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Ich habe einen Syrer aufgenommen - und es ist ordentlich schief gelaufen

30/01/2017 10:23 CET | Aktualisiert 22/06/2017 11:12 CEST
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Über einen Nachbarschaftsverein in Mitte, der sich zur Unterstützung von Flüchtlingen gegründet hatte, wurde mir ein junger Mann ans Herz gelegt. 22 Jahre alt, er stammte aus einer kurdischen Kleinstadt im Norden Syriens.

Über zwei Monate hatte er sich mit Bruder und Freunden über die Türkei und Bulgarien nach Deutschland aufgemacht und lebte nun seit einem Jahr in einem Heim in Köpenick, wollte verständlicherweise aber dort weg ...

Nach ein paar Treffen zog Aboud (Name geändert) nun in meine WG, in der mein Sohn und ein Freund wohnen. Das heißt er zog mehr oder weniger ein. Mal schlief Aboud bei einem Kumpel, mal bei einer Freundin, war hier und da zu Besuch.

Die Regeln der Menschlichkeit

"Gibt es Regeln?", hatte er mich am Anfang gefragt und ich musste lachen. "Nein", sagte ich, "außer die der Menschlichkeit. Sei ehrlich und achtsam", Aboud nickte. Er sprach kaum Deutsch, aber inzwischen gutes Englisch. "Ich habe in Deutschland Englisch gelernt", sagte er.

Und dann quälte ihn noch was. "Wie alt bist Du?", fragte er mich. "42 Jahre, 20 Jahre älter als du", antworte ich ihm. "Du siehst jünger aus", sagte er. "Du auch", sagte ich. Da protestierte er: "Nein, ich sehe älter aus!"

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"Aboud", sagte ich später milde, "Ich könnte deine Mutter sein. Aber ich bin es nicht. Und ich bin auch keine Frau, mit der du was anfangen kannst." Er überlegte. Dann sagte er: "Bei uns zu Hause geht das nicht, wir können nicht einfach so mit einer Frau zusammenwohnen." Ich lachte und fügte hinzu, dass der andere Mitbewohner ja auch noch schwul sei. Er lächelte gequält und nickte. "Willkommen in Deutschland, Aboud!", lachte ich.

Ich will ehrlich sein, ich tauge nicht zum Gut-Menschen. Ich bin eine Realistin und ich halte es bei Problemen am liebsten wie die Queen: "Never complain, never explain". Auf manche wirkt das kühl.

Ich rege mich einfach nicht auf

Ich bekomme keine Tränen, wenn ich flüchtende Frauen und Kinder sehe oder denke: "Ohgottohgottohgott", sondern stelle meist nüchtern fest, dass anscheinend eine Phase beginnt, in der unsere Ignoranz dem Elend der Welt gegenüber nun doch ein wenig nachlässt. Auf manche wirkt das herablassend.

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Wenn ich tote Kinder mit dem Gesicht im Sand am Strand liegen sehe, dann gilt mein Interesse den Eltern. Nicht anders, als wenn ein Kind überfahren wird oder eine Krebsdiagnose gestellt bekommt. Ich sehe da keine Verschwörung der Welt und keinen Kampf arm gegen reich. Ich sehe die Verantwortung des Einzelnen und auch der Eltern und empfinde einzig und allein Mitleid mit den Kindern.

Es stellen sich bei mir auch keine Aggressionen ein, wenn ich Bilder aus Clausnitz, aus Rüdnitz oder wie die anderen, meist Ost-Käffer, heißen, durch die man nachts die Hunde jagt und in denen kaum einer leben möchte.

Ich rege mich auch nicht über die AfD auf und halte sie auch für keinen "Anfang" von irgendwas oder für einen "Untergang des Abendlandes", sondern denke eigentlich entweder "Meine Güte wie dämlich" oder auch: "Irgendwie lustig, wenn es nicht so dämlich wäre."

Es sind die eingefleischten Konservativen

Auch wenn es mir näher ist, sind diese prinzipientreuen Möchtegern-Intellektuellen mit ihrer politischen Naivität ziemlich nervig, die sich nun bis zum Erbrechen darüber aufregen, Dauer-Betroffenheit an den Tag legen und die "Wehret den Anfängen"-Fahne hochhalten, als schrieben wir das Jahr 1932, obwohl sie mit ihrem ständigen Kommentieren genau das Gegenteil bewirken (Nochmal: Provokation wirkt nur, wenn man auf Provokation eingeht). Das nervt mich eigentlich viel, viel mehr.

250 000 AfD-Wähler der letzten Landtagswahlen waren CDU-Wähler. Damit muss man sich konfrontieren: Es sind nicht die dummen (die werden nur als Mob-Staffage instrumentalisiert), es sind die eingefleischten Konservativen.

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Oder die, die mit so einer Mitleidsmasche auftreten gegenüber den Menschen, die immerhin den Mumm hatten, alles hinter sich zu lassen, die gefährliche Fluchtroute geschafft und körperliche und seelische Höchstleistungen vollbrachten, die ihnen mit dieser in Watte packenden "Ach-ihr-seid-so-arme-Opfer-Mitleidsmasche" entgegentreten, anstatt sie wie ganz normale Menschen zu behandeln.

Erinnert ihr euch noch an euren ersten Moment, als es mit der kindlichen Naivität vorbei war?

Wenn hier Menschen zu uns kommen, dann ist es mir egal woher sie kommen, ob sie nun gesetzlich dürfen, ob sie"„Flüchtling" oder "Wirtschafts-Flüchtling" oder "illegal" oder "anerkannt" hier sind. Ich halte auch nichts von Schranken und schon gar nichts von Mauern.

Der Verlust der kindlichen Naivität

Ich kann mich gut erinnern, als ich als 10-jähriges, gut behütetes, blondes, kleines Mädchen zum ersten Mal auf der Straße des 17. Juni stand und in den Osten schaute. Für mich brach in diesem Moment der Glaube, dass die, die das Sagen haben, schon alles richtig machen würden, wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

Heute denke ich es war der erste, mir bewusste Moment, in dem meine kindliche Naivität einen merklichen Riss bekam.

Im Rückblick will ich mal sagen: Das war gut so. Aber bis heute ist es schwer für mich zu ertragen, dass es viele mächtige Menschen gibt, die a) ihrem Einfluss bei Weitem nicht gewachsen sind, viel Scheiße bauen und sich dennoch an ihrer Position festkrallen können wie King Kong am Empire State Building.

Und b) dass wir uns das dann immer noch so lange gefallen lassen müssen und wir bislang keine funktionierende Struktur etabliert haben, damit solche Dusselköpfe, die das Finanzsystem zum Einstürzen bringen, Länder in tiefe Staatsverschuldung oder in die Isolation reißen und treiben, Kriege ohne Sinn vom Zaum brechen oder Ölkatastrophen und Atomtests zu verantworten haben, vorzeitig außer Gefecht gesetzt werden können. Obwohl, in Deutschland klappt es ja zurzeit ganz gut.

Keine Sorge, es ist erst der Anfang ...

Am Heiligen Abend hatte ich Aboud und noch zwei andere Syrer zu Besuch, wir kochten und tauschten uns aus. Smarte Männer, klug, gutaussehend, gut erzogen, kultiviert. Kämen sie nicht aus Syrien sondern aus Deutschland stünde ihnen die Welt offen.

Aboud würde einen Club leiten, Aboudid eine steile Unternehmenskarriere bei SAP machen, Abdoulrahman wäre Ressortleiter der Süddeutschen Zeitung. Sie würden so leben wie in Syrien, mit guten Jobs, in großbürgerlichen, großzügigen Wohnungen und Häusern, oder einem schönen Appartement, mit vielen Freunden und einer sich sorgenden und immer erreichbaren Familie. Jetzt wohnen sie hier im Heim und haben nichts.

Aboud erzählte viel, dass man ihm immer wieder gesagt hätte, dass er als Kind schwierig gewesen sei, dass er viel Prügel einstecken musste, dass es aber auch irgendwie normal sei. Ich erklärte ihm, dass es bei uns verboten ist, Kinder zu schlagen. Und dass Eltern, die das tun, bestraft werden können. Aboud nickte.

Es ist nicht leicht. Aber es wird nicht besser durchs Jammern

Er möchte eine Freundin, sagte Aboud. Aber wen solle er beeindrucken, er sei ein Flüchtling. Er habe kein Geld. "Aboud", sagte ich, "hör auf mit dem Kram. Dem Jammern, dem Selbstmitleid. Krieg deinen Arsch hoch. Wir wissen: Es ist nicht einfach. Das gilt aber für alle. Daher: Streng dich an." Er nickte.

Ich fragte ihn, was er mit seinem Leben anstellen wolle, was er machen möchte. Er lachte und sagte: "Weed anbauen". Dann sagte er: "Koch werden." "Dann musst du Deutsch lernen", sagte ich. Er lachte. Nickte, lachte. Schüttelte den Kopf. Ich wurde nicht schlau aus ihm.

Ich beschaffte ihm einen Platz bei meinem Freund Bulle, cooler Typ, der unter anderem ein kleines Café betreibt. Aboud stellte sich vor: "Ich hasse ISIS, ich hasse den Islam", waren einige seiner ersten Worte. Er wollte damit beeindrucken, doch Bulle sagte: "Eins muss dir klar sein, wenn du hier arbeiten willst: Wir hassen niemanden. Leg deinen Hass ab, wenn du den Laden betrittst." Aboud nickte.

Nach 14 Tagen wollte er nicht mehr zu Bulle. Er fühlte sich nicht mehr wohl. Aber er sagte, man hätte ihn rausgeworfen. Das war seine erste Lüge. Es kamen noch mehr.

Mich beschlich ein ungutes Gefühl

Ich sprach mit ihm, übersetzte, brachte die Dinge ins Reine, redete Aboud ins Gewissen. Er straffte sich und versuchte zu funktionieren. Mich beschlich langsam ein ungutes Gefühl ...

Aboud wechselte seine Klamotten nicht, er hatte keine Ideen, was er mit sich anfangen sollte. Ich fing an, ihn zu begleiten, zu umsorgen, ihn wie einen Sohn zu behandeln. Er nahm immer mehr Zeit in Anspruch. Er schmiss seine dreckigen Sachen in meinen Wäschekorb, damit ich sie für ihn waschen sollte. Es wurde anstrengend. Für uns beide.

Er müsse Deutsch lernen, wenn er Koch lernen möchte, wenn er überhaupt im Land bleiben möchte. Das sagten ihm alle. Er brauche einen geregelten Tagesablauf, nicht so viel nachts unterwegs sein, nicht so viel trinken. Nicht die ganze Nacht auf Facebook chatten und dann bis 14 oder 15 Uhr am Nachmittag schlafen. Er nicke.

Es war das falsche Thema

Es ging noch zwei Wochen gut. Ich hatte Aboud ein Fahrrad, einen Deutschkurs und eine Aussicht auf einen Ausbildungsplatz organisiert. Was noch offen war, war seine dauerhafte Anerkennung als Flüchtling. Er fing an sich zu beschweren. Es liege an den Behörden, an der Willkür. Was Quatsch war. Er hatte zu oft gelogen und er hatte sich nicht gekümmert.

Er verteidigte die strikte sexuelle Moral, die muslimischen Frauen auferlegt wird, sagte, es sei richtig so und es wäre nun mal so geregelt, dass ein Vater seine Tochter töte, wenn sie nicht mehr Jungfrau sei, bevor sie heirate, was solle er da sagen.

Als ich fragte, welches vernünftige Argument denn dafürspreche, dass ein Vater seine eigene Tochter ermorden darf, nur weil sie sexuelle Erfahrungen sammeln möchte, nickte Aboud nicht mehr. Er zog die Schultern hoch und blieb stumm. Es war das falsche Thema, das wussten wir beide. Und es zeigte, wie zerrissen er innerlich war.

Jeder sollte sich fragen, auf welcher Seite er stehen möchte

Zwei Tage später war der Ofen aus. Nachdem er wieder auf Deutschland geschimpft hatte, eigentlich auf die ganze Welt, die sich gegen ihn verschworen habe, konnte ich nicht mehr: "Aboud, alles, was falsch läuft in deinem Leben liegt einzig und allein an einer Person: dir." sagte ich streng. Doch es ging ihm nicht darum. Er wollte, dass sich jemand um ihn kümmert. 24 Stunden lang. Für mich kam das nicht in Frage.

Aboud ging seines Weges. Er war wütend. Ich rief ihn später an, weil ich mir Sorgen machte. Er log wieder, wollte zurückkommen, dann wieder nicht. Dann wollte er, dass ich ihn mitten in der Nacht anrufe und war beleidigt als ich das nicht machte. Er wurde für mich zu einem unberechenbaren Menschen. Wohnen kann man dann nicht mehr zusammen. Das wusste auch Aboud. Er hatte es verbockt. Er wird daraus lernen.

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Was dann noch nervig war, war dass er mich bedrohte, mich beschimpfte und selbstgerechten Quatsch tratschte - ein junger Mann, der sich irgendwie über sich selbst ärgert, das aber nicht wahrhaben will und daher den Fehler immer bei den anderen sucht.

Ein wenig unsympathisch fand ich aber schon, dass er ein Typ ist, der vor allem Bestätigung braucht. Der sich dumme Menschen sucht, die er für sich gewinnen kann, anstatt schlaue Menschen, um zu wachsen.

Aber das hat nichts mit Nationalität zu tun. Das gibt es nun wirklich überall. Außerdem bin ich überzeugt: Aboud wird seinen Weg machen, da habe ich überhaupt keine Sorge.

Außerdem: Was soll's?! Es gibt ja genug zu tun: Ich helfe, ich spende, ich versuche Deutsch zu unterrichten, weil ich finde, dass es einfach besser ist, als nichts zu tun.

Dieser Beitrag erschien zuert auf mamaberlin.

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