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Es ist eine Anleitung zum Unglücklichsein: Das Utopiesyndrom

26/01/2016 16:04 CET | Aktualisiert 26/01/2017 11:12 CET
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»Endlich habe ich die ideale Frau gefunden!« - »Gratuliere, aber was ist das Problem?« - »Sie sucht den idealen Mann!« Die vielleicht wichtigste Anleitung zum Unglücklichsein ist das, was Watzlawick das »Utopiesyndrom« nannte.

Das gilt nicht bloß für bisher glückliche Ehepaare, die an Büchern über die ideale Ehe verzweifeln. Die Schönheitschirurgie lebt geradezu vom Utopiesyndrom. Da wird ein Schönheitsideal vorgegaukelt, das es in der Wirklichkeit gar nicht gibt. Der Schönheitswahn macht vor allem Frauen und schon junge Mädchen nachhaltig unglücklich.

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Das Utopiesyndrom gilt für alle Lebenslagen, in denen man sich völlig unrealistische Ziele setzt und dann daran scheitert. Das macht traurig und unglücklich, und vor allem werden wir dadurch handlungsunfähig, denn wir streben mit aller Intensität nach dem Unerreichbaren und verhindern gerade so die Verwirklichung des Möglichen. Wenn die Dinge unbedingt so und so sein sollten, aber nun mal leider nicht so sind, dann kann man ja nichts machen, und dann macht man auch nichts.

Es ist allgegenwärtig: Das Utopiesyndrom

»Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach«, sagt dagegen der kluge Volksmund. Es ist allgegenwärtig, das Utopiesyndrom. Auch in der Arbeitswelt. Viele leiden darunter, dass sie unbedingt einen Job haben wollen, der ihnen Spaß macht. Nicht selten reichen ihre Fähigkeiten aber nicht für den erträumten Job aus, oder alle Stellen sind besetzt. Dann werden solche Menschen kreuzunglücklich.

Ein Job ist aber erst mal ein Job. Man macht ihn nicht zum Spaß, sondern um damit sein Geld zu verdienen. Der Arbeitslohn ist immer auch Schmerzensgeld für die Mühe der Arbeit. Wenn Arbeit immer nur Spaß machen würde, müsste man dafür eigentlich Vergnügungssteuer zahlen.

Viele junge Menschen stranden bei der Berufswahl, wenn sie einen Job suchen, der ihnen unbedingt Spaß machen soll, in dem Gestrüpp von unzähligen möglichen Berufsausbildungen und den begrenzten eigenen Fähigkeiten. Es ist ja schön, wenn der Beruf, für den man geeignet ist, einem später auch noch Spaß macht. Aber man muss wissen, dass weit über die Hälfte der Berufstätigen eine Arbeit verrichtet, die ihnen keinen Spaß macht.

Das spricht nicht gegen die Arbeit, sondern für den Realismus der Menschen. Man darf die Arbeit nicht unterschätzen. Sie bringt uns nicht nur Geld ein, sondern schafft auch wichtige mitmenschliche Kontakte und Erfolgserlebnisse. Deswegen ist Arbeitslosigkeit nicht bloß ein finanzielles Problem.

Überschätzung der Arbeit eine zuverlässige Art, Glück zu vermeiden.

Dennoch ist die Überschätzung der Arbeit eine zuverlässige Art, das Glück zu vermeiden. Das ist in Deutschland nicht überall vermittelbar. Vor allem in Schwaben nicht, wo ja bekanntlich das erarbeitet wird, was die Rheinländer dann verfeiern.

Als ich einen Vortrag vor schwäbischen Unternehmern zum Thema »Arbeit ist das halbe Leben - aber was mache ich in der anderen Hälfte?« hielt, redete vor mir ein sympathischer und bescheidender schwäbischer Milliardär, der erklärte, für ihn und seinen Vater sei die Arbeit natürlich immer das ganze Leben gewesen.

Noch heute gehe er auch sonntags durch seine Firma. Wenn sich alles aber nur noch um die Arbeit dreht, kann man nicht glücklich werden. »Wir arbeiten, um zu leben«, sagt Aristoteles. »Wir leben, um zu arbeiten«, antwortet der deutsche Michel. Italiener gehen generell davon aus, dass Deutsche dauernd arbeiten und nur mit Bedauern schlafen.

Gerade in den »protestantischen Sprachen« hat Arbeit fast etwas Sakrales. Das deutsche Wort »Beruf« kommt von »Berufung«, denn da es bei den Protestanten keine Berufung zu heiligen Ämtern mehr gab, wurde die Arbeit geheiligt. »Ihr habt Uhren, wir haben Zeit«, sagte mir neulich in aller Fröhlichkeit eine hochgebildete Afrikanerin.

Ich konnte mich nur dadurch retten, dass ich mich herausredete, Rheinländer zu sein, also de facto Norditaliener. Die Uhr sei ja eigentlich etwas Schweizerisches und Pünktlichkeit etwas Preußisches, und gegen die Preußen hätten wir Rheinländer immer rebelliert.

Es gibt Rheinländer, die parken heute noch falsch aus Protest gegen die preußische Obrigkeit, und für den Kölner Konrad Adenauer begann schon auf der anderen Rheinseite die sibirische Taiga. Für Rheinländer ist das Glück geradezu geografisch. Auf der linken Rheinseite liegt das Glück, auf der rechten das Unglück.

Man vermeidet als Rheinländer also das Glück bereits, wenn man nach Düsseldorf fährt. Und gar nach Berlin, kurz vor Moskau! Eine Unglücksstadt! Der rheinische Kabarettist Jürgen Becker äußerte die Auffassung, Berlin sei eine Reise wert, man dürfe nur nicht aussteigen. Das kann man auch gar nicht, denn der Berliner Hauptbahnhof liegt de facto im Niemandsland.

Man erreicht ihn von außen nicht und kommt auch kaum weg, denn es gibt da keine normalen Taxis. Es gibt nur Leute in Autos, auf denen »Taxi« steht, die auf die Frage, ob sie frei seien, antworten: »Ne, ick bin verheiratet«, und wenn man dann schüchtern nachfragt, ob man denn mit diesem Wagen fahren könnte, knapp bemerken: »Dat kommt jar nich infrage, damit fahre icke!« Wahlweise gibt es auch noch Antworten wie »Da könnte ja jeder kommen« oder »Jetz mal janz langsam«.

Kurz gesagt, man kommt von diesem Bahnhof überhaupt nicht weg. Mit dem Auto ist Berlin übrigens auch nicht zu erreichen, weil die Elbe meistens Hochwasser hat und die Autobahnen überschwemmt sind, und über den Berliner Flughafen muss man sich gar nicht länger auslassen. Früher hatten die Berliner eine Mauer.

Die wurde nur durch eine Panne geöffnet. Wahrscheinlich wäre die einzige Chance, den Berliner Flughafen zu eröffnen, Günter Schabowski zu reaktivieren und zum Pressesprecher des Berliner Flughafens zu machen. Dann improvisiert man eine Pressekonferenz, und ein Journalist stellt die Frage, wann der Flughafen denn eröffnet werde.

Daraufhin wird Schabowski einen Zettel aus der Tasche ziehen und sagen: »Unverzüglich, hier steht unverzüglich.« Nur so kann man in Berlin langjährige Bauten eröffnen. Für Rheinländer ist die Nichterreichbarkeit Berlins aber kein Unglück. Sie haben »Berliner« bei sich vor Ort in Form einer unspektakulären billigen, aber durchaus leckeren Massenbackware. Der Rheinländer ist glücklich, wenn er in einen Berliner beißt.

Das Utopiesyndrom holt uns überall ein.

Das Utopiesyndrom betrifft nicht bloß unser Privat- und Berufsleben, es erwischt uns auch sonst immer wieder. Vor allem sind die vielen Ratgeber eine Quelle von ausgeklügelten Strategien, um Glück zu vermeiden. Denn hier werden ausdauernd angeblich ideale Verhaltensweisen angepriesen, die den Hilfe suchenden Leser nicht selten überfordern und dadurch unglücklich machen.

Es gilt nämlich ganz generell: Wer immer perfekt sein will, wird sicher scheitern. Umgekehrt kann eine Firma, in der Fehlerfreundlichkeit herrscht, nicht nur mit zufriedeneren Mitarbeitern rechnen, sondern darüber hinaus wird sie auch viel eher Erfolg haben. Denn Fehler sind zunächst einmal nur Abweichungen vom Üblichen.

Wenn man darin auch eine Chance sieht, vielleicht neue Wege zu finden, dann kann sich ein Fehler als außerordentlich nützlich erweisen. Viele große Entdeckungen sind durch Fehler zustande gekommen. Wer Fehler im Leben absolut vermeiden wollte, könnte niemals glücklich werden.

Nichts also gegen ein paar gute Tipps in ein paar praktischen Ratgebern, aber in der Summe produziert jedenfalls der Ratgebertsunami ein Volk von Leuten, die sich selbst irgendwie für unfähig halten. Glücksratgeber sind da nicht besser.

Sie werden oft von unglücklichen Menschen gekauft, die anschließend den Autor um sein Glück beneiden, was auch nicht gerade sehr viel glücklicher macht. Sokrates hat deswegen keine Bücher geschrieben oder allgemeine Lehren über das Glück verkündet, sondern persönlich mit einzelnen Menschen auf dem Marktplatz über das Glück geredet, das persönliche Glück.

Dass in den Medien dagegen oft unerreichbare Stars zur Anbetung ausgesetzt werden, die sich in Wirklichkeit nur für sich selbst interessieren, verstärkt die allgemeine Verunsicherung und schafft höchstens Anhänger, die sich selbst kleiner machen, als sie in Wirklichkeit sind. Und unglücklich werden.

"Der Sinn, und dieser Satz steht fest, ist stets der Unsinn, den man lässt."

Wenn man das einmal verstanden hat, kann man versuchen, solchen Unsinn zu vermeiden, nach dem Motto des Philosophen Odo Marquart: »Der Sinn, und dieser Satz steht fest, ist stets der Unsinn, den man lässt.« Der größte Unsinn ist der grassierende Wissenskult.

Ausgerechnet in Zeiten, in denen jeder durch Google und Wikipedia jederzeit in Sekundenschnelle jedes Wissen abrufen kann, erwecken Wissensshows den Eindruck, jemand, der viel wisse, sei irgendwie ein besserer Mensch.

Da kann man dann durch präzises Wissen über den durchschnittlichen Durchmesser von Klobürsten sein Glück machen. Doch all dieses bloße Wissen macht nicht glücklich und ist in Wahrheit völlig gleichgültig.

Man vermeidet es, glücklich zu werden, wenn man Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem Internet entwickelt und andere Menschen tatsächlich für ihr Wissen über Klobürsten beneidet. Für Sokrates war die tiefste Erkenntnis zu wissen, dass er nichts wirklich wisse.

Und damit glaubte er, mehr zu wissen als die Leute, die sich einbildeten, irgendetwas zu wissen, und dabei noch nicht einmal wussten, dass sie eigentlich nichts wissen. Nie war diese Erkenntnis so wertvoll wie heute.

So hat aber auch derjenige, der wenigstens weiß, wie man das Glück vermeidet, also wie man unglücklich werden kann, eher die Chance, glücklich zu werden. Paul Watzlawicks Anleitung zum Unglücklichsein kann auf diese Weise allen Menschen helfen, nicht nur den Kranken. Denn wer gelernt hat, wie man Glück sicher vermeidet, der vermeidet es dadurch sicher nicht mehr so häufig - und wird glücklicher.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Wie sie unvermeidlich glücklich werden - Eine Psychologie des Gelingens"

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Gütersloher Verlagshaus

ISBN: 978-3-579-07099-5

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