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In Frankreich sind Frauen immer noch frei

06/09/2016 15:18 CEST | Aktualisiert 07/09/2017 11:12 CEST
TORSTEN BLACKWOOD via Getty Images

Am 2. September veröffentlichte die New York Times einen Artikel mit der Überschrift: "'The Way People Look at Us Has Changed': Muslim Women on Life in Europe" (Wir werden anders angesehen: Muslimische Frauen über ihr Leben in Europa). Ich möchte diesen Artikel auf gar keinen Fall unkommentiert stehen lassen, da er ein Bild von Frankreich, dem Land der Lichter und der Freiheit, zeichnet, das ebenso inakzeptabel wie falsch ist.

Genauso wie in allen anderen Ländern gibt es auch in Frankreich Rassismus. Und ich ignoriere keinesfalls die Tatsache, dass es auch in meinem Land Fremdenfeindlichkeit und anti-muslimische Übergriffe gibt. Frankreich ist keine Ausnahme.

Nicht nur Europa ist von Vorfällen dieser Art, ebenso wie von Antisemitismus und von Angriffen auf Christen, betroffen, sondern auch Amerika. In den USA ist mein Engagement gegen den Antisemitismus vielen Menschen ein Begriff. Und Frankreich setzt sich vehement gegen diese Übel zur Wehr.

Ich betone all dies deshalb so stark, weil in dem Artikel der New York Times Frauen muslimischen Glaubens zu Wort kamen und der Tenor des Artikels lautete, dass die Meinung dieser Frauen in Frankreich kein Gehör fände.

Ebenso wurde es so dargestellt, als würde Frankreich muslimische Frauen unterdrücken. Außerdem ließ der Artikel unsere republikanischen Prinzipien völlig außer Acht: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, sowie die typisch französische Trennung von Staat und die Kirche.

"Frankreich ist durch seine Geschichte, seine Geografie, seine Lage im Mittelmeerbecken, seine Nähe zu Afrika und auch durch Immigration sehr stark mit dem Islam verbunden. "

Frankreich wird als ein Land dargestellt, in dem Muslime nichts wert sind

Die Aussagen in dem Artikel schlagen allesamt in die gleiche Kerbe. Frankreich wird als ein Land dargestellt, in dem es nicht mehr lange dauern wird, bis Muslime sich einen "gelben Mond" auf ihre Kleidung nähen müssen, ebenso wie Juden unter der Herrschaft der Nazis einen gelben Stern tragen mussten.

Frankreich wird als ein Land dargestellt, in der Muslime "weniger wert sind ein als ein Hund". Frankreich wird als ein Land dargestellt, in dem ein Apartheids-Regime herrscht, weshalb Muslime ihr Land verlassen müssen, wenn sie studieren, arbeiten und beruflich erfolgreich sein wollen.

Frankreich ist durch seine Geschichte, seine Geografie, seine Lage im Mittelmeerbecken, seine Nähe zu Afrika und auch durch Immigration sehr stark mit dem Islam verbunden. Und Frankreich ist stolz darauf, den Islam als zweitgrößte Religion des Landes bezeichnen zu dürfen.

In Frankreich leben Millionen Bürger muslimischen Glaubens und mit muslimischen Hintergrund, die sich sowohl voll und ganz an ihre Pflichten halten, als auch all ihre Rechte wahrnehmen.

Die muslimischen Frauen, die in diesem Artikel zu Wort kamen, äußerten jedoch alle nur eine einzige Sicht der Dinge. Und sie dürfen diese Meinung auch äußern. Die Journalistin der New York Times hätte dann jedoch auch die große Mehrheit muslimischer Frauen interviewen sollen, die sich nicht mit der extrem strengen Praktizierung des Islam identifiziert.

Dieser Artikel spiegelt nicht wirklich die Realität wider, da keine unterschiedlichen Sichtweisen oder abweichende Meinungen mit in die Analyse einbezogen wurden. Die in dem Artikel geäußerten Meinungen stammten größtenteils von Teilnehmerinnen einer skandalösen Veranstaltung, die kürzlich in Frankreich stattfand: ein "Entkolonialisierungs-Sommercamp".

Ein besonderes Augenmerk sollte dabei auf die Tatsache gerichtet werden, dass - ich zitiere - "Menschen mit weißer Haut" die Teilnahme am Camp untersagt war. Ziel des Camps war es, Befürworter von Kommunalismus zusammenzubringen. Menschen, die Kontakte zwischen "Weißen" und "Nicht-Weißen" ablehnen. Menschen, die - ich zitiere wieder - anprangern, dass Frankreich dem "Philosemitismus" zum Opfer gefallen sei.

Diese Initiative ist kein Einzelfall und sie zeigt uns deutlich, welcher Bekehrungseifer in Frankreich um sich greift. Diese Menschen widersetzen sich zwei grundlegenden Prinzipien unseres Landes.

Es ist doch gerade die Freiheit, für die wir kämpfen

Das erste Prinzip ist die Gleichheit zwischen Frauen und Männern. Wir müssen den zunehmenden Einfluss von Salafisten gut im Auge behalten, da im Salafismus Frauen als minderwertig und unrein gelten und im Hintergrund bleiben sollen. Bei der Debatte um ein Verbot von Burkinis und Burkas ging es auch gar nicht um einen Einzelfall, sondern um genau dieses Thema. Ein Burkini ist nicht einfach irgendein Badeanzug. Es ist eine Provokation des radikalen Islams, der sich immer weiter ausbreitet und der seinen Platz im öffentlichen Raum fordert!

Da ich regelmäßig die internationale Presse verfolge, ist es mir nicht entgangen, wie viele Zeitungen vorschnell die Meinung vertraten, dass ein Verbot von Burkinis und Burkas eine Stigmatisierung bedeute, die die Freiheit von Muslimen einschränke und sie an der Ausübung ihrer Religion hindere. Ich bitte euch! Es ist doch gerade die Freiheit, um die wir kämpfen.

Wir kämpfen für die Freiheit von Frauen, die nicht unter dem Joch einer chauvinistischen Gesellschaft sollten. Der Körper einer Frau ist weder rein noch unrein; er ist einfach ein Frauenkörper. Man muss ihn nicht verstecken, um irgendeiner Versuchung vorzubeugen. Unfassbar, wie diese Aussage in dem Artikel verdreht wird: in einem der Zitate heißt es, ein Burkini verschaffe Frauen mehr Freiheiten!

Dort ist zu lesen: "Als Burkinis auf den Markt kamen, habe ich mich für meine Schwester gefreut. Sie war gerade im Urlaub und konnte endlich auch mit ihren Kindern am Strand spielen, statt immer nur im Schatten bleiben zu müssen." Eine andere Frau sieht das Tragen eines Kopftuchs als Zeichen dafür, dass Frauen "wieder selbst über ihren Körper und ihre Weiblichkeit bestimmen ... " Durch solche Aussagen zeigen diese Frauen deutlich, dass sie sich voll und ganz der Vorherrschaft der Männer unterworfen haben!

"Durch die Trennung von Kirche und Staat erhält jeder einzelne das Recht, einen Glauben auszuüben oder auch nicht: alle Menschen dürfen ihre Religion ausleben. Die Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass sie anderen ihre Praktiken und Ansichten nicht aufdrängen."

In Frankreich gilt die Sichtweise, dass eine Frau, die gerne baden gehen möchte, nicht im Schatten sitzen bleiben sollte. Dass Frauen nicht Opfer von Unterdrückung werden dürfen. Und wenn Frauen ihre Körper nicht in der Öffentlichkeit zeigen dürfen, dann beruht dies definitiv auf der Unterdrückung durch Männer.

Wir kämpfen für die Freiheit der Mehrheit aller Muslime, die nichts mit dieser kleinen Minderheit zu tun haben, die andere zu bekehren versucht und dabei ihre eigene Religion manipuliert. Und aus genau diesem Grund sollte der Staat dem radikalen Islam nicht auch nur einen einzigen Millimeter an Platz einräumen.

Das zweite Prinzip ist eng mit dem ersten verwoben und es handelt sich dabei um den Säkularismus. Ich weiß, dass dies eine Eigenart Frankreichs ist, für die in anderen Ländern nur wenig Verständnis herrscht. Und deshalb möchte ich dieses Prinzip näher erläutern.

Alle Menschen dürfen ihre Religion ausüben

Durch die Trennung von Kirche und Staat erhält jeder einzelne das Recht, einen Glauben auszuüben oder auch nicht: alle Menschen dürfen ihre Religion ausleben. Die Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass sie anderen ihre Praktiken und Ansichten nicht aufdrängen. Säkularismus bedeutet nicht, dass Religionen an sich abgelehnt werden.

Er sorgt lediglich für eine klare Trennung zwischen Weltlichem und Geistlichem. Und was bedeutet das für die Justiz? Dass der Staat und seine Staatsdiener völlig neutral bleiben und dass sie sich nicht mit einer bestimmten Religion identifizieren und diese finanzieren oder bevorzugen.

"Frankreich heißt den modernen Islam aus ganzem Herzen willkommen und bleibt damit seinem Grundsatz von Offenheit und Toleranz treu."

In der langen Geschichte Frankreichs gab es immer schon sehr viel Hass aus religiösen Gründen. Dieser Hass hat das Land in grauenvollen Kriegen gespalten. Durch die Gründung der Französischen Republik und die Einführung des Säkularismus konnten die über Jahrhunderte bestehenden Konflikte schließlich beendet werden.

Säkularismus stellt ein Gleichgewicht her, das gegenseitigen Respekt erfordert. Und eben dieses Gleichgewicht garantiert dafür, dass unsere Gesellschaft nicht auseinander bricht.

Gegner des Säkularismus versuchen stets, ihn als Instrument der Diskriminierung und der Erniedrigung darzustellen. Doch das ist vollkommen falsch. Das Verbot von sichtbaren religiösen Symbolen in öffentlichen Schulen umfasst sowohl Kippas als auch Kopftücher oder katholische Kreuze.

Muslimische Frauen können im Alltag gerne Kopftuch tragen. Doch wenn sie als Staatsdienerinnen tätig sind, müssen sie ihr Kopftuch bei der Arbeit abnehmen.

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Die französische Nation basiert auf der Überzeugung, dass Religion einzig und allein Privatsache bleiben muss, wenn man seinen Bürgern Freiheit und Gleichberechtigung ermöglichen will.

Im Gegensatz zu anderen Ländern sieht Frankreich sich selbst in dieser Hinsicht nicht als ein Land, in dem verschiedene Gemeinschaften Seite an Seite nebeneinander her leben und unabhängig voneinander agieren. Anders ausgedrückt: Franzose oder Französin zu sein hat für uns nichts mit der ethnischen Zugehörigkeit eines Menschen zu tun.

Franzose oder Französin zu sein bedeutet, dass man durch ein gemeinsames Schicksal miteinander verbunden sein will. Und aus genau diesem Grund wurden wir auch in Paris, Nizza oder Saint-Étienne-du-Rouvray von radikalen Islamisten angegriffen.

Frankreich wird immer Vernunft und freies Denken gegen Dogmen verteidigen. Weil wir wissen, dass andernfalls Fundamentalismus und Intoleranz die Oberhand gewinnen. Frankreich heißt den modernen Islam aus ganzem Herzen willkommen und bleibt damit seinem Grundsatz von Offenheit und Toleranz treu. Wir schützen unsere muslimischen Bürger gegen Menschen, die sie zum Sündenbock abstempeln wollen.

Die extreme Rechte betrachtet Muslime gerne als Bürger zweiter Klasse, doch wir wollen ganz eindeutig klarstellen, dass sich der Islam unserer Meinung nach voll und ganz mit Demokratie, Säkularismus und der Gleichberechtigung von Männern und Frauen vereinen lässt. Und genau damit treffen wir den radikalen Islam am stärksten, da er nur ein einziges Ziel verfolgt: uns alle gegeneinander auszuspielen.

Dieser Post erschien ursprünglich bei der HuffPost Frankreich und bei der WorldPost. Er wurde ins Englische und von Susanne Raupach ins Deutsche übersetzt und zur besseren Verständlichkeit überarbeitet.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei The World Post.

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