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"Europa sollte sich vorbereiten"- die Flüchlingskrise hat noch gar nicht richtig angefangen

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REFUGEES MASSES
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Libyen wird überrannt. Auf der Flucht vor Krieg, Verfolgung und einem besseren Leben strömen immer mehr Menschen in das Land. Wer glaubt, dass die Flüchtlingskrise durchgestanden ist, der irrt - sie fängt gerade erst an.

In Europa bekommt man das noch nicht mit - ich jedoch leiste mit meiner Organisation "Ahrar Tarabulus" Flüchtlingshilfe in Libyen. Ich beobachte dort die Menschen, die in den kommenden Wochen und Monaten Europas Küsten erreichen werden.

Teile von Lybiens Küste sind voller Leichen

Sie sind voller Hoffnung - aber auch Angst. Zu viele sind bei der beschwerlichen Flucht über das Mittelmeer schon ums Leben gekommen. Manche Teile der knapp 2000 Kilometer langen Küste Libyens sind voller Leichen, die das Meer angespült hat. Nur ein Bruchteil der Menschen, die von dort aufbrechen, erreichen auch ihr Ziel.

Weniger als zehn Prozent der Flüchtlinge, die in Libyen ankommen, fliehen vor Krieg. Die allermeisten verlassen ihre Heimatländer aus wirtschaftlichen Gründen.

Mehr zum Thema: Die rechtsextremen Identitären wollen im Mittelmeer Flüchtlinge stoppen - so geht es auf ihrem Schiff zu

Von Europa erwarten sie Wohlstand, Sicherheit, Arbeit und damit Möglichkeiten, ihre Familie besser zu versorgen. Sie kommen aus Nordafrika, Syrien, Eritrea, Bangladesch und vielen anderen wirtschaftlich schwachen, afrikanischen Ländern.

Auch ohne die Flüchtlingsmassen ist die Lage in Lybien miserabel

Über Libyen fliehen sie, weil der Weg in ihr selbsternanntes Paradies mit knapp 300 Kilometern relativ kurz ist. Andere Fluchtwege sind durch Kriege oder Grenzschließungen wie die auf der Balkanroute versperrt. So sammeln sich hier tausende fliehende Menschen aus verschiedenen Ländern.

Doch das Land ist selbst von innenpolitischen und gesellschaftlichen Problemen geplagt. Die Lage für die Bevölkerung ist seit vielen Monaten extrem schlecht. Es gibt nur wenige Stunden Strom am Tag, die Banken verfügen über kein Bargeld, so haben die meisten Menschen kein Geld und die medizinische Versorgung ist miserabel.

Dazu kommt es immer wieder zu Kämpfen in verschiedenen Teilen des Landes. Libyen ist eh schon gebeutelt - auch ohne die Flüchtlingsmassen auf der Durchreise.

Dass sich die ganze Situation verschärft, je mehr Menschen in das eigentlich reiche, aber durch den lang andauernden Bürgerkrieg zerrissene Land strömen, liegt auf der Hand.

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Es gibt keinen Platz, kein Geld und keine Sicherheit, für Niemanden.

Vor allem, weil es keine vom Staat geschaffenen Einrichtungen für Flüchtlinge gibt. In den wenigen Camps der Hilfsorganisationen ist alles provisorisch.

Libyen hat die Genfer Flüchtlingskonvention nicht unterzeichnet, die den Flüchtlingen bestimmte Rechte zugesteht - unter anderem Schutz vor Diskriminierung, Religionsfreiheit, freier Zugang zu den Gerichten, Ausstellung eines Reiseausweises für Flüchtlinge, Straffreiheit der illegalen Einreise und Schutz vor Ausweisung.

Das alles greift in Libyen nicht. Die Flüchtlinge haben keine Rechte und keinen Anspruch auf Unterstützung. Sie müssen sich alleine durchschlagen.

Wir helfen Kriegsverletzten, vor allem Frauen und Kindern

"Ahrar Tarabulus" kümmert sich deshalb um alle Flüchtlinge und Libyer, die Hilfe brauchen. Wir behandeln Kriegsverletzte, leisten Lebensmittelhilfe in Tripolis, versorgen Krankenhäuser und errichten Flüchtlingsheime.

Dort kümmern wir uns besonders um Frauen, Kinder und Jugendliche. Weil der Ansturm so groß ist und wir von der Flüchtlingswelle überrollt werden, können wir nur den Schwächsten helfen.

In unseren Heimen bekommen sie eine medizinische Grundversorgung und einen sicheren Schlafplatz.

Die Überfahrt nach Europa soll nicht der einzige Ausweg sein

So arbeitet "Ahrar Tarabulus" an Landprojekten, die den schwächsten der ankommenden Flüchtlinge Sicherheit bieten. Außerdem wollen wir mit politischer Arbeit verhindern, dass die Überfahrt nach Europa für die Menschen die einzige Option auf ein besseres Leben ist.

Unsere humanitäre Hilfsorganisation wurde im März 2011 von meiner inzwischen acht köpfigen, deutsch-libyschen Familie gegründet.

Wir finanzieren unsere Projekte fast ausschließlich durch unser eigenes Geld sowie durch Geschäftsmänner aus Libyen. Hilfe aus dem Ausland hatten wir nur im Gründungsjahr. Sichere Landprojekte in Libyen sind dringend auf weitere Hilfe angewiesen.

Einige unserer Mitglieder haben sich in den ersten Jahren nach der Gründung von der humanitären Hilfe in die Politik umorientiert, darunter auch mein Ehemann. Wir arbeiten Hand in Hand. So wollen wir nach und nach die Probleme in Libyen angehen - aktiv und in der Politik.

Europa steht noch einiges bevor

Schließlich ist die Lösung der Probleme unseres Landes in den Herkunftsländern der Flüchtlinge zu suchen. Sie müssen dort an der Wurzel gepackt werden.

Denn auch wenn die Durchreisenden Libyen irgendwann verlassen haben, verschieben sich die Probleme nur weiter - nach Europa.

Weil wir die Ablegestellen in Libyen beobachten und die Zahl der ausreisenden Flüchtlinge dokumentieren, wissen wir: Europa steht noch einiges bevor.

Jeden Tag machen sich Hunderte in Libyen auf den Weg. Europa sollte sich vorbereiten.

Das Gespräch wurde von Franziska Kiefl aufgezeichnet.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.

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(rn)