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Wer braucht eigentlich Väter?

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Letzte Woche war die Woche der sexistischen Familienpolitik im Deutschlandradio Kultur. Zugegeben es war sehr einseitig. Erst durfte eine Mutterrechtlerin ihr etwas fragwürdiges Verantwortungsbewusstsein zur Schau stellen und anschließend mit Jutta Wagner eine Rechtsanwältin, die noch 2011 Frauen für eine diskriminierte Mehrheit hielt, ihre merkwürdige Diskriminierungsdefinition präsentieren.

Menschen, die unabhängig vom Geschlecht für mehr Gleichberechtigung der Eltern und für die Einhaltung von Artikel 7 der UN-Kinderrechtskonvention eintreten, wurden nicht eingeladen. Nach dieser Opferstilisierung von Müttern könnte man schon vermuten, dass niemand Väter braucht und dass die Herren der Schöpfung sich doch bitte auch die nächsten 50 Jahre von den Gesetzen zu Sorge- und Unterhaltsrecht diskriminieren lassen sollen.

Als ich 1996 die Vaterschaftsanerkennung (und damit Unterhaltspflicht) für meinen Sohn unterzeichnete bekam ich vom Jugendamtsmitarbeiter noch zu hören:

„Rechte haben sie damit nicht. Wenn die Mutter stirbt können sie versuchen das Kind zu adoptieren. Dann können Sie hoffen, dass der Richter Ihnen das Kind zuspricht“

Der erste dokumentierte VaterrechtlerEinem unverheirateten Vater war es, bis zu dem unter Mütterlobbyisten umstrittenen EuGH-Urteil von 2010, nicht möglich, gegen den Willen der Mutter das gleichberechtigte Sorgerecht zu bekommen. Egal ob diese am Münchhausen-by-proxy-Syndrom litt oder anderweitig nicht Kindeswohlförderlich war.

Die Mutter behielt das letzte Wort. „Das war dann vielleicht auch für alle Beteiligten besser so.“ behauptet Jutta Wagner. Letztendlich sollen Väter das tun, was sie schon die letzten 70 Jahre schwerpunktmäßig getan haben.

Nämlich die Familie finanzieren, egal ob sie Teil der Familie sind oder nicht. Gegen den Willen der Mutter Mitspracherecht über wichtige Entscheidungen des Kindeswohls zu bekommen, bezeichnet Frau Wagners als „Fehlkonstruktion“. Wobei sie nicht einmal eine Unterscheidung für nötig hält, ob die Mutter oder der Vater diesen Konflikt schürt.

Die Mehrzahl der Fälle werden in erster Instanz vernünftig entschieden

Ihr Versuch, das Gesetz zu bagatellisieren, indem sie nur die 8.000 Fälle, die 2013 erst in zweiter Instanz entschieden wurden für hoch konfliktreich hält, zeugt natürlich von Inkompetenz oder willentlicher Missinterpretationen der Tatsachen. Die Mehrzahl der Fälle werden in der ersten Instanz einfach bereits so vernünftig entschieden, dass es selten die Möglichkeit gibt, in die zweite Instanz zu gehen.

Denn Prozesskostenhilfe, auf die vermutlich nicht nur die 40% der von Armut bedrohten Alleinerziehenden angewiesen sind, setzt neben der finanziellen Bedürftigkeit voraus, „dass hinreichende Aussichten auf Erfolg vorliegen und die Rechtsverfolgung nicht mutwillig erscheint“. Gerade letzteres ist bei den leider noch gerne unberechtigt ins Feld geführten Gewalt- und Missbrauchsvorwürfen selten der Fall.

Eine deutsche MutterWozu braucht ein Kind eigentlich seinen Vater, mag man Fragen, wenn die MütterlobbyistInnen die Entscheidung der Mutter als die einzige seligmachende ansehen?

In ihren Internetblogs propagieren solche Mütter „Alleinerziehend ist das neue Verheiratet“ oder fordern „...gehört das Kind so lange erst mal zur Mama, bis auch der Papa eine tragfähige Beziehung aufgebaut hat, die es rechtfertigt, dass das kleine Kind dort längere Zeiten am Stück oder gar Übernachtungen verbringt.“

Wie der Vater so eine tragfähige Beziehung als stundenweiser Umgangsonkel aufbauen soll, wird bewusst unterschlagen.

Zum Glück hat die psychologische Forschung in den letzten Jahrzehnten auch die Vater-Kind Beziehung genauer ins Visier genommen, und zahlreiche Gründe gefunden, weshalb Männer mit dem gleichen gesetzgeberischen Elan in die Vaterrolle gedrückt werden sollten, wie Frauen in die Aufsichtsräte von DAX-Unternehmen:

„Papa lockt das Kind aus der Mutter-Symbiose heraus. Aber er ist - anders als die Mutter - niemals in einer symbiotischen Bindung eingefangen, er ist von Anfang an immer und ausschließlich "Objekt", ein Gegenüber. Aber das erste und wichtigste "Objekt" im bewussten Erleben eines Kindes.“

Und das beginnt schon ab dem ersten Lebensjahr.

Außerdem ist die Zuneigung des Vaters in nicht zu unterschätzendem Maße für das kindliche Wohlergehen verantwortlich:

„Einige Studien ergaben darüber hinaus sogar, dass die Einstellung und das Verhalten des Vaters für manche Entwicklungen des Kindes grundsätzlich mehr Gewicht hat, egal, wie es um die Hierarchie in der Familie bestellt ist.

Wenn Väter ihrem Kind gegenüber gleichgültig, ablehnend oder gar feindselig agieren, entwickeln diese überdurchschnittlich oft Verhaltensauffälligkeiten, depressive Störungen und werden drogenabhängig oder straffällig - und zwar auch dann, wenn die Mutter ihr Kind bedingungslos liebt und unterstützt."


Und selbst die Aussage meiner Tochter, dass der Väter dem Kind ein ganz anderes Lebensgefühl vermittelt, nämlich „das Gefühl, das es auch mal was riskieren kann, was nicht nur wichtig für das Privatleben sondern auch für das Berufsleben ist“, wird inzwischen wissenschaftlich gestützt.

„Der Umgang des Vaters mit seinem Kind unterscheide sich oft deutlich von dem der Mutter. „Wenn sich Väter mit ihren Kindern beschäftigen, tun sie das auf andere Weise", erklärt Rohner. "Väter spielen eher auf körperlicher Ebene. Sie raufen sich mit ihren Kindern, fördern ihre Wettbewerbsbereitschaft und ihre Unabhängigkeit - und den Mut, Risiken auf sich zu nehmen."

Ein Affront gegen Mutterrechtler. Der gleichberechtigte Vater

Das Faszinierende an diesen Wichtigkeitsdiskussionen, die vor allem durch die Mütterrechtler immer wieder angestoßen werden, finde ich immer noch, dass ich bislang keinen Väterrechtler kenne, der einer Mutter die gleichberechtigte Entscheidung über das Kind oder ihre Wichtigkeit streitig machen will, während Mutterrechtler wie Frau Wagner und Frau Ruhdorfer und ihre gegenwärtig sprießenden Initiativen kein Problem damit haben, eine so chauvinistische Haltung öffentlich zu vertreten, dass die Mutter der relevante Elternteil ist.

Wenn es der Mutter gut geht, geht es dem Kind gut

Die Haltung findet sich auch in dem Mantra „Wenn es der Mutter gut geht, geht es dem Kind gut“. Selbst durch eine recht neutral gehaltene Forderung wie „Trennungskinder haben ein Recht auf Umgang mit beiden Elternteilen“, mit der die FDP 2014 warb, sehen sich diese Mütterrechtlerinnen zum Shitstorm genötigt.

Die Klage, dass Gleichberechtigung bei Eltern unpraktikabel sei und zu einer Flut an Familienrechtsprozessen führen würde, ist ein alter, lang widerlegter Hut. Bereits 1998 bei der vorletzten großen Sorgerechtsanpassung, als verheiratete Eltern nach der Scheidung standardmäßig das gemeinsame Sorgerecht bekamen, prophezeiten die Interessenverbände von alleinerziehenden Müttern eine Welle von Klagen.

Allerdings ist diese schnell abgeebbt und die großangelegte Studie von Professor Proksch kam im Jahr 2002 zu dem Ergebnis:

„Die gemeinsame Sorge (geS) fordert und fördert die Kommunikation wie die Kooperation der Eltern. Sie hilft „Erstarrungen“ durch Positionen des „Rechthabens“ ebenso zu vermeiden wie erneute Verletzungen. Wenn es für die Eltern nach ihrer Scheidung nicht (mehr) darauf ankommt, den eigenen (Rechts-) Standpunkt vehement zu verteidigen, sondern als wichtig und notwendig erkannt wird, gemeinsam Eltern für ihre Kinder zu bleiben, dann werden sie miteinander und nicht gegeneinander um „das Beste“ für ihr Kind ringen. Dies hilft Konfliktverschärfungen konsequent zu vermeiden.

Insofern beeinflusst das KindRG strukturell positiv die befriedigende, gemeinsame Gestaltung der nachehelichen Verantwortung von Eltern mit geS (v.a. elterliche Sorge, Umgang und Unterhalt). Dies zeigen insbesondere auch die Ergebnisse der Befragung der Eltern, die die geS behielten, weil ihr streitiger Antrag auf Übertragung der Alleinsorge abgewiesen wurde.“


Eltern mit gemeinsamer Sorge streiten sich also weniger, auch wenn sie sich anfangs dagegen gewehrt haben. Wenn Mütter also bereits vor der Schwangerschaft wüssten, dass der Vater auch gegen ihren Willen das Sorgerecht erhält, würden vielleicht auch jene, die sich bislang offensichtlich nicht zu einer verantwortungsvollen Familienplanung genötigt sahen, die vom Feminismus erkämpften Rechte und Möglichkeiten nutzen und verhüten.

Und jene, bei denen sich der Vater nach der Trennung vom Dr. Jekyll zum Mr. Hyde wandelt, können immer noch die Übertragung des alleinigen Sorgerechts beantragen.

Männer fühlen sich in Deutschland als Elternteil zweiter Klasse

Stattdessen hat Deutschland gerade die nächste Rüge vom EuGH kassiert, weil sich Umgangsblockaden hierzulande zehn Jahre ohne nennenswerte Sanktionen hinziehen können. Man kann man es verstehen wenn Väter sich in Deutschland nur als Elternteil zweiter Klasse fühlen und lieber auf jenen Bereich ihrer Lebensplanung konzentrieren, welcher noch nicht durch diskriminierende Gesetze in Frage gestellt wird.

Letztendlich wird all die Förderung von Frauen am Arbeitsmarkt fruchtlos bleiben, wenn Männer im deutschen Familienrecht nicht den gleichen Schutz vor Diskriminierung genießen, wie Frauen ihn auch am Arbeitsmarkt fordern. Der einzige Weg wie „Frau unter vierzig“ nicht mehr zum Karrierehemmnis wird, ist, dass Männer die Option “Familie” wenigstens genauso ernst nehmen.

Aber warum sollte ein Vater das in Deutschland unter den gegebenen Umständen tun? Warum sollte er auf Familie als Primärziel setzen, wenn die Mutter immer noch in der Lage ist, ihm diese Familie streitig zu machen? Denn Unterhaltsverweigerung wird immer noch strenger geahndet als Umgangsverweigerung oder das Ignorieren des gemeinsamen Sorgerechts.

Wie MdB Susanne Mittag es auf den Punkt bringt: “Weil bei Verletzung der Unterhaltspflicht der Staat einspringen und zahlen muss”.

Letztendlich reicht für die Einführung der Frauenquote die Hoffnung aus, dass Frauen in Aufsichtsräten für eine familienfreundlichere Arbeitswelt sorgen. Keine Studie musste belegen das Frauen wie Marissa Mayer, die zwei Wochen nach der Geburt ihres Kindes wieder im Büro saß und als erste Amtshandlung als CEO von Yahoo die familienfreundlichen Heimarbeitsplätze strich, die Ausnahme sind und die Kleinmädchenhoffnung unserer Familienministerin auf einer realistischen Basis fußt.

Sobald es allerdings um die Gleichstellung im Familienbereich geht, wird erstmal eine entsprechende Studie gefordert - egal wie viele zivilisierte Länder weltweit bereits gute Erfahrungen damit gemacht haben.

So kann man eine Entscheidung auch in die nächste Legislaturperiode verschieben und sich Männer als Wähler verprellen.



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