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Willkommen im Wohnzimmer der Mafia

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"Du wirst in einem Sarg nach Kalabrien zurückfahren und kannst dich glücklich schätzen, wenn wir den Sarg nicht verbrennen."

Maria Giordano (Name geändert) hat solche Sätze immer wieder gehört. Maria ist 35 Jahre alt und lebt in Baden-Württemberg. Die Ex-Frau des Mafioso Pasquale Rizzo (Name geändert) ist eine von vier Kronzeuginnen, die je gegen die kalabrische Mafia, die Ndrangheta, ausgesagt haben. Meine Kollegen David Schraven, Wigbert Löer und ich haben sie getroffen. Ihre Geschichte ist eines der vielen Puzzle-Teile, die uns dazu bewogen haben, ein Buch über die Mafia in Deutschland zu schreiben.

Ich recherchiere schon lange zu den Machenschaften der Mafia, seit einem guten Jahren intensiv. Seitdem hat sich mein Bild stark gewandelt.

Die Mafia ist eine unterschätzte Gefahr


Denn die Mafia ist eine Gefahr in Deutschland. Eine unterschätzte Gefahr.

Viele glauben, Deutschland sei ein Rückzugsraum für die italienischen Clans. Das stimmt. Aber die Bundesrepublik ist viel mehr als das: Sie ist Aktionsraum.

Das Bundeskriminalamt weiß von 551 Mafiosi in Deutschland. Das klingt erst einmal nicht viel. Aber das ist nur die gesicherte Zahl, von der man weiß. Diese Menschen tragen dazu bei, dass das organisierte Verbrechen sich ausbreitet, Menschenleben zerstört, wie das von Maria. In unserem Buch listen wir 54 kalabresische Mafia-Clans auf, die in Deutschland schon einmal aufgefallen sind. Wir wissen, wo heute die Hochburgen der Mafia in Deutschland liegen: in Stuttgart, München, Erfurt, Köln und im Ruhrgebiet.

Der Farao-Clan

Der mächtigste Zweig der Mafia in Deutschland und weltweit ist die Ndrangheta aus Kalabrien, sie hat im globalen Geschäft die Cosa Nostra aus Sizilien, die Camorra aus Neapel und die Sacra Corona Unita aus Apulien längst hinter sich gelassen.

Ihr mächtigster Vertreter in der Bundesrepublik ist der Farao-Clan. In Italien nennen sie ihn den "deutschen Clan", weil er sich ganz gezielt hier festgesetzt hat. Er ist stärker, größer als alle anderen hierzulande und stärker verflochten mit den Eliten.

Wir habe in Deutschland noch (!) keine italienischen Verhältnisse. Auch Maria vertraut der deutschen Polizei mehr als der italienischen. Aber wir haben mit deutschen Ermittlern gesprochen, die nicht offen über den Farao-Clan reden wollen, weil sie nicht wissen, bis auf welche Ebene sein Einfluss. Es gibt Fotos von hochrangigen Polizisten mit Clanmitgliedern aus Restaurants in Süddeutschland und den neuen Bundesländern.

Die Mafia hat den Staat in Italien infiltriert, die Gesellschaft. Und ich sage es mal so: In Deutschland erfindet sich die Mafia nicht neu.

Die Mafiosi spenden örtlichen Sportvereinen

Die Mafiosi sind exzellente Netzwerker. Sie betreiben Lobbyarbeit und stellen so Nähe her. Sehr beliebt sind zum Beispiel Spenden von Unternehmern oder Restaurant-Besitzern an den örtlichen Sportverein. So kann man aus der Kumpelecke seinen Einfluss ausdehnen.

Mir sind keine Verflechtungen auf Bundesebene bekannt, aber es gibt Regionen in Deutschland, wo sich diese Nähe zwischen Mafia und regionaler Politik und Behörden gerade verfestigt, wo Spots entstehen. Details nenne ich dazu jetzt nicht.

Heute ist die Mafia vor allem in Deutschland bemüht, nicht aufzufallen. Das schadet beim Geschäftemachen.

Die Mafiosi geben sich schließlich gern als nette, unauffällige Kerle. Als ich einen von ihnen zu Hause getroffen habe, haben wir Kaffee getrunken und er hatte seine zwei Kinder auf dem Arm.

Und Maria erzählte uns, dass sich Pasquale in Deutschland bei einer Firma anstellen ließ, die Putz- und Stuckarbeiten anbot. Mal fuhr er ganz normal zur Arbeit, mal verschwand er nach Kalabrien.

Meine Kollegen haben Matteo B. getroffen, der inzwischen untergetaucht ist und laut Polizei seine Finger im Drogenhandel hat. Als sie ihn in Solingen gesehen haben, stand er zusammen mit vier anderen Italienern rauchend und plaudernd vor einem geschlossen Restaurant. Alle hatte die Hosen sind voller Gipsflecken, ihre Finger waren dreckig, Bauarbeiter eben. Unauffällig.

Nach einigem Hin und Her ging Matteo mit ihnen ins Restaurant. Schloss hinter ihnen die Tür ab, drohte ihnen. Sie sollten sofort aufhören, Lügen über ihn zu verbreiten. Als er damit nicht weiterkam, wechselte er die Taktik, ließ einen seiner Leute Espresso holen und stellte sich als Unschuldslamm dar.

"Fahrt nach Osten und kauft Immobilien"


Die Mafia läuft heute nicht mit der Knarre fuchtelnd herum. Ihre Leute tarnen sich wie Matteo als einfache Arbeiter - oder als Unternehmer. So kann sie Geld aus der Drogendealerei, dem Waffenhandel und der Prostitution waschen.

Mafia-Familien führen Bars, Eiscafés und Restaurants. Nach Schätzungen des BKA kontrollierte die Mafia schon 2010 in Deutschland rund 300 Restaurants.

Bauunternehmer zahlen Schwarzarbeiter auf deutschen Baustellen in bar aus.

Nach der Wende gab ein Ndrangheta-Pate die Anweisung: "Fahrt nach Osten und kauft Immobilien." Und genau das haben sie gemacht. Der Goldrausch im Osten betraf nicht nur legale Geschäfte.

Lebensmittelhändler kaufen in Italien Schinken, Olivenöl und Wein, transportieren sie nach Deutschland - und behaupten, sie würden sie nach Spanien oder Dänemark exportieren. In dem Fall erstattet Deutschland ihnen die Umsatzsteuer. Doch der Export findet nie statt, die Waren werden in Deutschland unter der Hand verkauft.

Der kleine Pizzabäcker, der eine Million Euro anlegen will


Es ist extrem schwierig diese Verflechtungen aufzudecken, die Beispiele oben zählen noch zu den einfachen Konstrukten. Dazu kommt das deutsche Recht, das den Mafiosi so in die Hände spielt: Den Ermittlern fällt es sehr oft sehr schwer, wirklich nachzuweisen, dass es sich bei investiertem Geld um Geld aus illegalem Vermögen handelt. Selbst wenn ein kleiner Pizzabäcker plötzlich eine Million Euro anlegen will, die angeblich von seiner weitverzweigten Familie in Italien vom Mund abgespart wurde, können sie kaum etwas tun.

In Italien ist die Mitgliedschaft in der Mafia strafbar, nach Paragraph 416-bis. In Deutschland nicht.

In Italien gilt für Mafia-Verdächtige die Beweislastumkehr: Nicht der Staat muss belegen, dass ihr Geld aus kriminellen Geschäften stammt, sondern sie müssen belegen, dass sie es legal erworben haben.

Das Gesetz allein wird nicht reichen


Man muss nur einmal einen Blick auf die Zahlen werfen: Allein die Abteilung des Mafiajägers Roberto Scarpinato in Palermo hat zwischen 2006 und 2010 über drei Milliarden Euro beschlagnahmt. Laut einem internen Bericht des Bundeskriminalamtes hat Deutschland im Jahr 2012 in Deutschland nur 88.000 Euro von der Mafia kassiert. Und das, obwohl Mafiosi ganz klar sagen, wenn sie Geld anlegen wollen, dann tun sie das lieber in Deutschland als in Italien.

Union und SPD haben einen Gesetzentwurf vorbereitet, der die Lage verbessern soll. Er ist in diesen Wochen im Parlament diskutiert worden und ein Schritt in die richtige Richtung, auf den Ermittler lange gewartet haben.

Eine Art Beweislastumkehr und ein erleichterter Einzug von kriminellem Vermögen ist gut, aber das alleine wird nicht reichen. Die Staatsanwaltschaften und Kriminalbeamten müssen personell stärker aufgestellt werden.

Die deutschen und italienischen Ermittler müssten viel besser zusammenarbeiten. Da sind die Deutschen oft zu zurückhaltend. Da werden Haftbefehle spät oder gar nicht vollstreckt. Gut funktioniert das zur Zeit nur dann, wenn die Ermittler und Staatsanwälte persönliche Kontakte zu Kollegen in Italien haben und nicht zentral über Rom gehen müssen.

Außerdem fehlt der deutschen Polizei in vielen Fällen das Personal und vor allem auch eine einheitliche Ausbildung, Mafia-Verbrechen aufzudecken. Nach dem Sechsfachmord von Duisburg 2007, als die Fehde zweier Ndrangheta-Clans eskalierte, ging es mal ganz schnell mit der Aufklärung, da wurde mal Ernst gemacht - auch personell! Und da wurden die Täter dann auch nach langer, intensiver Arbeit identifiziert und geschnappt.

Seither ist es still geworden um die Mafia in Deutschland. Aber es ist eine trügerische Stille.

Sie täuscht nicht nur über das Ausmaß der Mafia-Aktivitäten hinweg, sondern auch darüber, wie brutal die Mafia ist.

Die Mafia hat es sich hier viel zu gemütlich gemacht


Maria wurde von ihrem Mann auch als Schwangere geschlagen. Sie ist fest davon überzeugt, dass eines ihrer Kinder deshalb behindert ist. Ihr Mann und sein Clan haben sie gezwungen, sich zu prostituieren, haben etwa sieben Mal ihr Auto angezündet, ihre Wohnungstür in Brand gesetzt, ihr mit einem Säureanschlag und mit dem Tod gedroht.

Die Mafia ist die brutalstmögliche Form des Kapitalismus. Ein Leben zählt nicht. Nur die Maschine, die Geld auswirft.

Wir haben das Buch geschrieben, weil wir glauben, dass die Öffentlichkeit wissen muss, was hier passiert. Nur dann wird die Polizei die nötigen Ressourcen bekommen, um effektiv gegen die Mafia vorgehen zu können. Deutschland hat die Mafia schon viel zu weit kommen lassen.

Sie hat in Deutschland längst nicht mehr nur ihren Ruheraum, ihr Schlafzimmer. Sondern ihr Wohnzimmer. Und ihr Büro. Kurz: Die Mafia hat es sich hier viel zu gemütlich gemacht.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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David Schraven, Maik Meuser, Wigbert Löer: "Die Mafia in Deutschland: Kronzeugin Maria G. packt aus"
. Eine interaktive Karte über die Mafia in Deutschland gibt es auf der Seite des Recherchezentrums "Correctiv".