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Mein Vater hat meine Mutter und meine Schwester getötet - so hat mein kleiner Bruder mich gerettet

Veröffentlicht: Aktualisiert:
CHARLOTTE HART
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Was ich weiter unten geschrieben habe, konnte ich meinem kleinen Bruder Ryan niemals von Angesicht zu Angesicht sagen und werde es wahrscheinlich auch niemals können.

Am 19. Juli 2016 erschoss unser Vater unsere Mutter Claire und unsere 19-jährige Schwester Charlotte. Das war das Endergebnis jahrelanger Misshandlungen, Kontrollsucht und Einschüchterungen.

Unser Vater war ein Tyrann, der seiner Familie kein eigenes Leben gegönnt hat. Er terrorisierte uns. Sein Daseinszweck war es, seiner Familie Angst einzujagen. Sein Selbstbewusstsein zog er daraus, auf uns herumzutrampeln und uns zu schikanieren. Über zehn Jahre lang haben wir versucht, ihn zu verlassen, aber er manipulierte und drohte uns bei jeder Gelegenheit.

"Unser Vater der Tyrann"

Seitdem wir klein waren, wollten Ryan und ich ein besseres Leben für meine Mutter und Charlotte - sie sollten das Leben bekommen, das unser Vater uns weggenommen hatte. Ryan und ich haben nach unserem Studium im Ausland gearbeitet und haben genug verdient, um eine kleine Wohnung für meine Mutter und Charlotte zu mieten und sparten weiter, um woanders eine Wohnung für sie zu finden.

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Wir halfen meiner Mutter, auszuziehen, als mein Vater nicht da war, nur ein paar Tage vor dem Vorfall am 19. Juli. Unsere Mutter und unsere Schwester zu töten war der letzte verzweifelte Versuch meines Vaters, die Zukunft zu leugnen, die mein Bruder und ich für die beiden aufbauen wollten- eine Zukunft, die sie verdient haben.

Er brachte sich danach selbst um, aus Feigheit. Das beweist, dass er keinen Grund hatte, zu leben, wenn er seine Familie nicht quälen und seine kaputten Machtfantasien nicht ausleben konnte.

"Meine Mutter nahm jeden Tag Morphium-Tabletten, um den Schmerz zu stillen"

Bis zum 19. Juli dachte ich immer, ich sei der starke, ältere Bruder. Ich habe immer versucht, ein tapferes Gesicht aufzusetzen und die Spannungen, die mein Vater kreierte, zu lockern. Ich tat mein Bestes, um die Stimmung zu entspannen.

Nachdem Studium, als Ryan und ich auszogen, wurde das Verhalten unseres Vaters schlimmer. Ich konnte mit den Konsequenzen nicht mehr umgehen. Charlotte litt unter ernsthafte Depressionen sowie Selbstmordgedanken und flog von der Uni.

Die Multiple Sklerose meiner Mutter verschlimmerte sich rapide wegen des Stresses, den mein Vater verursachte. Sie nahm jeden Tag Morphium-Tabletten, um den Schmerz zu stillen, den die Krankheit ihr verursachte.

Ich brachte es nicht mehr über mich, nach Hause zu gehen, weil ich nicht mehr wusste, was ich tun sollte. Ich kam mit der Situation nicht mehr zurecht, ich war hilflos. Ich war überfordert. Ryan hingegen kam, wenn er konnte, jedes Wochenende heim.

Er arbeitete zeitweise in Holland, und er versuchte, jedes Wochenende heimzukommen, um nach unserer Mutter und Schwester zu sehen und dem Verhalten unseres Vaters Paroli zu bieten. Er schaute immer nach Mama und Charlotte und gab sein Geld eher für die beiden aus, als für sich.

Egal ob er Charlotte eine Reise nach Australien bezahlte, um ihn zu besuchen, während er da arbeitete, oder ob es Schwimmstunden für unsere Mutter waren - er schaffte es immer, ihnen Hoffnung zu geben in einer Situation, die uns alle verzweifeln ließ.

"Ryan hat sich mitten in die Schusslinie geworfen - um uns zu beschützen"

Seit dem 19. Juli letzten Jahres weiß ich, dass ich heute nicht hier wäre ohne meinen kleinen Bruder. Ich tue so, als wäre ich stark, aber er ist stärker. Sogar als wir uns wegen unseres Vaters durch unsere dunkelsten Momente kämpften, schaffte es Ryan, dem allen gegenüber standzuhalten, während ich zusammenbrach und es nicht mehr aushielt.

Er konnte immer noch lieben und an eine Welt glauben, die unser Vater mit Hass gefüllt hatte. Ryans Ausdauer und Hoffnung hat unser Vater als Ausdruck des Widerstandes interpretiert. Deswegen litt Ryan am meisten unter ihm.

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Wegen der ganzen Situation habe ich meine Emotionen ausgeblendet, einfach, weil ich nicht den Mut hatte, der Wahrheit ins Gesicht zu schauen. Ich löste mich immer mehr vom Elternhaus und versteckte mich, um dem Trauma zu entfliehen. Ryan beschützte uns. Er hat sich niemals versteckt, sondern mitten in die Schusslinie geworfen - um uns zu beschützen.

"Ich fühle jeden einzelnen Tag die Panik"

Nichts kann das, was wir am 19. Juli verloren haben, ersetzen und Worte können nicht beschreiben, was wir durchgemacht haben. Ich fühle jeden einzelnen Tag die Panik und wie ich verzweifelt versuche, den Zurück-Knopf zu drücken. Ich kämpfe mit dem Gefühl, dass wir in einer falschen Welt leben. Wir müssen nun unser ganzes Leben lang mit dem, was am 19. Juli passiert ist, zurechtkommen.

Das letzte Jahr zeigte, wie glücklich wir alle sein konnten, Ryan zu haben. Ich erinnere mich, wenn Charlotte darüber gesprochen hat, wie stolz sie darauf ist, einen Bruder wie Ryan zu haben.

Keine Mutter könnte sich einen besseren Sohn wünschen, der seiner Mutter auch in stürmischen Zeiten so viel Liebe entgegenbrachte. Ich denke oft, dass Ryan genau die Art von Mann ist, die die Welt braucht.

Wir leben nun zusammen mit unseren Hunden, Indi und Bella, denen Mama und Charlotte so viel Liebe und Aufmerksamkeit geschenkt haben. Ryan arbeitet gerade im Ausland und ich weiß, dass er zukünftig gerne mehr Zeit mit den Hunden verbringen würde. Wenn die Hunde glücklich sind, ist Ryan glücklich, und wenn er glücklich ist, bin ich glücklich.

"Mein Vater hat versucht, Ryan zu zerstören, aber er ist daran gescheitert"

In Anbetracht dessen, was wir zusammen durchgemacht haben, gibt es nicht viele Möglichkeiten, Ryan meine Anerkennung zu zeigen. Es ist seine Bestimmtheit, die mir die Kraft gibt, weiterzumachen, Minute für Minute, Stunde für Stunde und Tag für Tag, seit 26 Jahren. Ich verdanke ihm mein Leben.

Ich hätte diesen Kampf nicht alleine führen können und gegen Ende wurde ich besiegt, er aber nicht. Er ist unzerstörbar. Eine positive Kraft kann nicht gestoppt werden. Er ist die Person, die sich für mich eingesetzt hat, als ich zu schwach war. Mein Vater hat versucht, Ryan zu zerstören, aber er ist daran gescheitert.

Ryan ist die stärkste, gutherzigste Person, die ich kenne, und er lässt es nicht zu, dass der Hass über die Liebe, für die er gekämpft hat, triumphiert.

Ich habe jahrelang von dieser Stärke profitiert. Ryan lässt sich nicht davon abbringen, für etwas Besseres zu kämpfen, er starrt dem Bösen ins Gesicht und er findet immer wieder Hoffung, auch, wenn die Situation aussichtslos erscheint.

Ich habe diese Fundraising-Seite gegründet, weil ich Ryan zeigen möchte, dass ich mich kümmere und dass auch andere Menschen sich kümmern.

All das, was ich geschrieben habe, könnte ich ihm niemals ins Gesicht sagen. Ich glaube, wenn ich es versuchen würde, würde er mir eine runterhauen. Ich will, dass Ryan seine Lebensträume verwirklichen kann. Er hat es nicht verdient, mit all diesen Problemen zu kämpfen. Ich will, dass er daran glauben kann, dass gute Dinge passieren und dass er an die Zukunft glaubt, die vor ihm liegt.

Während wir unser restliches Leben damit verbringen werden, uns neu aufzubauen, während wir nach neuen Dingen suchen, an die wir glauben können, nach neuer Hoffnung und einer neuen Bedeutung, will ich, dass er die Freiheit genießen kann, zu sein, wer er sein will.

"Mama und Charlotte könnten nicht stolzer auf ihn sein"

Er soll die Person sein, die er verdient, zu sein. Mama und Charlotte könnten nicht stolzer auf ihn sein. Wenn sie nun vom Himmel herabschauen würden, hätten sie Tränen in ihren Augen und würden sich fragen, aus was er gemacht ist. Ich bin mir sicher, dass das Böse Alpträume von meinem kleinen Bruder hat.

Am 22. April war Ryans 26. Geburstag und ich will ihm die beste Zukunft schenken, die er sich jemals erhoffen kann. Ich hoffe, ihr unterstützt mich dabei.

Mein kleiner Bruder ist mein Held und ich liebe ihn.

Ich hoffe, dass unsere Geschichte andere dazu inspirieren kann, ihre Stimmen gegen die vielfältigen Formen häuslicher Gewalt zu erheben. Ich hoffe, wir können denen, die unter der Gewalt leiden, Kraft geben, zu handeln.

Dieser Text erschien ursprünglich auf Lukes Facebook-Seite und wurde aus dem Englischen übersetzt.

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