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Armut-die schlimmste Form der Gewalt (M. Gandhi)

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Lahore- Pakistan / Winter 2016

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Es ist der 14. Januar 2016, ich beobachte die Hektik in der Menschenmenge, alle möchten ihren Flug pünktlich erreichen und stelle fest, dass nicht nur meine Fluglinie nach München auf Grund von schlechten Wetterverhältnissen Verspätung hat. Nach einer neunstündigen Wartezeit sitze ich an meinem reservierten Platz, atme tief aus.

Meine Gedanken sind hin und her gerissen. Ich verlasse Pakistan, das Land meiner Wurzeln und lasse Erinnerungen und Geschehnisse zurück, welche eine tiefe Wirkung auf mein Menschsein hinterlassen haben. Ich lasse Revue passieren, gedanklich schweifen 2 1/2 Wochen davon, stehen bleibe ich heute noch...

An dem kalten Dezembertag bin ich froh darüber meinen Wintermantel mit eingepackt zu haben. Für mich ist es eine Selbstverständlichkeit zu kalten Jahreszeiten zu warmen Kleidungstücken greifen zu können.

Doch was ist mit Hamed? Die Begegnung sitzt heute noch tief in meinem Kopf - in meinem Herzen. Ich habe es heute noch vor Augen, wie er mit seinen kugelrunden, unschuldigen Augen, seinem verfilztem Haar, welches er unter einer Mütze teilweise verborgen hält, schüchtern zu mir auf schaut. Seine Familie steht bereits am Eingang des Lehmhauses und wartet gespannt auf mich.

Das Kennenlernen

Als ich die große Tasche zum Vorschein bringe, die mit Malbüchern, Buntstiften, Kleidung, Spielsachen und Süßigkeiten gefüllt ist, erreiche ich es, Hameds Neugierde zu wecken. Verängstigt steht der 3-jährige Hamed barfuß, noch an der Seite seines Vaters und nimmt allen Mut zusammen, um die Tasche entgegen zu nehmen. Zaghaft läuft er in meine Richtung, jeder seiner kleinen Schritte schmerzt im Herzen, die den eiskalten Boden berühren.

Zusammen packen wir die Tasche aus, welch eine Freude ich durch diese kleine Geste Hamed und seinen Eltern schenken konnte, werde ich nie vergessen! Ich setze mich zu Hameds Mutter, die am Boden versucht ein Feuer zu legen, um das Abendessen vorzubereiten.

Sie führt mich durch die kleine kalte Hütte, erzählt mir wie ihr Alltag verläuft, wie sehr sie sich wünscht, dass der kleine Hamed später eine Schule besucht aber auf Grund der finanziellen Verhältnisse unmöglich erscheint. Wie das Leben verläuft, wenn man sich täglich Sorgen darüber bereiten muss, ob es heute ein Mahlzeit gibt oder nicht.

Die Begegnung mit Hamed und seiner Familie hat vieles in mir beweget. Mir schwirren unendliche Fragen im Kopf: Was istArmut? Wieso haben es gesellschaftliche Umstände so weit kommen lassen, dass Armut herrscht? Wie kann diese beseitigt werden? Inwiefern kann jedes Individuum dazu beitragen, diese zu beseitigen?

Es gibt noch nicht einmal fließendes Wasser

Dinge, die für uns banal sind, wie ein warmes Bett, eine Mahlzeit sind schon viel zu weit vergriffen; Hamed besitzt nicht einmal fließendes sauberes Wasser! Diese Familie, die ich kennen lernen durfte, ist nur eines der unzähligen Beispiele, deren Grundbedürfnisse nicht erfüllt werden.

Jährlich enden etwa elf Millionen Tonnen Lebensmittel auf deutschen Müllhalden. 61 % der weg geworfenen Lebensmittel stammen aus den Privathaushalten. Damit vernichten wir jährlich genießbare Speisen im Wert von bis zu 21,6 Milliarden Euro. Diese Summe muss erst einmal in unserer Überfluss- und Wegwerfgesellschaft in welcher wir leben verdaut werden, um sich über deren Ausmaße weitere Gedanken machen zu können.

Bald beginnt für viele Muslime weltweit der Fastenmonat Ramadan. Das ist nicht eine Zeit des Hungers, sondern wir Muslime lernen unser Konsumverhalten umzulenken, zu steuern und zu überdenken. Wir sollten alle in uns gehen, unabhängig von der Religionszugehörigkeit und stets bedenken, dass am anderen Horizont der Erde Menschen in elenderen Umständen ihr Leben verbringen. Die Fastentage bewirken eine spirituelle Entwicklung in uns.

Der Fastenmonat

Wir lernen zu schätzen und zu würdigen , indem wir versuchen uns vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang in die Situation eines Menschen zu begeben, der nicht 24 Stunden einen vollen Kühlschrank, ein Dach über den Kopf und eine warme Mahlzeit erhalten kann.

Der Fastenmonat unterstützt uns in der heutigen turbulenten Zeit die moralischen, sozialen Werte des Miteinanders aufzubauen. Im heiligen Koran fordert Allah die Gläubigen auf zu spenden, von dem was ihnen gegeben wird (Sura Al-Anfal, Vers 3).

Spenden in Form von Naturalien, finanziellen Mitteln oder Gegenständen das spielt keine Rolle. Betrachtet werden muss stets die Gesellschaft als Ganzes, es leben Menschen unter uns, die keine Mittel haben der Armut zu entfliehen. Der heilige Prophet Mohammed (Frieden und Segen seien mit Ihm) sagte: "Die obere Hand ist besser als die untere."

Dabei stellt die obere Hand die des Spendenden dar und die untere die des Bettlers. Sorgt Euch nicht nur um Euer Fastenbrechen, um euer Abendmahl, sondern denkt stets daran, dass es irgendwo weit weg von euch einen Hamed gibt, der am Morgen nicht weiß, ob es am Abend etwas für das leere Bäuchlein gibt.

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