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Der Mittelmeer-Kanon. Flucht und Literatur

24/03/2016 16:45 CET | Aktualisiert 25/03/2017 10:12 CET
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Kanon-Debatten in der Literatur sind alt. Sie dienen dazu, eine Auswahl an Büchern zu vorzuschlagen, die man treffen sollte, wenn man geistreiche Literatur lesen möchte. Literaturkritiker an den Universitäten und im Feuilleton erhalten und erneuern diesen Kanon. Für die meisten Leser ist ein Kanon jedoch kaum noch verbindlich und er ist meist nur noch bei denjenigen präsent, die manchmal das Gefühl haben, sie sollten etwas von Goethe oder Thomas Mann lesen.

Man sieht: Die traditionelle Hochkultur und die populäre Unterhaltungskultur kommen gemütlich nebeneinander aus. Das könnte sich jedoch in Zukunft ändern. Denn wäre es nicht wünschenswert, wenn die Literatur der zurzeit nach Europa kommenden Flüchtlinge in einen Kanon aufgenommen werden würde?

Denkbar wäre, dass man die Flüchtlinge auch auf eine literarische Weise willkommen heißt und einen Kanon erstellt, der die Literatur aus dem deutschen und europäischen Raum mit prägenden Lektüren aus den Ländern verbindet, aus denen die Flüchtlinge kommen. Diese Texte wären eine weiterer Anstoß, um sich kennenzulernen und würden helfen, sich nicht auf Themen wie die Flucht und andere Nöte zu versteifen. Außerdem hilft Literatur sich zu öffnen, weil sie auf beiden Seiten Erinnerungen und Unbekanntes hervorruft.

Über Lesegruppen könnte man diese Literaturgespräche organisieren, um sich dann mit ihrer Hilfe über unterschiedliche Traditionen und Alltägliches auszutauschen. Der Kanon muss nicht gleich die Schwere von Klassikern haben und könnte auch ohne Bibel und Koran auskommen. Gegenwartsliteratur sollte dort genauso ihren Platz haben wie Sachbücher. Er wäre nicht verbindlich, würde sich von selbst ständig erweitern und man würde ihn vielleicht bald den „Mittelmeer-Kanon" nennen.

In jeder Stadt könnten sich solche Lesezirkel bilden. Ein Leitkanon könnte als Anregung dienen, den die Gruppe dann liest, bespricht und ändert. Binnen kurzer Zeit würden im Internet sicherlich unterschiedliche Varianten und Alternativen davon kursieren, inklusive Blogs mit Erfahrungsberichten und Diskussionen.

Man hätte auf diesem Wege aber nicht nur Gelegenheit zum Austausch, sondern es würde sich zeigen, dass ein Kanon nicht nur etwas aus der Vergangenheit ist, sondern auch das Allerneuste sein kann. Vor allem würde dann ersichtlich werden, wieso es überhaupt einen Kanon gibt und ein Kanon nicht gleich eine einschränkende Wirkung hat, sondern neue Leseerfahrungen überhaupt erst ermöglicht.

Denn die ersten beiden Fragen auf diesen Vorschlag werden sicherlich sein, was man denn lesen soll, wenn man mit Lektüren aus einer Region beginnen möchte, die den meisten von uns fremd ist und was aus unserer Region für Syrier, Iraker und Afghanen interessant sein könnte.

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