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Meine Tochter hatte Krebs - jetzt kämpft sie für andere Kinder

07/10/2017 14:09 CEST | Aktualisiert 07/10/2017 18:16 CEST
Getty, Lynne Jennings

Es war am 30 Januar 2014, als der Doktor unsere elfjährige Tochter Charlotte in das Wythenshawe Hospital überwies. Wir machten uns damals nicht so große Sorgen. Sie war sehr blass geworden und wir nahmen alle an, sie hätte bloß eine Anämie. Charlotte war ebenso unbesorgt. Sie forderte uns sogar auf, nach Hause zu gehen, als der Arzt sie über Nacht im Krankenhaus behalten wollte.

Mit Charlotte zu streiten ist nicht immer einfach, also taten wir, was sie sagte.

Um Mitternacht jedoch bekamen wir einen Anruf vom Krankenhaus, der unser Leben verändern sollte. Und für uns begann der schlimmste Albtraum jeder Eltern.

Bei den Untersuchungen kam heraus, dass Charlotte an einer extrem seltenen und aggressiven Krebsart litt: Akuter myeloischer Leukämie. Wie erklärt man einem jungen Mädchen, das gerade die High School angefangen hat, dass sie ihr schönes goldenes Haar verlieren wird? Und dass ihr Leben nie wieder dasselbe sein wird?

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Die Chemo brachte überhaupt nichts

Wir konnten ihr noch nicht einmal garantieren, dass sie bald gesund werden würde. Wir sagten ihr, sie hätte Leukämie und stellten sicher, dass sie wusste, was das bedeutete. Außer sehr still zu werden, reagierte sie nicht darauf. Wir fragten sie, ob sie okay sei. Sie antwortete nur: "Es ist so, also müssen wir irgendwie damit klarkommen."

Sie behielt diese Einstellung die ganze Zeit bei.

Am Freitag, den 31. Januar wurde Charlotte in das Royal Manchester Kinderkrankenhaus verlegt. Sie blieb dort 18 Wochen.

Nach ihrer ersten Chemotherapie beschloss ihr Krebs, sich nicht behandeln zu lassen. Es ging ihr zu schlecht, um das Krankenhaus zu verlassen. Charlotte sah mit einem Mal extrem schlecht aus und bekam jede mögliche Nebenwirkung.

Sie entwickelte eine aggressive Pilzinfektion, die ihre Leber befiel, bekam Cellulitis im Gesicht und einen undefinierbaren Hautausschlag. Die erste Chemo brachte also überhaupt nichts.

Letztendlich ging Charlotte durch drei Runden Chemotherapie - jede stärker als die letzte. Manche Behandlungen dabei waren gar nicht für Kinder gemacht.

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Sie wollte immer, dass es den anderen gut geht

Charlotte durfte die ganze Zeit über nicht von der Krankenstation, aber sie schloss Freundschaften mit den anderen Kindern und ihren Eltern. Sie unterstützte sie und erklärte, wie man sich nach bestimmten Eingriffen und Behandlungen fühlen würde. Obwohl sie um ihr Leben kämpfte, spendete sie anderen Eltern Trost und ließ sie an ihrer Schulter weinen.

In Charlottes Sicht ging es immer jedem schlechter als ihr. Sie wollte immer, dass es den anderen gut ging.

Während ihres Langzeitaufenthalts im Krankenhaus sammelte sie 2000 Pfund für die Krankenstation. Sie wollte, dass sich die Kinder mehr wie zuhause fühlen.

Sie forderte freies Wlan und bessere Fernseher für alle. "Wir sind keine normalen Kinder, wir sind manchmal die ganze Nacht wach, wir müssen kostenlos fernsehen und in Kontakt mit unseren Freunden bleiben können", sagte sie.

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In dieser Zeit waren mein Mann Paul und ich selbstständig. Wir entschieden, dass Paul sich um Charlotte kümmern würde, sodass ich arbeiten und die Rechnungen bezahlen konnte. Das bedeutet, Paul blieb bei ihr von Sonntag bis Donnerstag - ich Freitag- und Samstagabend.

Nach ihren Chemotherapien war die nächste Herausforderung für Charlotte eine Knochenmarktransplantation. Sie musste dafür in ein anderes Krankenhaus gebracht werden. Trotz ihrer sonst so positiven Einstellung hatte sie dort eine schwere Zeit. Wegen des hohen Infektionsrisikos müssen die Kinder dort in isolierten Zellen bleiben. Nur ihre Eltern dürfen sie besuchen, sonst niemand.

Sie hörte nie auf, entschlossen für ihre Ziele zu kämpfen

Charlotte blieb dort acht Wochen und die meiste Zeit war ihr unglaublich langweilig. Die Kinder auf dieser Station leiden große Schmerzen und die Zimmer waren kahl und steril. Aus ihrer Frustration hat Charlotte jedoch den Antrieb gezogen, etwas verändern zu wollen.

Mit den Spendengeldern setzte sie sich dafür ein, dass die Isolationskabinen gemütlicher gemacht werden. Als sie sah, wie dieses Projekt seinen Lauf nahm, spornte sie das unglaublich an. Ich habe keinen Zweifel daran, dass ihr das beim Kampf gegen ihre schreckliche Krankheit geholfen hat.

Charlotte lebt heute mit einer Behinderung. Diesen Tribut forderte ihre Behandlung. Ihre Knie, Knöchel und Handgelenke müssen irgendwann ersetzt werden.

Trotzdem hörte sie nie auf, entschlossen für ihre Ziele zu kämpfen. Sie verpasste drei Schuljahre, schaffte es jedoch, mit ihrem Jahrgang mitzuhalten. Ihren Abschluss wird sie mit zusammen mit ihren Schulfreunden machen.

Bisher sammelte sie schon 18000 Pfund für ihre erste Krankenstation. Sie ist selbstlos, verzichtete auf Geburtstagsparties oder Geschenke und organisierte dafür Wohltätigkeitsevents.

Sie will etwas zurückgeben und anderen Kindern, die an Krebs leiden, helfen. Momentan organisiert sie eine Spendenparty zu ihrem sechzehnten Geburtstag im April nächsten Jahres. Charlotte ist unglaublich leidenschaftlich und will auf Krebs bei Kindern mehr aufmerksam machen.

Wir sind überglücklich, dass sie jetzt als Botschafterin für die Organisation Kidscan ausgewählt wurde.

Der Beitrag erschien zuerst bei HuffPost UK und wurde von Franziska Kiefl aus dem Englischen übersetzt sowie dem Verständnis angepasst.

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