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Ein längst überfälliger Brief an alle Flüchtlinge

03/02/2016 09:24 CET | Aktualisiert 03/02/2017 11:12 CET
Maike Knorre

Liebe Menschen, die ihr nach Deutschland gekommen seid, um ein neues Zuhause zu finden,

ich möchte mich bei euch entschuldigen.

Entschuldigen für meine Mitbürger, die es euch schwer machen, die Zeiten der Angst und des Kummers hinter euch zu lassen. Die euch mit so viel Unmenschlichkeit und geistigen Scheuklappen begegnen, vor der ihr dachtet, geflohen zu sein.

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Die sogenannten besorgten Bürger, die schreien: „Die Muselmänner und ihre Großfamilien nehmen das ganze Land ein!" Die aber gleichzeitig den Kopf schütteln und sich fragen, wie einzelne Flüchtlinge ihre Familie nur in einem Land zurücklassen kann, wo dort doch „angeblich Krieg herrscht".

Und die so viel Angst vor dem Unbekannten haben, dass sie wirr argumentieren.

Die sich aufspielen, die Flüchtlinge lägen dem großzügigen Sozialstaat auf der Tasche. „Sozialschmarotzer! Faules Pack! Parasiten!" Die dann aber meckern, die Migranten „nehmen uns die Arbeitsplätze weg - und unsere Frauen und Töchter!" - obwohl sie wiederum fordern, „die sollen sich gefälligst in unsere Gesellschaft einfügen. Und Deutsch lernen." Und das, obwohl die „Eindringlinge" doch eigentlich schnellst möglich wieder abgeschoben gehören.

Von Wegen "Open minded"

Ich möchte mich entschuldigen für all jene Deutsche, die sich Weltoffenheit und Reiselust ins Profil schreiben und „super gerne" Urlaub in eurer Heimat machen. Die in ferne Länder reisen, weil sie fremde Kulturen ja „so spannend" finden, euch aber mit Skepsis und Vorurteilen auf der Straße begegnen. Und die Augenbrauen hochziehen, wenn ihr im Balkan Shop um die Ecke einkaufen geht, obwohl sie selber „für die türkische Küche sterben würden".

Entschuldigen für die Generation meiner Oma, die mit schwerer Zunge über die NS-Zeit spricht und als Kind nie verstand, warum die Schulfreundin mit dem Stern auf der Kleidung nicht mehr zum Spielen kommen durfte. Die aber nicht alles schlecht findet, „was der Herr Hitler so gemacht hat" und dafür sorgt, dass braunes Rassendenken in den Köpfen vieler Deutschen weiterlebt.

Sie alle verstricken sich in Widersprüche, weil sie zu feige sind, ehrlich zu sagen, dass sie Egoisten sind.

Dass sie ihren Wohlstand nicht teilen wollen, dass sie kein Interesse am Weltgeschehen abseits der Bundesgrenzen haben. Dass sie der Integrationsgedanke anstrengt - geistig und praktisch.

Liebe Menschen, die ihr nun in Deutschland seid, um ein neues Zuhause zu finden,

ich möchte euch bitten: Macht es meinen Mitbürgern einfacher, keine Angst zu haben. Es liegt an euch, keine Fremden mehr für sie zu sein.

Sprecht mit ihnen, erzählt ihnen eure Geschichte. Und fragt, wann immer ihr unsicher seid. Deutschland ist ein Land voller (teils unausgesprochener) Regeln, das finde auch ich sehr anstrengend und, naja, deutsch eben.

Bitte reduziert meine Mitbürger nicht auf eben jene Menschen. Nicht alle Deutschen sind Nazis, zünden Flüchtlingsunterkünfte an, demonstrieren. So wie nicht alle Flüchtlinge klauen, aggressiv sind und Frauen vergewaltigen.

Seid den Deutschen ein Beispiel.

Beitragsbild: flickr.com/Metropolico.org

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