennung zu befriedigen, ich habe mich über Menschen gestellt, um mein zerstörtes Ego aufzubessern und ich habe aus vollster Überzeugung gehasst.

Menschen, die Döner in der Straßenbahn essen, Studenten die auf dem Boden sitzen, Leute die zu langsam auf dem Gehweg laufen, mich. Mein Hass kannte keine Grenzen und mein Hass hat nicht diskriminiert.

Es wäre nun ein Leichtes meine Taten auf meinen Zustand zu schieben, aber ich werde diese Verantwortung nicht von mir wegschieben.

All den Schmerz den ich verursacht habe, trage ich mit mir und mit diesem hässlichen Monster auf der Schulter sitzend, muss ich nun jeden Tag in den Spiegel schauen.

Doch das ist nicht nur okay -- ich bin dafür auch dankbar.

Danke für meine Erfahrungen

Der bisherige Text sieht vielleicht nicht wie eine sonderlich romantische Liebeserklärung aus, doch das ist er.

Ich bin dir -- liebe Depression -- mehr als dankbar, dass du in mein Leben getreten bist.

Ich danke dir für den Schmerz, ich danke dir für jede Stunde in der ich überlegt habe, ob Sterben nicht die bessere Alternative zum Leben ist, ich danke dir gottverdammt nochmal für die 2 Wochen in 2016 als du mich körperlich ausgeknockt und ans Bett gefesselt hast.

Ich danke dir für all den Hass, den du wie dunkelschwarzen Teer durch meine Adern gepumpt hast, ich danke dir, dass durch dich die Beziehung zu meiner Mutter ein einziger Scherbenhaufen ist, der nicht mal im Ansatz erkennen lässt, was das ursprüngliche Gefäß mal gewesen sein mag.

Ich danke dir, dass du mir in Räumen voll mit Menschen immer das Gefühl gegeben hast, allein zu sein und in einer Welt zu leben, in welcher mich niemand sieht und versteht.

Es mag so wirken, als ob mir meine Krankheit Alles genommen hat, aber so wie sie Dieb gewesen ist war sie auch Geber.

Ich verstehe dank ihr, was es bedeutet allein am Abgrund zu sein und wie es sich anfühlt, wenn man nichts mehr spürt.

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Ohne diese Einblicke wäre es mir wohl nicht möglich, andere Betroffene und Menschen allgemein so zu verstehen, wie ich es heute tue. Ich kann ihren Schmerz fühlen, weil ich diesen Schmerz selbst erlebt habe.

Die Krankheit erlaubt mir, gesellschaftliche Mechanismen zu erkennen, die uns kontinuierlich in die Einsamkeit treiben, weil ich es durch sie selbst erlebt habe.

Auch wenn dieses Wissen teuer erkauft wurde, erlaubt dieses mir heute ein anderer Mensch zu sein und die Möglichkeit die Welt vielleicht zu einem besseren Ort zu machen.

Durch dich konnte ich erkennen, wer ich wirklich bin und ich konnte durch dich verstehen, was wirklich in meinem und dem Leben anderer Menschen zählt.

Ich will nicht, dass dieser „Liebesbrief" den Eindruck erweckt, dass ich glücklich bin mit Depression zu leben. Es ist nichts Schönes oder gar romantisches daran an einer psychischen Krankheit zu leiden. Depression ist und bleibt scheiße.

Ein Weg hinaus

Sie nimmt den Menschen ihre Kraft zum weiterleben, sie zerstört die Beziehungen zu Personen die wir lieben und sie zerstört sogar manchmal genau die, die wir lieben. Es ist ein verdammtes Monster und manche können sich ihrem Würgegriff niemals entziehen, das habe ich nicht vergessen.

Dieser Liebesbrief wurde in meinem Kopf schon tausend mal geschrieben und auch dieses mal habe ich das Gefühl, dass er herablassend und überheblich gegenüber denen ist, die bisher keinen Weg aus der Depression gefunden haben.

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Auch jetzt ist der Brief nicht perfekt und meine Unsicherheit ist nicht verschwunden, jedoch wäre ich froh gewesen, wenn mein 5 Jahre jüngeres Ich genau diesen Brief gelesen hätte.

Ich bin dankbar über meine Depression, denn das ist der einzige Weg wie ich ihr die Macht über mich entreißen kann.

Liebe Depression, du wirst immer ein Raubtier bleiben, aber ich bin keine Beute mehr.

In Liebe,

Marcel

Das Original erschien auf Stay-Alive, einem Non-Profit-Projekt, welches von Depression Betroffene unterstützt und gesellschaftliche Aufklärungsarbeit zum Thema leistet.

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