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Mein Leben wäre besser, wäre ich nie aus Afrika weggegangen

12/10/2017 10:00 CEST | Aktualisiert 12/10/2017 12:29 CEST
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Ich wuchs in Abidjan mit meinem Vater, meiner Schwester und meinem jüngeren Bruder auf. Unsere Mutter hat uns verlassen, als ich noch klein war, aber wir hatten eine normale Kindheit und gingen zur Schule.

Dann, als ich zwölf und meine Schwester 14 Jahre alt waren, schickte uns mein Vater nach London, damit wir der weiblichen Beschneidung entkommen konnten. Wir lebten dort bei einem seiner Freunde in Croydon, waren sonst jedoch völlig auf uns allein gestellt.

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Auch in London gingen wir regelmäßig in die Moschee. Vaters Freund holte uns danach immer ab. Eines Tages, als wir nach dem Gebet die Moschee verließen, war er jedoch nicht da. Wir setzten uns und warteten, aber er kam nicht.

Nach einigen Stunden näherte sich eine Dame und sprach uns an, aber wir verstanden sie nicht. Sie nahm uns mit zu sich nach Hause, fuhr uns am nächsten Tag zur Polizei und anschließend ins Innenministerium, wo wir Asyl beantragen sollten.

Ich stand unter Schock.

Das Kinderheim und die Bewohner schüchterten mich ein

Ich konnte einfach nicht verstehen, warum unser Vater uns allein nach London geschickt hatte. Ich weinte bitterlich.

Noch am selben Tag kamen wir in eine Pflegeunterkunft. Die zuständige Dame war streng und trennte mich von meiner Schwester.

Erst kam ich in eine Notfallfamilie und anschließend in ein Heim. Ich war 13 und das einzige Mädchen dort. Es ging oft brutal zu.

Das Kinderheim und die Bewohner schüchterten mich ein. Keiner scherte sich um mich, außer ein Junge, der mir Englisch beibrachte. Irgendwie schlug ich mich durch.

Drei Monate später kam ich in die achte Klasse einer Mädchenschule in Croydon. Zuerst hänselten sie mich wegen meines Akzents und meines Namens "Bamba", aber letztendlich gewann ich dort doch ein paar Freundinnen.

Die einzige Zeit, in der ich wirklich glücklich war

Nach sechs Monaten im Heim zog ich mit meiner Schwester zu einer Pflegefamilie.

Die Dame dort war sehr fürsorglich, kochte für uns und war wie eine Mutter für mich. Das war die einzige Zeit in London, in der ich wirklich glücklich war.

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Bald jedoch bekam sie neue Kinder zugeteilt und wir mussten bei anderen Pflegefamilien leben. Meine Schwester und ich wurden wieder getrennt und lebten uns auseinander.

Mit 16 zog ich in eine teilbetreute Unterkunft mit drei anderen Mädchen und nur zwei Jahre später musste ich schon wieder gehen. Ich zog in ein Hostel - zusammen mit zwei Jungs.

Dann wurde ich schwanger und ich zog in die Wohnung im Keller des Hostels. Mein Baby Mark ist nun 13 Monate alt. Ich komme gut mit seinem Vater aus, aber er ist Franzose und lebt die meiste Zeit in Frankreich.

Die Menschen meinen, ich will nur Hause sitzen und mich vom Staat durchfüttern lassen

Mein Sohn hat die französische Staatsbürgerschaft, ich jedoch habe keinen Status. Bis ich 18 war galt ich als alleinreisende Minderjährige, aber dann musste ich eine Aufenthaltsverlängerung beantragen.

Da mir das Amt keine Rückmeldung schickte, verfiel meine Aufenthaltsgenehmigung. Ich wollte mir schon einen Anwalt suchen, habe jedoch kein Geld dafür. Vom Innenministerium erhalte ich 45 Pfund - für meinen Sohn zusätzlich 20 Pfund. Insgesamt sind das ungefähr 72 Euro. Arbeiten darf ich nicht.

Mein Sohn gibt mir einen Grund, zu kämpfen, denn er braucht eine Zukunft.

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Ob Flüchtling, ob Deutscher - wir sind alle nur Menschen. Mit Ideen, Hoffnungen, Meinungen. Darüber könnt ihr euch hier austauschen.

Aber es ist so schwer. Mein Leben wäre besser, wenn ich damals in Afrika geblieben wäre. Ich hätte nicht so sehr gelitten, wäre nicht ständig unglücklich und ratlos.

Nachdem mein Sohn auf die Welt kam, ging ich nicht wieder zur Schule oder ging irgendeiner Beschäftigung nach. Ich habe weder Arbeit noch Freunde oder jemanden, an den ich mich mit meinen Problemen wenden kann.

Das allerschlimmste ist, dass ich nicht arbeiten darf und die Menschen meinen, ich will nur zu Hause sitzen und mich vom Staat durchfüttern lassen.

Young Roots (eine Stiftung für junge Flüchtlinge) hat mich bei der Aufnahme an einem Oberstufenzentrum in Croydon unterstützt, an dem ich mich für einen erweiterten Abschluss in Sozialer Pflege vorbereite.

Bald werde ich in diesem Bereich arbeite können, da sie dort auch eine Kinderbetreuung anbieten.

Dann werde ich endlich das Gefühl haben, etwas im Leben erreicht zu haben. Mein Traum ist es, Krankenschwester zu werden, da ich Menschen gerne pflege und ihnen zuhöre.

Dieser Beitrag erschein zuerst in der HuffPost UK und wurde aus dem Englischen übersetzt.

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