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Überwachung, Terror, Krieg: So sagt Literatur uns die Zukunft vorher

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GEORGE ORWELL
"Big Brother is watching you" heißt es in Orwells "1984" | CBS Photo Archive via Getty Images
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Science-Fiction als Grundlage für die Forschung und Entwicklung neuer Produkte? Was zuerst absurd klingt, wird von Unternehmen und Institutionen immer häufiger als Beratung angefordert.

Denn Science-Fiction-Romane haben bereits einiges vorhergesagt: Das Internet und die Totalüberwachung, das Klonen, die Roboter.

Der Trend, sich von Romanautoren und Literaturexperten aufklären zu lassen, hat seinen Ursprung in Amerika. Inzwischen gibt es das Angebot aber auch in Deutschland: Thomas Le Blanc von der Phantastischen Bibliothek Wetzlar berät Unternehmen und Forschungseinrichtungen anhand von Romanen. Politiker haben bei ihm bislang noch nicht angefragt.

Dass aber auch diese einen Blick in dystopische Literatur werfen sollte, zeigen vier Werke, die negative Entwicklungen vorhersahen, beeinflussten oder mit ihrem Inhalt die Gegenwart prägen.

"Krieg - Stell dir vor, er wäre hier": Europa und Flucht

Europa - versöhnt, vereint, friedlich. Das ist das Europa, das die meisten EU-Bürger kennen.

Doch dann ist da das andere Europa. Das düstere Europa, das die US-Buchautorin Janne Teller in ihrem "Krieg - Stell dir vor, er wäre hier" zeichnet. Teller wurde in Europa vor allem mit ihrem Buch für junge Leser "Nichts - Was im Leben wichtig ist" berühmt.

In "Krieg - Stell dir vor, er wäre hier" beschreibt Teller eine Europäische Union, die schneller zerbricht, als es sich heute die meisten Leute vorstellen können. Zuerst schotten sich die Länder ab, dann gehen sie auf Konfrontationskurs. Kommt euch das bekannt vor? Die aktuelle Lage hat Teller in ihrem Buch, das schon 2004 auf Dänisch und 2011 auf Deutsch erschien, recht gut vorausgesehen.

Janne Teller

Teller beschreibt, wie Bomben auf Berlin fallen, wie Franzosen und Griechen als Heckenschützen in zerstörten deutschen Städten kämpfen. Die Deutschen müssen daraufhin das Land verlassen. Plötzlich sind nicht mehr die Anderen die Flüchtlinge.

Und mit der Flucht der Deutschen in die arabischen Länder stellt sich die dortige Bevölkerung dieselben Fragen, wie Europa derzeit:

Können wir den Flüchtlingszustrom bewältigen? Sind die Europäer integrierbar? - Oder gibt es zu großen kulturelle Differenzen, die die Integrität unsere Gesellschaft zum Scheitern bringen?

Es kommt zu Ausgrenzung und Fremdenfeindlichkeit. Zustände wie in Dresden, Freital und Clausnitz - in Kairo.

Es ist ein Kostüm, in das Teller Europa in ihrer kurzen Geschichte zwängt. Das Kostüm, das andernorts Realität ist: in Syrien, im Jemen, im Irak.

Und Janne Teller ist keine, die sich ihre Visionen nur zusammenspinnt, ohne die früheren und zukünftigen Entwicklungen sowie die gegenwärtigen Probleme vor Augen zu haben. Die 49-jährige Deutsch-Österreicherin arbeitete als Konfliktberater in der EU und UNO. Sie weiß daher, welche kritischen Themen die Gesellschaft polarisieren.

In ihrem Buch endet die Entwicklung im Krieg. So ungewöhnlich das klingt, es gibt durchaus Politologen, die Europa auf diesem Kurs sehen.

So etwa der französische Ökonom und Präsidentenberater Jaques Attali. Er prophezeit aufgrund der aktuellen Spannungen in der EU einen französisch-deutschen Krieg - in absehbarer Zeit.

Im Interview mit dem französischen TV-Sender "BFMTV" sagte er: "Ich bin überzeugt: Wenn wir weitermachen wie jetzt, wird es vor Ende des Jahrhunderts einen neuen französisch-deutschen Krieg geben."

Was "so weitermachen" für Attali konkret bedeutet? Rechtspopolismus, Grenzkontrollen, Zurücknahme von Schengen. Alles ist umkehrbar. Der europäische Frieden könnte nur eine Epoche sein.

"Unterwerfung": Despotie und Islamisierung

Frankreich im Jahr 2022: Mohamed Ben Abbès wird französischer Präsident. Nach außen hin gibt sich der muslimische Politiker moderat, im Hintergrund strickt er daran, die Verfassung zu ändern.

Aus dem säkularisierten Frankreich, das Kirche und Staat trennt, macht der heimliche Despot eine islamische Theokratie, in der er die Scharia einführt.

Dieser Wandel vollzieht sich in Michel Houellebecqs Roman "Unterwerfung", der am 7. Januar 2015, dem Tag des Attentats auf die Redaktion der Satire-Zeitschrift Charlie Hebdo, erschien.

Michelle Houellebecq

Houellebecq zeichnet darin zwei Ängste, die die Gesellschaften vieler Staaten Europas umtrieben und spalten: der Aufstieg der politischen Rechten auf der einen Seite und die Angst vor der Islamisierung auf der anderen Seite.

Aber "Unterwerfung" lässt sich nicht nur auf die politische Entwicklung europäischer Staaten projizieren. Die Figur des fiktiven Präsidenten Ben Abbés und deren Weg an die Macht zeigt eindeutige Parallen zum türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Auch Erdogan zeigt mit zunehmender Amtszeit immer stärkere Züge eines Despoten, der seine moderate Haltung nach außen nur vertrat, um von der Gesellschaft legitimiert zu werden, und folgend seine autoritäre Seite zu zeigen.

Ben Abbés gibt sich in der Öffentlichkeit anfangs ebenfalls als Demokrat, um seine Wahlchance zu erhöhen, während er gleichzeitig hinter verschlossener Tür am traditions- und religionsbezogenen Staat bastelt, der religiöse Minderheiten unterdrückt.

So wird in Houllecbecqs Roman den Medien eine Nachrichtensperre verhängt, um von Demonstrationen und Ausschreitungen abzulenken und die Wahlchancen des Präsidentschaftsanwärters zu erhöhen - eine Szene, die stark an Erdogans Umgang mit kritischen Medien erinnert.

Aus Angst, kritische Medien könnten der linksgerichteten und pro-kurdischen Partei HDP Wählerstimmen bringen, fährt Erdogan gegen diese einen harten Kurs. Gegen die Regierungskritischen Journalisten Can Dünbar und Erdem Gül der Tageszeitung "Cumhuriyet" lies Erdogan wegen Spionage und Unterstützung einer terroristischen Vereinigung den Strafprozess eröffnen.

In "Unterwerfung" verlassen religiöse Minderheiten aus Angst das Land. Vor allem die Juden flüchten nach Israel, da sie als Minderheit ausgegrenzt, unterdrückt und bekämpft werden - eine Situation, wie die der Kurden in der Osttürkei, seit Erdogan die Friedensprozesse mit der kurdischen PKK aufgekündigt hat.

"1984": Überwachung und Datenschutz

"Big Brother is watching you" - so lautet das berühmte Zitat, und eines der berühmtesten Buch-Zitate aller Zeiten, aus George Orwells Roman "1984".

Orwells dystopischer Roman, der bereits 1949 erschien, und einen totalitären Überwachungsstaat im Jahr 1984 beschreibt, war stets aktuell und bekam durch das Internet noch einmal ganz neue Brisanz:

Google, Facebook, Geheimdienste - viele sehen sie als die "Big Brother", die großen Brüder unserer Zeit, die nicht sichtbar sind, aber dennoch allgegenwärtig sind, und unsere privaten Informationen besitzen und verwerten.

Sie wissen, wo wir uns befinden, was wir mögen, wann wir aufstehen und zu Bett gehen - und damit vielleicht das gleiche Verhaltensmuster wie eine Terrorist aufweisen.

"Big Brother is watching you" - so wird auch häufig in öffentlichen Debatten gewarnt, wenn es darum geht den Datenschutz einzuschränken.

Jüngst wurde etwa der BigBrother-Award unter anderem an die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) und der Plattform für Online-Petitionen Change.org vergeben. Es ist einer der unangenehmsten "Auszeichnungen" für Unternehmen, denn sie steht für schlechten Umgang mit schützenswerten Daten.

Die BVG bekam ihn für ihr e-Ticket, mit dem sie die Wege der Inhaber im öffentlichen Nahverkehr auf Schritt und Tritt verfolgt. Change.org wird vorgeworfen, sein soziales Image dazu zu nutzen, persönliche Daten zu sammeln.

Die Auszeichnung wird bei den Unternehmen stets mit Missmut aufgenommen - was zeigt, wie ungern sie mit dem Begriff "Big Brother" in Verbindung gebracht werden wollen.

Orwells

Was der Award kritisiert, lässt sich auch mit einer Zeile aus Marc Elsbergs Science-Fiction-Roman "Zero" ausdrücken: "Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Datenkraken zerschlagen werden müssen." Elsberg beschreibt nicht nur den totalitären Überwachungsstaat, sondern auch Unternehmen, die durch ihren "Immermehrismus" der Datensammelwut sogar über Leichen gehen.

Oder ein Beispiel aus der Autoindustrie: Obwohl inzwischen klar ist, dass die meisten Autohersteller mit Manipulationssoftware tricksen und täuschen, stellte sich Verkehrsminister Alexander Dobrindt weiterhin vor VW, Daimler & Co.

Statt den gesundheitsschädlichen Fahrzeugen die Zulassung zu entziehen, einigte er sich mit der Industrie auf einen "freiwilligen Rückruf". Was hierzulande politische Realität ist, nannte sich bei Orwell "Wahrheitsministerium" - ein Ministerium, das dafür Zuständig ist die Wahrheit so zu drehen, dass sie an die Wünsche der Regierung, die von den Interessen der Industrie gelenkt ist, zu drehen.

Bei den Grünen und der Piratenpartei ist der "Big Brother" ständiges Thema, wenn sie allgemeinen Grundrechte durch Sonderbefugnisse der Geheimdienste gefährdet sehen.

Big Brother

Prism und Tempora heißen etwa die Überwachungsprogramme, mit denen Geheimdienste verdächtige und auch nicht verdächtige Personen unter ihrem Radar haben, und den Bürger damit gläsern machen - heute Realität, bei Orwell vor 70 Jahren noch Fiktion.

Teleschirm heißt die Überwachungstechnik in "1984". Es sind Bildschirme, die als Sende- und Empfangsgerät an fast jedem Ort existieren. Heute können wir, abgesehen von der Überwachungskamera, diese Techniken gar nicht mehr physisch wahrnehmen.

Metadaten sind die neuen Waffen, die aus der Massenüberwachung von Telefongesprächen, Mails, Chats und vielem mehr aggregiert und ausgewertet werden. Im Zweifelsfalls unterscheiden sie über Leben und Tod: "Wir töten Menschen auf der Basis von Metadaten", sagte der frühere NSA- und CIA-Chef 2014. Orwells Protagonist Winston wird in 1984 hingerichtet. Der Grund: Nicht Metadaten, sondern Auflehnung gegen das System.

"New York 1999": Ernährungsengpässe und Spaltung der Gesellschaft

Die Menschheit lebt über ihre Verhältnisse. Der ökologische Fußabdruck wird immer größer: aus dem filigranen Fuß einer Balletttänzerin wurde über Jahrzehnte ein riesiger Plattfuß, der den Ressourcenverbrauch in die Höhe treibt und zu Engpässen führt.

Was passiert, wenn die Welt keine Ressourcen mehr hat, beschreibt Harry Harrison in seinem dystopischen Roman "New York 1999". Der Roman aus dem Jahr 1966 zeichnet ein Bild New Yorks am Ende des 20. Jahrhunderts.

Die Stadt hat zu diesem Zeitpunkt 35 Millionen Einwohner. Die meisten davon können sich nicht mehr versorgen, da die Ressourcen fehlen oder so teuer sind, dass sie sich nur ein paar Superreiche leisten können.

Es kommt zu Demonstrationen, Chaos, Morden. Die Polizei ist überfordert, hinter ihrem Rücken boomt der Schwarzmarkt für die letzten biologischen Lebensmittel.

Dieser Problematik greift auch Neal Stephensons Roman "Diamond Age" (1995) auf. In diesem gibt es öffentliche Stationen, an denen mittels Nanotechnik aus beliebigen Grundstoffen Nahrungsmittel kostenlos abgegeben werden. Die Gesellschaft spaltet sich auch hier an der Essensfrage: Nur die Reichen können die wesentlich appetitlichere, biologisch erzeugte Nahrung noch leisten.

Der Zusammenhang zwischen Lebensmittelknappheit, Armut und Mordrate, den Harrison schildert, ist keine Illusion. Sein "New York 1999" sind heute Länder wie Äthiopien, Somalia, Gabun oder der arme Nordosten Brasiliens.

Eine alternative Lebensmittelversorgung wird in der Verfilmung des Romans "New York 1999" mit dem Titel "Soylent Green" entwickelt. Die Nachfragen nach dem gleichnamigen Produkt ist in dem Science-Fiction-Film so hoch, dass es an Liefertagen unter den Bewohnern zu Ausschreitungen kommt.

Soylent Green

Im Film stellt sich heraus, dass "Soylent Green", nicht - wie Soylent angibt - aus Plankton besteht, sondern aus verarbeitetem Menschenfleisch ("Soylent Green is people!"). Hinter ihrem Rücken zwang die Industrie die Bevölkerung mit einer Lüge zum Kannibalismus.

Soylent hat es inzwischen auch auf den realen Markt geschafft. Das Getränk, das von dem Softwareentwickler Rob Rheinhart entwickelt wurde, gibt es seit 2013. Es soll ermöglichen, auf feste Nahrung zu verzichten. Soylent besteht hauptsächlich aus Sojaprotein, Algenöl, Reisstärke und Hafer - aber nicht aus Menschenfleisch.

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