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Die Entstehung des Islam

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MOSQUE
Cosmo Condina via Getty Images
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Nach dem Ende des 7. Jahrhunderts änderte sich die Lage. Die Muslime begannen jetzt offensiv für ihre Religion zu werben und die Präsenz insbesondere des Christentums im öffentlichen Raum einzuschränken.

Die Juden hatten hier nichts zu gewärtigen, da sie sich bereits unter christlicher Herrschaft daran hatten gewöhnen müssen, ihre Religion diskret auszuüben. Zu ʿAbd al-Maliks christenfeindlichen Maßnahmen gehörte insbesondere die Zerstörung von Kreuzen, aber auch die ostentative Tötung von Schweinen.

Der von ihm in Jerusalem errichtete Felsendom am Ort des alten jüdischen Tempels hatte ebenfalls eine derartige Stoßrichtung. Die Christen hatten den Berg, um den Juden ihre Verachtung zu bezeugen, in der Spätantike als Müllhalde benutzt. Damit war jetzt immerhin Schluss.

Dennoch setzte die Aneignung dieses jüdischen heiligen Ortes durch die Muslime gegenüber den Juden deutliche Zeichen; nicht sie, die Muslime waren hier Herren. Im Inneren des Bauwerkes wurden die Christen auf ihre Irrtümer hingewiesen.

Felsendom ist ein Symbol des Triumphs

Dort befinden sich Schriftbänder, auf denen gegen die Trinitätslehre polemisiert wird. Der Felsendom ist mithin ein Symbol des Triumphs der neuen Religion über ihre Vorgänger. Dar- über hinaus zeugt er von einem beginnenden Mohammed-Kult unter Muslimen.

Von Jerusalem aus, so glaubte man nun, war der Prophet einstmals zu seiner Himmelsreise aufgebrochen, die man im Koran beschrieben meinte (53,1-18 und 81,19-25 in Verbindung mit
17,1). Weitere einschlägige Bauten kamen wenig später hinzu.

Die vorher sehr bescheidene al-Aqsā-Moschee, ebenfalls auf dem Tempelberg, wurde durch einen vorzeigbareren Bau ersetzt. In Damaskus wurde 706 an der Stelle der bislang von Muslimen und Christen gemeinsam genutzten Johanneskirche die große Umaiyadenmoschee errichtet.

Das geographische Syrien, vom Golf von Akaba bis zum Taurusgebirge, war deshalb eine besondere Region, weil hier die Trennung von Eroberern und Unterworfenen durch die Ansiedlung der Muslime in eigenen Heerlagerstädten von Anfang an keine so große Rolle gespielt hatte wie andernorts.

Exklusivitätsbewusstsein

Aber auch im Irak, in Ägypten und Iran kam es, wie wir sahen, ab dem Ende des 7. Jahrhunderts zu zunehmender Aufweichung der räumlichen Separierung. In diesem Prozess ging es bald nicht mehr nur um die Islamisierung des öffentlichen Raumes.

Es stellte sich die Frage, ob die Muslime weiterhin das Exklusivitätsbewusstsein würden aufrechterhalten können, das sie bis dahin ausgezeichnet hatte. Die Zukunft lag eindeutig bei einer zunehmenden Öffnung für Konvertiten, worauf viele Nichtmuslime nur warteten.

Im 8. Jahrhundert waren muslimische Gelehrte bereit, Neubekehrten die Kopfsteuer zu erlassen; man forderte nicht mehr notwendigerweise die Kenntnis der arabischen Sprache und sah schließlich davon ab, die Bekehrung mit dem Eintritt in ein Klientelverhältnis zu einem arabischen Stamm zu verbinden.

Auf diese Weise entwickelte sich der Islam von der Religion einer Eroberergemeinschaft zu einer Universalreligion. Genau das führte im Folgenden zu wachsender antiislamischer Polemik gelehrter Vertreter des Christentums. Die Universalisierung des Islam erklärt auch in Teilen die religiösen Aufstandsbewegungen in Iran, von denen oben die Rede war.

Lehre Gottes überall zur Geltung bringen

Diese Universalisierung war sehr früh in der Botschaft Mohammeds angelegt. In dem Moment, in dem der Koran in Christen- und Judentum verfälschte Varianten der eigenen Botschaft erkannte, lag es nahe, die reine Lehre Gottes wieder überall zur Geltung bringen zu wollen.

Dass die Muslime sich dann einige Jahrzehnte nicht sonderlich um diese Aufgabe kümmerten, war für die Etablierung ihrer Herrschaft wichtig, ja vielleicht unabdingbar. Da ohne missionarischen Eifer, erschienen sie aus der Sicht von Bischöfen und zoroastrischen Priestern als vergleichsweise angenehme Eroberer, die man dulden konnte.

Dass sie anfangs nicht missionierten, heißt aber nicht, dass die Muslime ihre Religion erst spät als eine eigenständige, sich von den anderen unterscheidende, angesehen hätten. Ähnliches lässt sich auch in Bezug auf Gebet und Pilgerfahrt sagen.

Es ist unstrittig, dass die Muslime bereits zur Zeit des Propheten ein Ritualgebet kannten. Unklar bleibt, wie oft es täglich vollzogen wurde und seit wann genau es in Richtung Mekka ausgeführt werden musste.

Regeln für Gebet und Pilgerfahrt nicht eindeutig im Koran festgelegt

Die Überlieferung ist hier widersprüchlich. Auch die Archäologie verunsichert: Ausgegrabene frühe Moscheebauten sind noch nicht notwendigerweise nach Mekka ausgerichtet. Möglicherweise war die Bedeutung Mekkas als zentraler heiliger Ort unter den Muslimen lange umstritten.

Im syrischen Raum scheint Jerusalem als wichtiges Heiligtum weiter hochgehalten worden zu sein. Unter Umständen ist es falsch, hier eine lineare Entwicklung zu sehen, in der Mekka als Gebetsrichtung und Pilgerzentrum erst nach und nach an Bedeutung gewann.

Wahrscheinlicher ist, dass in der allerersten Zeit der Expansion des Islam nach dem Tode des Propheten einfach viele Ansichten nebeneinander bestanden und erst nach und nach bestimmte Meinungen und Praktiken als falsch ausgeschieden wurden.

Ein wirklich klares Bild von der Frühgeschichte des islamischen Rituals ist angesichts der Quellenlage wohl nicht zu gewinnen. In jedem Fall gilt, dass die Regeln, die die Muslime in Bezug auf Gebet und Pilgerfahrt befolgen, nicht eindeutig im Koran festgelegt sind.

Traditionen islamischer Praxis

Sie beruhen vielmehr auf Nachrichten von Aussprüchen und Handlungen, die dem Propheten zugeschrieben werden. Auch hier steht die Forschung vor großen Problemen. Vermutlich versuchten bereits die frühen Muslime, sich an das Handeln und Reden ihres Propheten zu erinnern.

Andererseits scheinen zu Anfang auch die Praxis und Ansichten der führenden Prophetengenossen als verbindlich angesehen worden zu sein. Später bildeten sich dann in den Provinzen vor Ort bestimmte Traditionen islamischer Praxis heraus.

Die Kalifen und Gouverneure setzten Personen ein, die in ihrem Auftrag Recht sprachen und die Muslime über ihre Religion aufklären sollten. Die Herrscher bezogen aber auch selbst in religiösen und religiös-rechtlichen Fragen autoritativ Stellung. Das galt für die Etablierung eines einheitlichen Korantextes genauso wie für Fragen des Ritus.

ʿAbd al-Malik etwa klärte Fragen des Pilgerrituals. Die Kalifen konnten Einheitlichkeit zu erzwingen suchen und hatten damit bis zu einem gewissen Maße auch Erfolg. Mit den dem Propheten zugeschriebenen Aussprüchen dagegen war Einheitlichkeit nicht so leicht zu erlangen.

Träger des prophetischen Charisma

Zu viele unterschiedliche Handlungsweisen und Haltungen wurden mit dem Propheten in Verbindung gebracht. Daher begann man am Ende des 7. Jahrhunderts, das Material zu sichten und zunehmend nur noch das zu akzeptieren, was von - aus der Sicht der Mehrheit - zuverlässigen Männern überliefert wurde.

Die Gelehrten, die Prophetenaussprüche überlieferten, wurden so zu Garanten für den Heilsgewinn. Als Kollektiv wurden sie zu Trägern des prophetischen Charismas. Das sollte das Modell der Zukunft sein. Die Bedeutung des Kalifen nahm dementsprechend ab. Zunächst sahen sich die Verfechter der Prophetenüberlieferung jedoch noch keinesfalls als Konkurrenten zu den Kalifen.

Im Gegenteil: Die Anhänger der Überlieferung standen mehrheitlich treu zum umaiyadischen Kalifat. Die lange in der Forschung vertretene Ansicht, die gottlosen Umaiyaden hätten sich einer ausdifferenzierten, aber in ihrer Gegnerschaft gegen die Dynastie geeinten religiösen Opposition gegenübergesehen, lässt sich nicht mehr halten.

Das heißt nicht, dass es keine religiöse Opposition gegeben hätte. Allerdings spielten Fragen der Theologie im engeren Sinne für die Haltung eines Gelehrten zur Kalifendynastie nur eine geringe Rolle.

Bedeutung der Prophetenüberlieferung

Man stritt über die Bedeutung der Prophetenüberlieferung im Verhältnis zur lebendigen Praxis der Gemeinde und der freien Meinung religiöser Gelehrter. Uneins war man auch in der Frage, ob die Taten der Menschen von Gott vorherbestimmt seien oder ob diese sich selbst für sie entschieden.

Bei solchen Themen zeigte sich die Opposition gegen die Umaiyaden genauso gespalten wie die Vertreter der Dynastie selbst. Die Anhänger ʿAlīs und seiner Nachkommen standen zu dieser Zeit noch für die Vorherbestimmung, die vermutlich auch von der Mehrheit der Umaiyadenkalifen verfochten wurde.

Aber auch unter ihnen gab es Verfechter der menschlichen Willensfreiheit, die gleichzeitig in bestimmten oppositionellen Milieus vertreten wurde. Letztlich war die Haltung zu derartigen Dogmen damals ohnehin nicht so wichtig.

Über das Heil entschied nicht die Meinung zu bestimmten Lehrsätzen, auch nicht so sehr der persönliche Lebenswandel. Entscheidend war die Zugehörigkeit zur eigenen Gruppe. Diese bestimmte sich nicht mehr wie in vorislamischer Zeit über die reale oder fiktive Abstammung von einer bestimmten Person, sondern durch das Bekenntnis zu einem Herrscher.

Religiöse Experten übernehmen die Führung

Wer den wahren Führer der Gemeinde nicht anerkannte, war verloren. Das vertraten die Umaiyaden wie ihre Gegner - nur dass sie unter diesem Führer je unterschiedliche Personen verstanden.

Die Umaiyaden meinten, ihr Haus sei von Gott auserwählt, ihre Gegner im Milieu der im weitesten Sinne schiitischen Bewegungen setzten auf engere Verwandte des Propheten, ohne immer so genau zu wissen, wer von diesen der legitime Kandidat war.

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Im Laufe der folgenden Jahrhunderte verlor das Bekenntnis zu Führungspersonen mehr und mehr an Bedeutung. Als die religiösen Experten die Führung übernahmen, trat die Treue zu theologischen und juristischen Lehrsätzen an die Stelle der Treue zu Personen. Das ist eine Entwicklung, die um 750 allerdings noch in weiter Ferne lag.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Die Entstehung des Islam. Die ersten hundert Jahre Von Mohammed bis zum Weltreich der Kalifen" von Lutz Berger. Es ist 2016 beim Verlag C. H. Beck erschienen.
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