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Die Welt war noch nie so demokratisch wie heute und kaum einer bekommt es mit

19/04/2017 18:45 CEST | Aktualisiert 19/04/2017 18:46 CEST
MONIKA SKOLIMOWSKA via Getty Images

Werfen wir zu Beginn einen Blick in die Geschichte der politischen Philosophie.

Aristoteles spricht in seinem bedeutenden Werk "Politeia" von der Polis, also dem zu seiner Zeit üblichen Stadtstaat. Dieses Buch bietet viel Spielraum für Diskussionen und natürlich muss man die Meinung von Aristoteles nicht teilen. In meinen Augen sind jedoch vor allem zwei Punkte von zentraler Bedeutung.

Erstens braucht es eine Art Polis, um gewisse Dinge zu regeln. Zweitens ist jeder Mensch ein Zoon politicon, also ein politisches Wesen.

Die Frage, wer ein Politiker ist, muss man demnach so beantworten: Jeder ist Politiker. Der geneigte Leser, der Autor und der Redakteur.

Dennoch ist die heutige Sicht eine andere. Politiker sind immer "die da oben", "die Anderen" und diejenigen, die sich zu viel oder zu wenig um mein Leben kümmern. Es sind aber auch diejenigen, die mit Blut, Schweiß und Tränen dafür sorgen, dass es uns in Deutschland ziemlich gut geht.

Jeder stimmt mir zu, wenn ich sage, dass Guido Westerwelle ein Politiker war. Aber schon bei mir stellt sich die Frage: Bin ich ein Politiker? Da ich kein Mandat besitze, lebe ich von einem anderen Beruf.

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Politik ist für mich ein ehrenamtlicher Job. Ich bin aber FDP-Mitglied, Landesvorsitzender der Jungen Liberalen Bayern und ich kandidiere für den kommenden Bundestag.

Bin ich ein Politiker oder nicht? Ich selbst würde diese schwierige Frage mithilfe von Aristoteles beantworten. Meiner Meinung nach leben in Deutschland noch viel mehr Politiker.

Ohne Säuglinge und Kleinkinder rauszurechnen, was wiederum eine andere Frage ist, sehe ich in Deutschland über 80 Millionen Politiker.

Fundamentale gesellschaftliche Fragen

Viele Leute, die sich nicht als Politiker sehen, sagen heute oft, sie seien verunsichert. Das ist auch verständlich, da große gesellschaftliche Fragen im Raum stehen.

Dieser Tage heißt es in so gut wie jeder Talkshow: "Ist Deutschland gerecht?" Seit Monaten fragt man sich in der öffentlichen Diskussion: "Wie schaffen wir es, dass aus der Flüchtlingskrise keine Integrationskrise wird?"

Zusätzlich sind da noch die jederzeit allgegenwärtigen Fragen wie "Wer sorgt dafür, dass meine Kinder eine vernünftige Bildung bekommen?", "Wie entwickelt sich der Arbeitsmarkt?" und viele weitere große Fragezeichen.

Ich möchte mir nicht anmaßen, auf jede dieser Fragen die perfekte Antwort zu haben. Ich glaube aber, mit 80 Millionen Politikern können wir gemeinsam Lösungen darauf finden!

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Mit großer Sicherheit kann ich sagen, dass ich mich persönlich für die Gesellschaft einsetzen und etwas zur Bewältigung dieser großen Aufgaben beitragen möchte. Aus diesem Grund bin ich Mitglied bei den Jungen Liberalen und der FDP.

Politik wird nicht nur in Parteien und Verbänden gemacht. Sie wird überall dort gemacht, wo sich Leute eine Meinung bilden. Durch Engagement in Parteien ist es aber viel einfacher, dieser Meinung auch Gehör zu verschaffen.

Die da oben machen lassen oder selbst anpacken?

Es gibt gewisse Personen und Gruppierungen, die aus der Verunsicherung vieler Bürger und der allerorts zitierten "Politikverdrossenheit" Profit schlagen.

Der amerikanische Präsident Donald Trump sorgt mit seinen Aussagen und Handlungen weltweit für Kopfschütteln. Auch in Europa erstarken die Rechtspopulisten.

Das merkt man nicht nur daran, dass sich H.C. Strache und Frauke Petry beim politischen Aschermittwoch der AfD die Klinke in die Hand geben und ihre Parolen klopfen.

Solche Pöbeleien wecken auch viele freiheitsliebende Bürger auf, die sich nun gegen den Rechtspopulismus stellen und sich aktiv in die Politik einmischen möchten.

So meinte auch der FDP-Chef Christian Lindner neulich: „In diesen Zeiten ist die Bequemlichkeit, keine Meinung zu haben, ein Luxus, den wir uns nicht leisten können."

Wenn ich höre, wie insbesondere junge Menschen erzählen, Politik würde sie nicht interessieren, dann blutet mein Herz.

Ich finde diese Aussagen in grotesker Weise absurd. Wer sich für sein eigenes Leben interessiert, interessiert sich, frei nach Aristoteles, auch für Politik.

Da sitzen im Bundestag sakkotragende Abgeordnete und treffen Entscheidungen, die uns alle betreffen. Und wenn ich keine Meinung und kein Interesse habe, dann kann ich an ihren Entscheidungen auch nichts ändern.

Es herrscht eine verzerrte Vorstellung von Politik. Sie ist nicht nur die Aufgabe von Abgeordneten. Ich finde es genauso schade wie gefährlich, wenn Bürger zwischen sich, den "normalen Leuten", und den „Politikern" trennen: "Die da oben machen doch eh nur, was sie wollen."

Die Medien und alle Bürger spielen eine genauso tragende Rolle in der Demokratie. Jeder verantwortungsvolle Demokrat sollte sich fragen:

„Wenn mein Nachbar sich in einer Partei engagieren kann, warum mache ich das nicht auch?"

Ebenso sollten Journalisten reflektieren: „Bilde ich die Debatte objektiv ab? Lasse ich auch mal junge Politiker zu Wort kommen?"

Gemeinsam für Freiheit kämpfen

Mit großer Freude beobachte ich ein steigendes Interesse an den Parteien, das mit Mitgliederzuwächsen einhergeht.

Seit der Nominierung des SPD-Kanzlerkandidaten Schulz haben sich mehr als 1400 Menschen das gelbe Parteibuch der FDP zugelegt. Auch wenn diese Entwicklung schon längst überfällig ist, so überwältigt sie mich dennoch.

Junge Menschen engagieren sich wieder in Parteien. Trotz zahlreicher anderer Freizeitangebote im Überfluss füllen sie stolz ihre Mitgliedsanträge aus und treten mit Herzblut für ihre Überzeugungen ein - und das nicht sporadisch und ohne viel Mühe, sondern dauerhaft und mit Verantwortung.

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Dieses Engagement führt wiederum im dynamischen und lebhaften Prozess zur Veränderung von Parteien. Am stärksten sieht man das bei der FDP, aber auch die anderen politischen Mitbewerber haben angefangen, sich der neuen Zeit anzupassen.

So werden beispielsweise Abstimmungen und andere Prozesse viel offener. Die Mitglieder werden stärker involviert. Das Feedback wird wieder relevant - nicht nur in der Kommentarfunktion von Facebook, sondern eben auch im „herkömmlichen" Gespräch.

Nie war mehr Demokratie als jetzt.

Füllt Eure Mitgliedsanträge aus und lasst uns gemeinsam für eine freie Gesellschaft kämpfen. Politiker sind nicht nur die berühmten Talkshow-Gäste im Rampenlicht, nicht nur irgendwelche alten Männer in Anzügen und nicht nur Mandatsträger.

Politiker sind wir alle.

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