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Wenn die Digitalisierung auf den demografischen Wandel trifft

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DIGITALISIERUNG
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Unsere Gesellschaft verändert sich gerade rasant und wir sind mittendrin! Die digitale Revolution trifft auf den demografischen Wandel - damit erleben wir eine der bedeutendsten Veränderungen seit der Industrialisierung. Jetzt gilt es, die daraus entstehenden Chancen zu nutzen.

Die Digitalisierung wurde lange Zeit wie einer der üblichen technologischen Fortschritte eingeordnet, etwa wie von der Kutsche auf das Auto oder vom Radio zum Fernsehen. Tatsächlich aber befinden wir uns mitten in einer Revolution, deren Auswirkungen auch vor dem kleinsten Dorf nicht Halt machen werden. Doch gerade in Zeiten des demografischen Wandels muss das nicht unbedingt zum Nachteil des Dorfes sein - vielleicht ist es sogar seine Rettung.

Wenn die Digitalisierung auf den demografischen Wandel trifft, werden sich unser Alltag, unsere Arbeitswelt und Wirtschaft, unser Lernen und unsere Kommunikation verändern. Die Politik muss jetzt die Grundlagen legen, damit wir die Chancen nutzen können. Wir müssen alles dafür tun, dass die Menschen auch im 21. Jahrhundert, als dem Jahrhundert der digitalen Revolution und des demografischen Wandels, gut leben und arbeiten können.

Als Ministerpräsidentin eines ländlich geprägten Landes mit einer starken Industrie weiß ich, dass für unser Leben und Arbeiten die Leistungsfähigkeit des Internets immer bedeutsamer wird. Bandbreiten von 30, 50 oder 70 MBit/s werden bald nicht mehr ausreichen. Wir werden in Rheinland-Pfalz noch in dieser Legislaturperiode eine Machbarkeitsstudie durchführen, um damit eine Grundlage für das Ausbauziel 300 MBit/s plus zu legen.

Als Land werden wir aber nur erfolgreich sein können, wenn die Bundesregierung ihre Führungsrolle wahrnimmt und Investitionen in den Breitbandausbau zu einer Priorität erklärt, damit Deutschland im internationalen Vergleich bald besser dasteht. Schließlich entscheidet sich schon heute die Zukunft für manche Region und manchen Beruf am Zugang zum Internet.

Eine Architektin tauscht mit Kunden und Mitarbeitern Pläne oder Computersimulationen kaum mehr im Gespräch aus. Mit schnellem Breitband und entsprechenden Fachkräften kann sie selbst aus einer ländlichen Region heraus internationale Wettbewerbe gewinnen. Dies ist eine Chance, die wir ergreifen müssen und die es vor 10 Jahren noch nicht gab.

Paradoxerweise kann also genau die Globalisierung auch zur Renaissance der Region führen. Wir mögen global wirtschaften, manchmal auch global handeln und denken - aber wir leben zu Hause in unserer Stadt oder unserem Dorf.

Die meisten Menschen haben die Sehnsucht nach einem sicheren Zuhause und den Wunsch, aus ihrer Region heraus Karriere, Familie und Freizeit in Einklang zu bringen. Die Familien möchten in einem lebenswerten Umfeld wohnen, in dem ihre Kinder Chancen erhalten durch eine gute Bildung und ihre Eltern im Alter selbstbestimmt leben können und versorgt werden.

Gerade Menschen zwischen 30 und 50 Jahren haben verstärkt den Wunsch, ein Gleichgewicht zu finden zwischen ihrem kraftraubenden Beruf und ihrem Streben nach einem erfüllten Familienleben. Diesen Wunsch sehe ich als Fortschritt.

Mein Anspruch ist, dass es jeder kommenden Generation ein Stück besser gehen soll, als der Generation vor ihr. Und wenn die Balance von Arbeit und Freizeit, von Kindern und Karriere, von Aufstieg und Gesundheit heute stärker in unserem Bewusstsein ist, dann ist das ein Fortschritt, den wir nach Kräften unterstützen sollten. Deswegen brauchen wir flexible und partnerschaftliche Arbeitszeitmodelle, flächendeckende und gute Kinderbetreuung, gemeinschaftliche Wohnangebote für Ältere und eine gute medizinische und pflegerische Versorgung.

Gute Bildung und Aufstiegschancen bleiben auch in Zukunft die klügste Antwort, die wir geben können. Schließlich wird der Bedarf an Fachkräften wachsen, wenn wegen der demografischen Entwicklung die geburtenstarken Jahrgänge schon bald vom Arbeitsmarkt verschwinden. Zudem steigen im digitalen Zeitalter die Qualifikationsanforderungen, weil unsere Wirtschaft und Arbeitswelt sich verändern, zum Beispiel mit „Industrie 4.0".

Als Sozialdemokratin ist es für mich entscheidend, auch unter den veränderten Bedingungen sozialen Zusammenhalt, Gerechtigkeit und wirtschaftlichen Erfolg zu ermöglichen. Auch gute Arbeit mit den Merkmalen soziale Sicherung, gute Bezahlung, Mitbestimmung und Arbeitsschutz muss gewährleistet bleiben. Dazu müssen wir die Chancen erkennen, wenn vor Ort die Digitalisierung auf den demografischen Wandel trifft.


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