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Rechte Beschimpfungen gegen Karnevalisten - wir wissen, dass es am Ende nicht bei Drohungen bleibt

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MALU DREYER
dpa
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An Fastnacht der Gesellschaft und der Politik mit beißendem Spott den Spiegel vorzuhalten, gehört zu Mainz wie "Weck, Worscht un Woi". Narrenfreiheit ist das Markenzeichen der fĂŒnften Jahreszeit, die fest im Herzen der Mainzer und Mainzerinnen verwurzelt ist.

Gewiss, wer von der nĂ€rrischen Kritik getroffen wird, dem mag das Lachen zuerst im Halse stecken bleiben. Aber am Ende sollte der Humor siegen, weil die BĂŒtt und der Rosenmontag auch die SchwĂ€chen der eigenen Lebensart aufs Korn nehmen. Und weil der Narr, der den Finger in die Wunde legt, die Hoffnung auf eine bessere Welt wach hĂ€lt.

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Umso bitterer ist die Erfahrung, die "Obermessdiener" Andreas Schmitt, SitzungsprÀsident der Fastnachtssitzung "Mainz bleibt Mainz", und "Guddi Gutenberg" alias Hans-Peter Betz in diesem Jahr machen mussten.

Beide erhielten Briefe mit ĂŒbelsten Beschimpfungen. In den anonymen Schreiben folgten auf Tiraden mit eindeutig rechtem Gedankengut unmissverstĂ€ndliche Drohungen: "Wir beobachten Sie." "Wir kriegen dich noch dran."

Wir wissen, dass es am Ende nicht bei Drohungen bleibt

Dieser Ton ist neu. Und hier hört jeder Spaß auf. In den Briefen spiegelt sich eine Geisteshaltung, die offensichtlich vor nichts zurĂŒckschreckt und die wir in erschreckender Weise immer öfter erleben. Was nicht in das eigene Weltbild passt wird rĂŒcksichtslos bekĂ€mpft. Missliebige Informationen werden als "LĂŒgenpresse" diffamiert; Kritiker sollen eingeschĂŒchtert und mundtot gemacht werden.

Wir wissen, dass es am Ende nicht bei Drohungen bleibt. Denn Worte haben Wirkungen. Und aus Worten werden Taten. Wer sich selbst zum Maß aller Dinge macht, versteht keinen Spaß. Humorlosigkeit ist ein sicheres Kennzeichen fĂŒr Fundamentalismus und Fanatismus.

Einen Schneeball kann man zertreten, eine Lawine hĂ€lt keiner mehr auf, hat Erich KĂ€stner einmal gesagt. Wir dĂŒrfen uns nicht damit abfinden, dass die Hemmschwellen fĂŒr Hass und Hetze niedriger werden, auf der Straße und im Netz.

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Wut auf die bestehenden VerhĂ€ltnisse ist keine Lizenz fĂŒr Verachtung und Gewalt. Wir mĂŒssen - notfalls mit der ganzen HĂ€rte unseres Rechtsstaats - entschieden auch gegen die vorgehen, die Menschen mit Worten bedrohen. Moralische EntrĂŒstung allein reicht nicht.

Und wir sollten den Schreibern solcher Briefe und ihren Gesinnungsgenossen in aller Deutlichkeit sagen, dass sie sich fĂŒr ihren Hass und ihre Drohungen nicht auf demokratische Toleranz berufen und schon gar nicht beanspruchen können, das Sprachrohr fĂŒr die Mehrheit in unserem Land zu sein.

Zu unserer freiheitlichen Demokratie gehören unterschiedliche Perspektiven, Ambivalenzen und WidersprĂŒche. Aber wer etwa diejenigen angreift, die uns in der Fastnacht die gegenwĂ€rtigen VerhĂ€ltnisse scharfzĂŒngig und mit Humor vor Augen fĂŒhren, demaskiert sich selbst als Gegner der offenen Gesellschaft.

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