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Flüchtlingskrise: Was wir von ehemaligen Gastarbeiten lernen können

21/11/2015 09:32 CET | Aktualisiert 21/11/2016 11:12 CET
Thomas Barwick via Getty Images

Auch wenn die Situation der Flüchtlinge mit denen der Gastarbeiter kaum miteinander zu vergleichen ist, so steht eins fest: Die Vorstellung von einem besseren Leben und einem Leben in Sicherheit führt die Flüchtlinge heute und führte die Gastarbeiter damals in ein zunächst völlig unbekanntes und fremdes Land.

Aus den Erfahrungen der Gastarbeiter lernen

Aus den Erfahrungen der Gastarbeiter und ihrer Familien kann die Bundesrepublik in der heutigen Diskussion um die Integration von Flüchtlingen nur lernen. Ich habe mit meinem Onkel Nikola Barišić (68) gesprochen, der am 3. April 1970 im Alter von 22 Jahren als Gastarbeiter aus dem dalmatinischen Hinterland des ehemaligen Jugoslawiens nach Deutschland eingewandert ist.

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Mutig hat er sich in ein neues Leben aufgemacht, nahm es mit einer anderen Kultur, einer neuen Sprache und anderen Menschen auf. Im Interview mit mir erzählt er von seinen Beweggründen, seinen Erfahrungen und seinem Leben als Gastarbeiter in Deutschland:

Wie verfolgst Du die aktuelle Flüchtlingsdebatte in Deutschland?

Der große Flüchtlingsstrom nach Westen und die vielen Katastrophen, die sich im Mittelmeer abspielen, stimmen mich natürlich sehr nachdenklich. Die Flüchtlinge streben - wie wir damals - nach einem besseren Leben und einem Leben in Sicherheit für sich und ihre Familien.

Wir wurden gebraucht

Als wir Gastarbeiter allerdings nach Deutschland gekommen sind, war die Situation allerdings eine völlig andere: Der Wirtschaftsboom war auf seinem Höhepunkt, wir wurden gebraucht und in unseren Heimatländern angeworben. Wie sich die jetzige Situation entwickeln wird, bleibt abzuwarten.

Was waren Deine Beweggründe Deine Heimat zu verlassen und nach Deutschland zu gehen?

Wir Gastarbeiter waren jung und voller Träume. Und wir wussten, dass wir unsere Träume nicht verwirklichen können, wenn wir in unserer Heimat bleiben. Wir haben von einem besseren Lebensstandard, einem Auto, einem Haus und einer guten Bildung für unsere Kinder geträumt.

Die Möglichkeit einer Arbeit nachzugehen, ein regelmäßiges Einkommen zu haben und natürlich die Aussicht auf ein besseres Leben haben mich nach Deutschland geführt.

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(Nikola Barišić (links im Bild) mit seinem Schwager Jovan Barišić, erster Sommer in Deutschland 1970, Foto: privat)

Ist es Dir schwer gefallen, Deine Heimat zu verlassen? Hattest Du das Gefühl in Deutschland willkommen zu sein?

Die Lebensbedingungen in meiner Heimat waren sehr schwierig, deshalb ist mir die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen auch nicht sehr schwer gefallen. In den 60er Jahren und Anfang der 70er Jahre war die Nachfrage nach Arbeitskräften sehr hoch.

Und wir Gastarbeiter waren nach Deutschland gekommen, um diese Nachfrage zu bedienen. Als Arbeiter waren wir wertgeschätzt: Ob Deutscher oder Ausländer - alle haben wir für die gleiche Tätigkeit das gleiche Geld erhalten.

Sich als fleißige Arbeiter beweisen

In wenigen Tagen wurden wir in den Firmen angelernt und jeder konnte sich als fleißiger Arbeiter beweisen. Ich habe mich nie diskriminiert gefühlt - ganz im Gegenteil, ich habe mich sehr willkommen gefühlt. Obwohl ich zu Beginn meiner Zeit in Deutschland der deutschen Sprache überhaupt nicht mächtig war, habe ich mich irgendwie zurecht gefunden.

Wie, das frage ich mich noch heute. Im Supermarkt habe ich immer mit größeren Scheinen bezahlt und immer sehr viel Rückgeld erhalten, weil ich die Kassiererin nicht verstanden habe.

Was waren Deine Arbeitsstationen in Deutschland?

Im ersten Jahr habe ich in einem Metallbetrieb und in einer Montagefirma gearbeitet. Danach wechselte ich in ein mittelständisches Textilunternehmen im Schmallenberger Sauerland, bei dem ich bis zu meiner Rente über 40 Jahre beschäftigt war.

In den ersten Jahren habe ich 10 bis 12 Stunden gearbeitet, und ich war froh, wenn ich auch am Wochenende arbeiten durfte. Die Arbeit war natürlich hart. Allerdings waren wir Gastarbeiter jung und fit. Ich weiß noch sehr genau, wie ich mit meinen jugoslawischen Kollegen und Kolleginnen singend zur Arbeit gegangen bin.

Ein regelmäßiges Einkommen

Die Sicherheit eine Arbeit und ein regelmäßiges Einkommen zu haben, war für uns alle ein großes Geschenk. Ich kann mich noch sehr gut an meinen ersten Lohn erinnern. Ich habe 3,80 Deutsche Mark in der Stunde verdient. Auf mein erstes Gehalt war ich besonders stolz.

Einen Großteil meines Einkommens habe ich meiner Familie in Dalmatien zukommen lassen, den anderen Teil habe ich gespart.

Wie lange wollest Du ursprünglich in Deutschland bleiben?

Wie viele der Gastarbeiter wollte auch ich zunächst nur wenige Jahre in Deutschland bleiben, um mir ein besseres Leben in meiner Heimat aufzubauen.

So wie sich die ersten Träume von einem Auto, einem Haus in der Heimat erfüllt haben und ich eine Familie gegründet habe, die Kinder in den Kindergarten und später in die Schule gegangen sind, nahmen die Dinge ihren Lauf und die Entscheidung war gefallen, in Deutschland zu bleiben.

Hast Du deine Entscheidung, nach Deutschland einzuwandern, jemals bereut?

Diese Frage kann ich eindeutig verneinen. Meine Entscheidung habe ich nie bereut. Ich habe in Deutschland über knapp 44 Jahre gearbeitet, meine Frau (Ergänzung: ebenfalls eine Gastarbeiterin aus Dalmatien) war über mehr als 45 Jahre Vollzeit tätig.

Weil wir beide im Schichtbetrieb in demselben Unternehmen gearbeitet haben, war es uns möglich Beruf und Familie zu vereinbaren. Natürlich war es nicht immer einfach - aber es hat sich gelohnt: Unseren Kindern und Enkelkindern konnten wir mit unserer harten Arbeit ein gutes Leben ermöglichen.

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