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Was ein Adoptivkind allen über Adoption erzählen will

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MADELEINE MELCHER
Madeleine Melcher
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Disclaimer: Ich bin ein Mensch, der seine eigenen Erfahrungen gemacht hat. Auch als jemand, der adoptiert wurde, bin ich dennoch ein menschliches Wesen. Natürlich sind unsere Erfahrungen unterschiedlich, sie reichen von schwarz und weiß bis hin zu den unterschiedlichsten Grautönen. Ich kann und will nicht für jeden sprechen, aber ich werde immer die Chance zu sprechen nutzen.

Als ich noch ein Baby war, lebte ich für einige Zeit in einem Auto. Meine leibliche Mutter ließ mich eines Tages zurück und kehrte nicht wieder. Als ich etwas über ein Jahr alt war, wurde ich adoptiert. Durch die Adoption kam ich zu meiner Familie. Ich weiß, dass viele Menschen, sei es nun im Supermarkt oder bei der Schulanmeldung, immer viele Fragen haben, wenn Sie erfahren, dass eine Familie erst durch Adoption zu dem wurde, was sie ist. Und mir wurden im Laufe der Jahre eine ganze Menge Fragen gestellt. Falls Sie sich also dafür interessieren und auch, weil ich immer bereit war, über meine Erfahrungen zu sprechen, möchte ich die folgenden Punkte mit Ihnen teilen.

1. Pflegekinder haben nichts mit den Pflegekindern aus Kinofilmen gemeinsam. Ja, auch ich war in einer Pflegefamilie. Aber ich habe nichts mit Annie, dem Waisenkind aus dem gleichnamigen Musical gemeinsam. Pflegekinder sind Kinder. Sie sind keine beschädigte Ware. Sie sind Kinder, die großes Leid erfahren haben. Oft haben wir gar keine Vorstellung davon, wie groß. Es sind Kinder, die es verdienen, beschützt und geliebt zu werden und in Sicherheit zu sein. Es gibt tausende dieser niedlichen Gesichter, die mit 18 dem System „entwachsen" sind und immer noch keine Familie haben, die sie „ihre Familie" nennen können. Wir alle brauchen eine Familie. Mit 42 brauche ich meine Mutter immer noch, obwohl sie längst gestorben ist. Ich möchte mich an Thanksgiving immer noch irgendwo willkommen wissen. Ich möchte jemanden haben, dem es nicht egal ist, ob ich mich gesund ernähre, der immer einen Platz für mich hat. Geht es uns nicht allen so? Der Unterschied ist, dass Sie und ich so etwas haben. Das nehmen wir oft viel zu selbstverständlich hin. Diese Kinder aber brauchen und möchten immer noch eine Familie.

2. Adoptierte Menschen sehen ihre eigene Adoption immer anders. Ich habe es nie hinterfragt, warum meine leibliche Mutter mich einfach zurückließ. Ich bin dankbar. Und wenn andere der Meinung sind, dass man als jemand, der adoptiert wurde, nicht dankbar sein sollte und müsste, dann ist „dankbar" dennoch das beste Wort, um meine Gefühle zu beschreiben. Durch die Adoption wurde ich mit meiner Familie zusammengeführt. Adoption ist, wo meine Leben und meine Liebe wirklich begannen. Manche werden immer den Verlust ihrer leiblichen Eltern bedauern, oder auch das Leben, das sie vielleicht gehabt hätten und sehen keinen Grund dafür, dankbar zu sein. Aber das ist ihre Sicht der Dinge.

3. Adoption sollte kein Geheimnis sein, oder etwas, wofür man sich schämen muss. Ich glaube, deshalb war es nie eine große Sache für mich. Ich wusste immer, dass ich adoptiert wurde. Es war nie mehr als ganz einfach die Art und Weise, wie ich zu meiner Familie kam. Wenn Sie es immer gewusst haben, dann ist es einfach so. Es gibt nie das Gefühl, dass jemandem etwas verheimlicht wird. Für mich ist das so selbstverständlich, wie einen Bauchnabel zu haben. Es war einfach immer da. Wenn Sie aber durch eine Adoption Eltern wurden, dann seien Sie ihrem Kind gegenüber von Beginn an ehrlich. Sagen Sie es offen. Seien Sie immer bereit, darüber zu reden. Und vergessen Sie nicht: Jeder adoptierte Mensch hat seine eigene Geschichte. Wenn Sie durch Adoption zu Eltern wurden, dann übernehmen Sie viel Verantwortung und müssen dafür sorgen, dass es so bleibt. Auch wenn es bedeutet, dass Fremde wie auch Freunde verstehen müssen, nicht jedes Detail über die Adoption zu erfahren.

4. Adoption ist keine Verlegenheitslösung, um eine Familie zu gründen. Es ist nur ein anderer Weg. Nicht jeder, der sich für eine Adoption entscheidet, ist unfruchtbar. Ich versichere Ihnen, obwohl ich adoptiert wurde und meine Schwester nicht, war ich niemals die zweite Wahl. Meine Mutter war nicht weniger meine Mutter und ich war nicht weniger ihr Kind, nur weil ich adoptiert wurde. Ich war als Teenager nicht weniger schwierig und als Kleinkind nicht weniger niedlich. Meine Mutter war für mich nicht weniger da und hätte sich nicht für eine von uns entscheiden können, hätte man sie vor die Wahl gestellt. Die Zeit, die Aufmerksamkeit, die Liebe - alles war gleich! Ich bin nicht Nummer 2!

5. Einige sagen, „ich wurde adoptiert". Andere sagen, „ich bin adoptiert". Aber ganz gleich, wie wir uns ausdrücken, wir sind noch so viel mehr.
Ich trage kein Schild um den Hals auf dem steht „Hallo, meine Name ist Madeleine und ich bin adoptiert!" Ich möchte, dass Sie wissen, dass ich adoptiert wurde. Ich bin noch so viele millionen Dinge mehr als adoptiert und ich definiere mich nicht darüber. Die Adoption ist nur ein kleiner Teil meiner Geschichte. Und so sollte es für alle adoptierten Kinder sein. Bitte nennen Sie ein adoptiertes Kind nie „das adoptierte Kind". Er oder sie ist ein Kind. In ihrer Phantasie sind sie vielleicht grade ein Cowboy oder eine Ballerina. Wenn sie erwachsen werden, dann sind sie vielleicht Arzt oder Eltern, ein Freund, ein Hundeliebhaber oder ein Korbflechter. Lasst sie noch tausende anderer Dinge sein.

6. Auch wenn es nicht richtig ist, über die beste Art der Adoption zu urteilen, werden andere es dennoch tun. Manche Menschen haben immer eine Meinung dazu. Ob es nun eine Pflegschaft ist, eine Säuglingsadoption oder eine Auslandsadoption: Wenn es dazu dient, einem Kind ein liebevolles Zuhause zu geben, dann ist es eine gute Sache. Und darauf kommt es an. Ohne Zweifel werden Eltern, die ein Kind adoptieren, gefragt, ob sie es so gemacht haben, wie Madonna. Oder wie viel ihr Baby gekostet hat. Aber Menschen sind neugierig. Manchmal anstandslos und hin und wieder haben sie keine Manieren. Es wird immer Menschen geben, die urteilen - sei es nun über die sexuellen Vorlieben, die Frisur, die Nachbarschaft oder darüber, wie man zu Weihnachten seinen Garten schmückt. Die Menschen reden und Adoption ist da keine Ausnahme. Denkt immer daran: Ganz egal, wie ihr eure Familie gegründet habt, eure Familie ist es, die zählt. Lasst die Leute reden.

7. Manchmal muss man seine leiblichen Eltern finden, um abschließen oder neu anfangen zu können, aber nicht immer. Ich habe meine leiblichen Eltern nie getroffen und habe auch nie ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, sie zu finden. Das scheint etwas zu sein, was alle interessiert, sobald sie hören, dass ich adoptiert wurde. Ich bin kein wandelnder Kinofilm über mein Leben. Ich war neugierig, hatte aber nie den Drang, mich auf die Suche zu begeben. Ich hoffe, dass meine leibliche Mutter ihren Frieden und ihre Portion Glück gefunden hat. Die Portion Glück, die auch ich in meinem Leben erfahren durfte. Andere suchen ihre leiblichen Eltern aus dem Bedürfnis heraus, eine ehrliche Beziehung aufzubauen. Ist man adoptiert, so hat man das Recht, jedes mögliche Gefühl bezüglich der Adoption zu hegen, das man möchte. Wir können in keine Schublade gesteckt werden. Ist man adoptiert, ist man ein Individuum wie jeder andere auch. Mit eigenen Gedanken und Gefühlen.

8. Die Worte und Reaktionen der Eltern sind wichtig. Manche Kinder werden aufgrund einer von Liebe geprägten und gut überlegten Entscheidung ihrer leiblichen Eltern nach ihrer Geburt zur Adoption freigegeben. Andere, weil ihre Eltern auf die eine oder andere Weise versagt haben. Was auch immer der Grund sein mag: Wenn Sie ihr Kind durch eine Adoption bekommen haben, dann reden Sie nie schlecht über die leiblichen Eltern. Für ihr Kind mag es sich wie eine Verurteilung anhören. Wenn meiner Mutter jemals eine beleidigende Frage gestellt wurde, dann weiß ich das nicht. Seid gnädig. Und um Himmels Willen, wenn Sie ein Freund oder Familienmitglied sind, oder einfach nur mit jemandem plaudern, dann denken Sie nach, ehe sie vor einem Kind etwas Unangebrachtes sagen.

9. Echt definiert sich nicht über Biologie. Meine Mutter ist meine echte Mutter. Sie war für mich da, wenn ich den Mathe-Hausaufgaben verzweifelt bin. Sie hat mit mir mein Kleid für den Abschlussball ausgesucht und lief schnell zu mir, wenn ich vom Rad gefallen war und mir den Dreck von den Knien wischte. Sie hörte mir zu, wenn ich ihr mein Herz über die dummen Jungs ausschüttete und liebte mich weit über die Biologie hinaus. Adoptivmütter sind echte Mütter. Adoptivväter sind echte Väter. Echt in jeder Hinsicht. Echt definiert sich nicht über die DNA, echt definiert sich über Liebe.

10. Eine Adoption basiert oft auf Schmerz oder Verlust. Der Schmerz eines leiblichen Elternteils und was auch immer dazu geführt hat, dass sie ihr Kind zur Adoption freigeben. Das Trauma eines Kindes, dem in seinem Leben Dinge widerfahren sind, die kein Kind durchmachen sollte. Die Armut und der Verlust des Lebens in einem anderen Land. Diese Wunden werden nicht durch die Adoption verursacht, Adoption ist nicht selten die Lösung für sehr schwierige Situation.

11. Eltern: Es gibt keine Stimme für oder gegen Adoption, die mehr wiegt, als die ihres Adoptivkindes. Ich glaube, die Menschen machen aus einer Adoption eine viel zu große Sache. Als ich heranwuchs, war es einfach so. Ich habe jedes Jahr meinen Adoptions-Tag gefeiert, und das war's einfach. Ich wusste, dass meine Mutter für mich da war, sollte ich Fragen haben. Ich wusste, dass sie ehrlich zu mir sein würde. Wir mussten nicht viel Aufwand um die Sache machen, auch wenn ich wusste, dass meine Eltern mir alles ermöglichen würden, sollte es notwendig sein. Es war nicht vorhersehbar, dass ich unter der Adoption nicht in irgendeiner Weise leiden würde. Ich war ein ganz normales Kind und manchmal kommt es mir fast so vor, als müssten manche Adoptiveltern diese Tatsache erst einmal akzeptieren. Wenn Sie ein Kind adoptiert haben, dann hören Sie auf ihr Kind. Denn letztendlich ist es die Stimme ihres Kindes, die unter all den Stimmen, die etwas zum Thema Adoption zu sagen haben, die Wichtigste ist. Lassen Sie sich von ihrem Kind leiten.

Wenn Sie also erfahren, dass jemand adoptiert wurde, oder wenn Sie diesen Verdacht hegen, weil jemand so gar keine Ähnlichkeit mit seiner Familie hat, dann denken Sie daran, dass viele der Vorurteile über Adoptionen nicht der Wahrheit entsprechen. Wir sind nicht einfach einem Film entsprungen. Wir sind Individuen und haben ganz unterschiedliche Gefühle. Wir sind echte Menschen mit echten Familien. Wir haben so viel mehr zu bieten, als nur die Adoption. Und Eltern, liebt euer Kind und sorgt euch um seine Bedürfnisse, ob sie nun mit der Adoption zu tun haben oder nicht. Denn das ist es, was Eltern tun.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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