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New Work: Neue Arbeitswelt für 99 EUR oder Basis für Gesellschaft 4.0?

03/08/2017 12:54 CEST | Aktualisiert 03/08/2017 12:54 CEST
MATJAZ SLANIC via Getty Images

Dieser Beitrag zur Blogparade zur Gesellschaft 4.0 möchte eine Brücke bauen zwischen der neuen Arbeitswelt und dem Neugestalten unserer Gesellschaft - wie es einst auch der Erfinder von New Work, Frithjof Bergmann, wollte. Die nachfolgenden Lösungsbausteine sind diesmal aber andere, pragmatischere Lösungsbausteine für die Gesellschaft 4.0. Sie ergänzen so die Bergmannschen Visionen.

New Work als heiliger Gral

Es scheint so, als hätte man endlich den „heiligen Gral", die Antwort auf die Probleme vieler gerade großer Unternehmen gefunden, die sich unter dem Druck der Märkte und Kunden (auch Mitarbeiter) auf die Suche nach einer innovationsfördernden Arbeitskultur begeben haben:

New Work

so das Zauberwort.

Zwischen Heilung für 99 Euro, Scheitern und Reifung

Fast täglich sprießen neue Blogs, Communities und Veranstaltungsreihen aus dem Boden, die sich mit dem Phänomen New Work beschäftigen und leicht verdaubare Konzepte für mehr Agilität, Flexibilität und zufriedene Mitarbeiter liefern. Dass die Blogparade von Huffington Post und Competence Site ein solcher Erfolg war, verwundert nicht.

Und erste Institutionen bieten Zertifizierungen zu New Work Managern und Selbsthilfekurse für 99 Euro an. Selbst die Industrie- und Handelskammern brechen auf in diese Richtung. Es scheint so, als wäre New Work auf dem Weg, Mainstream zu werden - oder? Zumindest auf dem Papier und in Form von kleinen oder größeren Organisationsexperimenten, denn mittlerweile wird so ziemlich alles unter New Work subsummiert, was irgendwie nach „Neugestaltung von Arbeit" riecht.

Dabei bleibt häufig die Frage nach konkreten Umsetzungserfahrungen mit New Work-Instrumenten unbeantwortet. Und allzu schnell werden isolierte Einzelmaßnahmen (wie z.B. die Einführung demokratischer Führungsstrukturen oder einer Social Collaboration Plattform) als New Work Initiativen gefeiert.

Da überrascht es nicht, dass an vielen Stellen die Erfolge ausbleiben. Gleiches gilt bei allzu sozialromantischen Graswurzelinitiativen, bei denen die Überzeugungstäter an der Spitze fehlen. Meine These: Wir befinden uns in einem typischen Reifungsprozess. Letztendlich wird die Praxis deutlich machen, was an Erfolgsmustern wirklich trägt und was noch nachzubessern ist. Im Gartner-Zyklus haben wir jedenfalls noch nicht generell das Plateau der Produktivität erreicht, aber wir arbeiten daran - in vielen erfolgreichen Projekten.

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„Wir befinden uns in einem typischen Reifungsprozess.

Letztendlich wird die Praxis deutlich machen,

was an Erfolgsmustern wirklich trägt und

was noch nachzubessern ist."

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Ethik und Gesellschaft bleiben außen vor

Gleichzeitig geraten an vielen Stellen die gesellschaftlichen und ethischen Fragestellungen - der ursprüngliche Auslöser für die New Work Bewegung nach Bergmann - in den Hintergrund oder werden als Gesellschaft 4.0 leichtfertig in Richtung Politik und staatliche Institutionen verschoben („Wir brauchen ein Bedingungsloses Grundeinkommen").

Video 1: Bergmann über das Bedingungslose Grundeinkommen

Dabei sollte - neben der Schaffung eines wettbewerbsfähigen und produktiven Arbeitsumfeldes - insbesondere auch die gesellschaftliche und ethische Verantwortung von Unternehmen im Kontext New Work nicht außer Acht gelassen werden. Denn letztlich stoppt die digitale Transformation nicht an Organisations- und Ländergrenzen, sondern wird vorangetrieben und bestimmt durch internationale Super-Konzerne wie Google oder Facebook.

Gesellschaft 4.0 als größeres Bild, das alle angeht

Brauchen wir nach Arbeiten 4.0 nicht (endlich) auch eine Gesellschaft 4.0, die breit getragen wird und breit mitnimmt? Diese Fragen stellen sich nicht nur die Vertreter der New Work Community. Auch die „Technologen" der Industrie 4.0 und ihre Kritiker fordern ein größeres Bild. Die Vordenker der Drucker-Community haben zumindest Inclusive Prosperity als Aufgabe für ihr jährliches Treffen formuliert.

Bausteine von New Work für die Gesellschaft 4.0?

Natürlich werden Fragen wie ein Bedingungsloses Grundeinkommen dabei zu diskutieren sein. Aber daneben helfen sicher auch People, Places und Tools - die Trinität von New Work im Unternehmen - dabei, im größeren Rahmen Gesellschaft neu zu denken.

  • People: Wir müssen auch in der Gesellschaft weg von den starren Strukturen, Silos und der Kontroll-Mustern hin zu liquiden Netzwerken und einer Vertrauenskultur - in vielen Kontexten. Wir müssen dafür die Mitbürger befähigen, damit sie für die Anforderungen einer Gesellschaft 4.0 bestens aufgestellt sind. Am besten schon beginnend im Rahmen der schulischen Ausbildung.

  • Places: „Von der Zelle in ein kommunikatives und kreativitätsförderndes Umfeld" haben wir in unserem Buch über New Work geschrieben. Müssen in diesem Sinne nur Unternehmen neugestaltet werden oder z.B. auch Schulen und Universitäten. Zurück zur Akademie Athens - wäre das nicht eine Vision?

  • Tools: Lange schon denken wir über e-Government nach. Könnte aber Technologie nicht auch Gesellschaft jenseits der reinen Effizienzoptimierung administrativer Prozesse erneuern? Auch wenn nicht alle Piratenträume wahr wurden, kann Gesellschaft und Demokratie durch Technologie partizipativer werden.

Schauen Sie sich dazu auch gerne das Vidoe von Bergmann an. Es wäre doch absurd, wenn sich am Schluss Unternehmen immer mehr in Richtung einer produktiveren und menschenfreundlicheren Plattform entwickelten und wir in der Gesellschaft stehen blieben oder Gesellschaft 4.0 auf ein BGE reduzieren würden.

Daher: Lassen Sie uns weiter gemeinsam an der Zukunft arbeiten - auch im großen Stil!

Ihr Marc Wagner, Detecon International GmbH

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