BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Lukas-C. Fischer Headshot

Digital Detox: Weniger Bildschirm, mehr Sinn!

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

cc by davitydave

Der neueste Trend in den USA soll ja ÔÇ×Digital Detox" sein. Detox steht neuerdings f├╝r Di├Ąt. Und da f├Ąllt es leicht, sich den Rest zusammenzureimen. Es geht nat├╝rlich nicht darum, mittels App abzunehmen. Vielmehr soll einfach weniger Zeit mit digitalen Inhalten und Bildschirmen verbracht werden. Und da das offensichtlich dem geneigten US-Amerikaner ohne Anleitung schwer f├Ąllt, gibt es das nun als organisierte Gruppenveranstaltung. Ab in die kalifornischen W├Ąlder, beim Einchecken im Digital Detox Camp alles abgeben, was einen ein Screen hat und los geht's mit Meditieren, Wandern und miteinander reden - analog versteht sich, also so richtig von Mensch zu Mensch.

ÔÇ×Disconnect to Reconnect" ist das Motto und damit es nicht nur fernab der Zivilisation funktioniert gibt es auch in den entsprechenden Ballungsr├Ąumen von San Francisco und Los Angeles die Partyreihe ÔÇ×UnPlug", um die digital Entschlackten an das im Camp Gelernte zu erinnern. Ach ja: Und der 8. M├Ąrz ist ÔÇ×National Day of Unplugging"... Angeblich schickt sogar Apple seine Mitarbeiter in die Digitaldi├Ątkurse, damit sich das Gehirn endlich mal wieder entspannen und wirklich neue Ideen entwickeln kann.

Tats├Ąchlich gibt es ja immer wieder Forschungsergebnisse, die belegen sollen, wie sch├Ądlich der permanente Input von Facebook, Twitter und Co f├╝r unsere Gehirne und vor allem f├╝r unsere Aufmerksamkeitsspanne ist. Wir befinden uns hier in eine seltsamen Spirale, die nahezu hysterisch von allen Medien gespeist wird und sich dadurch immer schneller dreht. Es ist schwer zu sagen, wie es eigentlich angefangen hat - wahrscheinlich hat es etwas mit Twitter, mit der Einf├╝hrung der Newsfeeds von Facebook und der Verbreitung von Smartphones zu tun. Jedenfalls gab es irgendwann den Punkt, wo wir alle das Gef├╝hl bekommen haben, wir k├Ânnten etwas verpassen, wenn wir nicht alle 30 Sekunden auf unser Telefon schauen. Und weil wir alle 30 Sekunden auf unser Telefon schauen, haben Verlage und sonstige Produzenten von digitalen Inhalten das Gef├╝hl bekommen, diese hektische Mediennutzung bedienen zu m├╝ssen.

Deshalb ├Ąndern Nachrichtenseiten im 15-Minuten-Takt ihre ├ťberschriften und schieben Artikel hin und her, um Aktualit├Ąt vorzut├Ąuschen. Deshalb sind selbst unwichtige Neuigkeiten nicht einfach nur Meldungen, sondern werden mit einem hysterischen ÔÇ×Eilmeldung" ├╝berschrieben. Diese panische Herangehensweise wird von uns nat├╝rlich aufgegriffen und legitimiert ein bisschen den Griff nach dem Telefon, wenn wir gerade nicht so richtig wissen, was wir sonst tun sollen - beim Warten auf den Bus oder den Beginn des Meetings - oder wenn das Gespr├Ąch beim Mittagessen gerade ins Stocken geraten ist. Das dieser Griff nach dem Bildschirm oft l├Ącherlich bis traurig ist, zeigt auch der Tumblr ÔÇ×We never look up".

Ist es also auch hierzulande an der Zeit f├╝r eine Digitaldi├Ąt? Was soll das eigentlich bringen? ├ähnlich wie die Lebensmittelindustrie uns immer dicker werden l├Ąsst, da sie ungesundes Essen produziert, l├Ąsst uns die Internetindustrie stumpfer werden. Und so, wie wir wieder lernen k├Ânnen, wie gesunde Ern├Ąhrung funktioniert, k├Ânnen wir das analoge Leben wieder sch├Ątzen lernen. Also einfach mal den Rechner auslassen. Das Handy beim Abendessen mit der Familie nicht auf den Tisch legen und nicht im Sekundentakt schauen, was auf Facebook los ist (da ist eh nichts los). Klingt eigentlich nach einem sehr umsetzbaren und guten Plan. Daf├╝r muss allerdings keiner ein Wochenende im Wald verbringen. Oder doch?

Aufmerksame Gr├╝nder reagieren bereits und arbeitet an neuen Content-Konzepten, die weniger hektisch und oberfl├Ąchlich sind. So wurde zum Beispiel in den Niederlanden gerade ein neues Online-Magazin per Crowdfunding finanziert, dass jede Woche nur acht Geschichten ver├Âffentlicht. Diese sind dann journalistisch fundiert und machen auch richtig satt. Digitales Low Carb sozusagen.

Foto: cc by Davitydave