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New Work und Kunst? 100% gegen die Tristesse und 10% für Disruption!

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Eigentlich ist die Blogparade und das Special auf der Huffington Post zu New Work beendet. Uneigentlich wurde aber ein Schlüsselthema noch nicht berücksichtigt, das oft auch eher nicht oder nur oberflächlich als Zuckerguss thematisiert wird: Kunst!

Aber beginnen wir kanonisch: mit dem Anfang.

Digitalisierung und New Work sind aktuell in aller Munde.

Die Auswirkungen von Digitalisierung, exponentiellen Wachstumskurven und künstlicher Intelligenz auf die Gestaltung von Arbeit bewegt Mitarbeiter, Führungskräfte und die Gesellschaft gleichermaßen. Damit einher geht die Diskussion darüber, welche Fähigkeiten uns (Menschen) zukünftig von Robotern und Maschinen unterschieden wird? Welche werden erforderlich sein, um wettbewerbsfähig zu bleiben?

Nahezu alle Studien sind sich einig:

Was Menschen auch langfristig von Robotern unterscheiden wird, sind Kreativität, soziale Interaktion und Kommunikation. Insbesondere Kreativität stellt dabei den Jungbrunnen für neue Ideen, radikale Innovationen und damit den Schmierstoff der digitalen Revolution dar.

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Dass das Arbeitsumfeld die Fähigkeit zu Kreativität und Innovationskraft unmittelbar beeinflusst, ist allgemein anerkannt. Heerscharen von Möbelherstellern und Architekten haben sich mit der Gestaltung von Bürogebäuden beschäftigt und die jeweils neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse einfließen lassen. Doch gelingt es ihnen, Kreativität und Inspiration zu fördern, ohne dabei Produktivität und Effizienz außer Acht zu lassen? Und was hat das alles mit Kunst zu tun?

Inspiration am Arbeitsplatz? Fehlanzeige.

Wir denken, dass insbesondere in Deutschland das Thema ‚Inspiration' bisher nur wenig bis keinen Einzug in die Arbeitsumgebung gefunden hat. Da dominieren vielerorts reine Funktionalität, Tristesse und Sterilität. Da sieht es in der Zentrale eines DAX Konzernes genauso aus wie bei der Anwaltskanzlei Dr. Müller von nebenan. Standardmobiliar, Open Space in Kombination mit Desk Sharing als scheinbares Allheilmittel für mehr bereichsübergreifende Zusammenarbeit.

Funktionale und in grauen Pastelltönen gehaltene (sündhaft teure) Büromöbel, die natürlich allen Health&Safety- und Ergonomiestandards genügen. Und dann noch etwas CI (Corporate Identity) in Form von Wandpostern. Und fertig ist das Büro-Einerlei des 21. Jahrhunderts.

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Kunst am Bau? Kunst als Prestige-Objekt?
Kunst kommt hier dann auch schon mal zum Einsatz - teilweise als Relikt besserer Zeiten. Sei es der Rembrandt in der Empfangshalle oder ein abstrakt-bombastisches Kunst-am-Bau-Projekt, bei dem sich Mitarbeiter schnell mal fragen: „Wofür braucht man das? Warum gibt man dafür Geld aus?" Bis hin zu typischen Wandtapeten mit „glücklichen Menschen (aber möglichst Models und nicht Mitarbeiter), die noch glücklicher umherlaufen". Völlig losgelöst von der Identität des jeweiligen Unternehmens - bezugslos und häufig nur ein Ausdruck abstrakter Größe und (längst vergangener) finanzieller Ausstattung. Da hat nur der kunst-affine Vorstand, der vor 10 Jahren den Staffelstab an seinen Nachfolger übergeben hat, den Sinn und Zweck verstanden. In ihrer Aussagekraft ähnlich konkret wie viele Leadership Prinzipien oder „Unternehmenswerte", die austauschbar in allen Fluren an den Wänden pranken - doch auch dies ein Thema für einen weiteren Artikel.

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Art & funktionale Kunst - Inspirationsquelle für disruptive Querdenker

Doch dabei bieten Kunst und künstlerisches Schaffen tatsächlich eine nahezu unendliche Quelle an Inspiration und Kreativität - nicht umsonst stellen gerade Künstler eine der am wenigsten von der Automatisierung betroffene Berufsgruppe dar.

Wer schon einmal mit Künstlern zusammengearbeitet hat, der wird sehr schnell begreifen, dass genau diese kreative Schaffenskraft es ist, die in vielen Unternehmen fehlt.

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Da sind Inspiration, Fehlerkultur, (unternehmerische) Freiheit, schöpferische Zerstörung und Perspektivwechsel an der Tagesordnung und nicht Bestandteil eines Entrepreneurship-Trainings für Führungskräfte. Warum also nicht auf dieser kreativen Schaffenskraft aufsetzen und künstlerische Gestaltung unmittelbar einfließen lassen in das Arbeitsumfeld - und zwar als integralen Bestandteil und nicht als ‚schmückendes Beiwerk'. Also: Künstler her und Office neu machen? So leicht ist es dann leider (in vielen Fällen) doch nicht. Auch hier machen der richtige Mix und die konkrete Umsetzung den Erfolg aus.

Doch was bedeutet umsetzen? Die 70/20/10 Regel

PHASE 1

Wir haben es vor einigen Jahren bei Detecon ausprobiert und haben schnell die inspirierende Wirkung von Kunst bei der Gestaltung des Arbeitsumfeldes am eigenen Leib erlebt. Mit allen Risiken und Nebenwirkungen. Den Ausgangspunkt bildete dabei die Neugestaltung unseres Offices sowie die gleichzeitige Einführung von New-Work-Strukturen. Gemeinsam mit einem internationalen Künstlerteam rund um unseren (mittlerweile) Partner Orange Council wurde das damalige muffige Bestandsgebäude (völlig verwinkelt, unglaublich dunkel und trostlos ...) in ein New Work Arbeitsumfeld verwandelt. In Phase 1 kamen künstlerische Gestaltungselemente in den Lounge- und Kommunikationsbereichen sowie in den Fluren zum Einsatz.

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PHASE 2

In Phase 2 zogen wir dann die Meetingflächen nach. Dabei wurden entlang einer umfassenden Bedarfsanalyse unterschiedliche Aktiviäten-Cluster identifiziert (konzentrieren, kreativ sein, relaxen (digital-detox), kommunizieren, zusammenarbeiten, veranstalten ...) und durch entsprechende Arbeitsumfelder unterstützt. Im Zentrum der künstlerisch-kreativen Gestaltung stand dabei das s.g. Up-Cycling: alte Möbelstücke oder Inventarstücke wurden durch entsprechende Aufbereitung veredelt und in die Gegenwart geholt. Entscheidend war dabei, dass diese Elemente die Unternehmenskultur widerspiegeln und einen wesentlichen Identifikationspunkt für das Unternehmen bilden. Heißt das künstlerische Gestaltung überall? Mitnichten. Aus unserer Erfahrung bietet sich hierbei die 70/20/10-Regel an.

- Ca. 70% der Fläche bildet Standardmobiliar von marktüblichen Möbelherstellern - maximal skalierbar und funktional.

- Rund 20% bilden Kommunikations- und Kollaborationsbereiche, bei denen eine künstlerische Gestaltung und Anwendung des Up-Cycling erfolgt - allerdings mit einem starken Fokus auf Funktionalität und Flexibilität (z.B. beschreibbar, rollbar, klappbar) und spezifischen künstlerischen Standards folgend.

- Rund 10% - und deren Wirkung ist nicht zu unterschätzen - haben vor allem ein disruptives Ziel. Optische Reize regen zum Denken über das eigene Denken an und können so eine große motivatorische Wirkung nach entfalten

Die große Strahlkraft des 20+10er-Anteils

Die angesprochenen 20% der Kollaborations- und Kommunikationsflächen und die 10% der disruptiven räumlichen Interventionen, gestaltet durch (echte und nicht selbsternannte) Künstler, haben vor allem eine große Außenwirkung, Multiplikationseffekte inbegriffen. Ihr visuelles Storytelling liefert ungewöhnlichen Content und starke Geschichten für Journalisten und andere Multiplikatoren und bietet durch die ungewöhnliche Kommunikation im Raum häufig die am meisten fotografierten und in den Medien verwendete Bilder.

Die geschaffenen innovativen Rauminstallationen können so von Unternehmen als visueller Imagetransfer genutzt werden. So haben wir mit dem Detecon-Projekt nicht zuletzt aufgrund dieser bewussten Kunstdisruptionen diverse Awards gewonnen (German Design Award, ArtDirectorsClub Award, Nominierung HR Excellence Award) und wurden in renommierter Presse wie z.B. BrandEins gefeatured, mit positiven Rückkopplungseffekten wiederum nach innen. Wichtig ist hier - wie zuvor bereits geschrieben - der richtige Mix und die Qualität der künstlerischen Arbeiten.

In diesem Zusammenhang: Ergonomie 4.0 & Mitarbeiterbeteiligung

Und zwei kurze Hinweis noch zur Umsetzung. Sehr schnell stößt man gerade in Großkonzernen an die Grenzen von Richtlinien (Brandschutz, Ergonomie, Health&Savety, Betriebsvereinbarungen), wenn man mit neuen und vom Standard abweichenden Konzepten um die Ecke kommt. Und dies ist gerade beim Einsatz von Kunst der Fall. Hier seien kurz zwei aus unserer Sicht wesentliche Erfolgsfaktoren hervorgehoben:

1. Mitarbeiterbeteiligung:
Bei der Anwendung von ArtDesign haben wir die Erfahrung gesammelt, dass man bei der Gestaltung der 20+10-Fläche eine Mitarbeiterbeteiligung leicht und wirksam herstellen kann. Nämlich durch die gemeinsame Beschaffung von Mobiliar und die Begleitung des künsterlischen Up-Cycling Prozesses. So wirkt manchmal der gemeinsame Besuch eines Kunstmarktes, die Auswahl entsprechenden Mobiliars und die anschließende gemeinsame Gestaltung mit Künstlern Wunder, wenn es um die Identifikation der Mitarbeiter mit dem neuen Umfeld und dahinterliegenden Konzept geht (vgl. https://www.youtube.com/watch?v=1RwJRntX3q0).

2. Ergonomie:
Ein weiteres Thema, das häufig für intensive Diskussionen mit Vertretern des Gesundheitsschutze sorgt". Sehr schnell wird dann die Frage aufgeworfen: „Ist dieser antike Holzstuhl (Preis: 130 Euro) oder der Sitzwürfel (Preis: 80 Euro) nicht völlig un-ergonomisch im Vergleich zum top-ergonomischen Meeting-Bürostuhl aus dem Standardkatalog (Preis: 950 Euro)?" Wir fragen dann gerne zurück:: „Was ist denn besonders ergonomisch und gesundheitsfördernd?" Die Antwort lautet: Möglichst wenig Sitzen und in Bewegung bleiben. Und genau das erzeugt man mit der einen oder anderen ‚unbequemen' Sitzgelegenheit oder durch Meetingflächen ganz ohne Sitzmöbel. Auch hier gilt dennoch 70/20/10 und das bedeutet: 70% bildet das Standardmobiliar und natürlich erhalten Personen mit Einschränkung ihren individuellen Stuhl oder Tisch.<

Zum Schluss
Kunst bietet aus unserer Sicht einen sehr erfolgreichen Hebel für mehr Inspiration und Kreativität im Arbeitsumfeld und so eine Förderung der „Fähigkeiten der Zukunft".

Folgt man der 70/20/10-Regel, so ist zudem eine pragmatische und realistische Umsetzung eines entsprechenden Konzeptes sichergestellt.

Wir plädieren dabei klar für die Abkehr von standardisierten und seelenlosen Bürosettings, welche weder Identifikationspunkt mit der Unternehmenskultur bieten, noch Inspiration für mehr Kreativität und Ideen, die wir im digitalen Zeitalter so dringend benötigen. Letztlich ist ein kreativitätsförderndes Arbeitsumfeld ein wesentlicher Bestandteil eines erfolgreichen New Work Konzeptes und setzt kreative Kräfte frei, die vorher tief verborgen in Ihren Mitarbeitern geschlummert haben. Und dabei sprechen wir aus eigener Erfahrung.

Was ist Ihre Meinung? Ich freue mich auf Ihre Kommentare, Anmerkungen & Impulse ... Gerne auch auf Twitter ...

Zu den Autoren dieses Beitrags:

Der Beitrag wurde in einer ersten Version auf LinkedIn Pulse veröffentlicht. Marc Wagner und Andreas Geyer sind die Autoren dieses Beitrags.

Marc Wagner ist Managing Partner und Global Head of Transformation, Peoplemanagement & Integral Business. Er verantwortet bei der Detecon International u.a. die Themen New Work, Future HR sowie Innovationskultur und ist Herausgeber diverser Studien und Publikationen zu diesen Themenfeldern. Er ist Co-Autor des New Work Standardwerkes „New Work - auf dem Weg zur neuen Arbeitswelt (Springer/Gabler)".

Andreas Geyer ist Geschäftsführer und Mitgründer des Kommunikationsbüros ORANGE COUNCIL, das bereits mehrfach für die künstlerischen Arbeiten im Rahmen von NEW WORK von renommierten Juries ausgezeichnet wurde. ORANGE COUNCIL sieht sich dabei als Kommunikations-Agentur neuen Typs, das mithilfe unterschiedlicher Disziplinen kraftvolles Storytelling kreiert. Gemeinsam mit Detecon hat Orange Council bereits diverse, erfolgreiche New Work Projekte umgesetzt.

Dieser Beitrag ist Teil der Themenreihe "New Work". Alle aktuellen Beiträge dazu findet ihr hier.

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