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Der traurige Grund, warum Depressionen bei Männern oft nicht erkannt werden

21/04/2017 12:00 CEST | Aktualisiert 21/04/2017 12:00 CEST
OcusFocus via Getty Images

Auf den ersten Blick scheint "männliches" Verhalten vor Depressionen zu schützen. Das "starke Geschlecht" ringt weitaus weniger mit der Doppelbelastung durch Familie und Beruf.

Außerdem wirken sich die Berufstätigkeit von Män­nern und die Rolle als Familienernährer erwiesenermaßen positiv auf ihre psychische Gesundheit aus sowie auch die Ehe.

Einen Anhaltspunkt, dass Männer womöglich doch weitaus häufiger depressiv sind als angenommen, liefert das Geschlechterparadox beim Suizid.

Obwohl laut Statistik auf zwei depressive Frauen nur ein schwermütiger Mann kommt, nehmen sich insgesamt mindestens dreimal mehr Männer das Leben.

Suizide als Folge psychischer Erkrankung

Das gibt zu denken, da etwa 90 Prozent aller Suizi­de die unmittelbare Folge psychischer Erkrankungen sind. Inzwischen gehen viele Fachleute davon aus, dass Depressi­onen beim Mann versteckt auftreten und, da unbehandelt, öfter im Suizid enden.

Manche Experten behaupten, zumindest ältere Männer seien fast genauso oft depressiv wie Frauen. Was für eine hohe Dunkelziffer depressiver Männer spricht: Je fortge­schrittener und schwerer Depressionen sind, desto kleiner wird der Geschlechterunterschied.

Dies könnte bedeuten, dass Männer die klassischen Frühsymptome einer Depres­sion mit anderen Krankheitsanzeichen überspielen oder sie durch bestimmte Abwehrmechanismen verschleppen.

Depressionen äußern sich bei Männern anders - zumindest in der Anfangsphase - auf dieser Annahme basiert das vor etwa 10 Jahren eingeführte Konzept der männlichen Depressi­on, das in Fachkreisen aber noch nicht für hinreichend abge­sichert gilt.

Das Verhalten depressiver Männer richtet sich demnach stärker nach außen: Sie sind gereizt bis aggressiv, treiben unermüdlich Sport oder trinken regelmäßig zu viel Alkohol.

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"Depressive Frauen gehen entweder einkaufen, oder sie essen. Depressive Männer erobern ein anderes Land", so hat die US­-Kabarettistin Elayne Boosler die unterschiedlichen Verhaltensweisen der Geschlechter überspitzt zusammenge­fasst.

Die Medizinsoziologin Möller-Leimkühler bemerkt dazu: "Männer mit Depressionen bauen emotionalen Stress eher auf der Körper­ oder Verhaltensebene ab. Sie stürzen sich noch mehr in die Arbeit, werden impulsiv und risikofreudi­ger.

So können sie die männliche Fassade aufrechterhalten. Ihre Depression fällt dann weniger auf." Ärzte bringen solche Verhaltensweisen oft nicht mit einer Depression in Ver­bindung, sondern halten den Patienten für alkoholabhängig oder persönlichkeitsgestört.

Warum Männer unter Druck und in seelischer Not anders reagieren als Frauen, lässt sich nur vor dem Hintergrund traditioneller Männlichkeitsvorstellungen ganz verstehen.

Depressive Männer fühlen sich oft doppelt stigmatisiert: An einer Krankheit leiden und dazu noch an einer "weiblichen", psychischen, ist "unmännlich".

Hilfesuchen ist im traditio­nellen Männerbild nicht vorgesehen, und finden sie doch ein­ mal den Weg zum Arzt, wird ihnen dort häufig die falsche Diagnose gestellt.

"Wenn ein Mann beim Arzt sagen würde, er käme schlecht aus dem Bett, sein Leben mache keinen Sinn, und er könne nicht mehr schlafen, käme wohl jeder Hausarzt sofort auf die Idee, dass es sich hier um eine Depres­sion handeln könnte", sagt die Gesundheitswissenschaftlerin Kolip.

Selbsttötung als letzter Ausweg

Stattdessen schildern Männer meist körperliche Symptome, die oft die Folge ihrer riskanten Bewältigungsstrate­gien und Abwehrmechanismen sind - etwa Sportverletzun­gen oder Magenschmerzen durch zu viel Alkohol. Bis hin zur Selbsttötung als letztem Ausweg.

Die Männlichkeit zu wahren und den Selbstwert zu retten, wählen Männer ver­gleichsweise harte und drastische Wege. Die Selbstmordraten von Männern sind höher als die von Frauen, obwohl Letzte­re rund dreimal so oft wie Männer versuchen, ihr Leben zu beenden.

Da sie dafür aber "weichere" Methoden wählen, wie eine Überdosis Medikamente, werden sie häufiger geret­tet. Psychologen bewerten den vollzogenen männlichen Frei­tod als rationalen Akt, während sie den Tötungsversuch von Frauen als emotionale Handlung begreifen.

Das traditionelle männliche Rollenbild bewirkt, dass Män­ner anderen Risikofaktoren für Depressionen unterliegen als Frauen. Eine leere Kasse bedroht das Gemüt von Männern stärker, ebenso der Verlust des Jobs oder mangelnde beruf­liche Anerkennung.

Überhaupt sind Belastungen, die den gesellschaftlichen Status gefährden, die größte Gefahr für das männliche Seelenheil.

"Männer, die nach der klassischen Geschlechterordnung erzogen wurden, sind sehr statusorientiert. Sie definieren sich vor allem über ihre berufliche Karri­ere und setzen auf Macht, Leistung und Wettbewerb", sagt Möller-­Leimkühler.

Besonders einschneidend ist die Pensio­nierung: Auf einen Schlag verlieren sie die berufliche Aufga­be, den vormaligen gesellschaftlichen Status und ein Stück Macht. Auch chronische Krankheiten, die die männliche Leistungskraft bedrohen, erhöhen ihr Depressionsrisiko.

Kommen dann auch noch Beziehungsprobleme mit drohen­der Trennung dazu, wirft das so manchen Mann endgültig aus der Bahn. Denn mit dem Alleinleben kommen Männer weitaus weniger gut zurecht als Frauen.

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Männer reagieren nicht nur auf andere Risikofaktoren, son­dern schützen durch ihr Verhalten die "starke" Männerfas­sade. Wenn Männern diese "Fluchtwege" versperrt werden, zeigen sie genau die gleichen Depressionssymptome wie Frauen - und erkranken auch gleich häufig.

Dies geht aus Untersuchungen in jüdisch­orthodoxen Gemeinden und bei den Amisch hervor. In beiden Gruppen sind sowohl der Kon­sum von Alkohol als auch Selbsttötungen stark tabuisiert. Die männlichen Depressionssymptome sind bei praktizieren­ den Ärzten noch nicht hinreichend bekannt.

Auch die gän­gigen ärztlichen Diagnosehandbücher, ICD­10 (Internationa­le statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme) oder DSM­5 (Diagnostic and Statisti­cal Manual of Mental Disorders), sind noch einseitig auf die "weiblichen" Symptome geeicht. Dadurch werden Männer seltener als depressiv erfasst und bleiben öfter unbehandelt.

Aus diesem Grund setzt sich Möller­-Leimkühler mit Vehe­menz für eine geschlechtersensible Depressionsdiagnostik ein, die die unterschiedlichen Symptome und Verhaltenswei­sen beider Geschlechter berücksichtigt:

"Dass Frauen und Männer bei der gleichen Erkrankung unterschiedliche Symp­tome entwickeln, ist im Fall des Herzinfarkts schon länger bekannt. Eine solche Gendersensibilität brauchen wir nun auch für die Diagnostik seelischer Erkrankungen."

Wie man die Suizidrate bei Männern senkt

Einen Vorstoß in diese Richtung macht die "Gotland­-Skala zur Einschätzung von Depressionen bei Männern", die der Psychiater Wolfgang Rutz im Rahmen eines Suizidpräven­tionsprogramms auf der schwedischen Insel Gotland ent­wickelte.

Das Diagnoseinstrument berücksichtigt sowohl die klassischen Anzeichen einer Depression, wie sie hauptsäch­lich von Frauen bekannt sind, als auch Symptome, wie sie vor allem depressive Männer entwickeln.

Viele Depressions­forscher halten die Gotland­-Skala aber noch nicht für hin­ reichend gesichert. Bislang kam sie vor allem in Forschungs­projekten und internationalen Studien zum Einsatz.

Auch in Australien und den USA sind mittlerweile geschlechtssensi­ble Diagnosewerkzeuge für Depressionen entwickelt worden, angeblich differenzierter und ausgereifter als das schwedi­sche Vorbild.

In Deutschland hat Möller­-Leimkühler diese Lücke vor Kurzem geschlossen, indem sie ein geschlechter­sensibles Depressionsscreening ausgearbeitet hat. Die Sozial­wissenschaftlerin hofft nun, dass es bald Einzug in die ärzt­lichen Praxen halten wird.

Eine an beide Geschlechter angepasste Depressionsdia­gnostik könnte wesentlich dazu beitragen, die hohe Suizid­rate bei Männern zu senken.

Gleiches gilt für Fehldiagno­sen wie Alkoholabhängigkeit oder Persönlichkeitsstörungen, mit denen depressive Männer häufig konfrontiert werden.

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"Wichtig ist aber auch, das Bewusstsein für die männerspe­zifischen Verhaltensweisen und Symptome in der breiten Öffentlichkeit zu schärfen", sagt Möller­-Leimkühler. Vermut­lich würden die Betroffenen dann mehr Unterstützung von ihren Mitmenschen erfahren. Und vielleicht auch häufiger von sich aus beim Arzt oder Therapeuten Hilfe suchen.

Seit einigen Jahrzehnten erodieren die traditionellen Geschlechterrollen mehr und mehr. Das Bild vom Mann als Alleinverdiener und Haupternährer hat ausgedient. Frauen haben bei der Bildung stark nachgezogen, und auch die Frau­enerwerbsquote hat deutlich zugenommen.

Das "schwache Geschlecht" ist selbstbewusster, unabhängiger und emanzi­pierter als je zuvor. Männer sind heute dagegen viel fami­lienorientierter als früher, sie kümmern sich mehr um den Nachwuchs und bringen sich stärker im Haushalt ein.

"Der Rollenwandel hat dazu geführt, dass für beide Geschlech­ter mehr Möglichkeiten offenstehen", so fasst die Gesund­heitswissenschaftlerin Kolip die Entwicklung zusammen.

Allerdings sind die Optionen nicht gleich verteilt: "Das Rol­lenspektrum der Frau hat sich stärker erweitert als das des Mannes."

Mehr Unsicherheiten für Männer

Eine Broschüre des Bundesministeriums für Fami­lie, Senioren, Frauen und Jugend beschreibt die momenta­ne Situation mit den Worten: "Mehr Freiheiten für Frauen - mehr Unsicherheiten für Männer."

Erste Hinweise, dass sich dadurch auch die psychische Gesundheit ändert, gibt eine internationale Studie von 2009, die 73 000 Frauen und Männer in insgesamt 15 sowohl hoch­ als auch wenig entwickelten Ländern befragte.

Eines ihrer Ergebnisse: Je emanzipierter die Frauen, desto weniger anfäl­lig sind sie für Depressionen. Allerdings bringt ihnen die Gleichberechtigung verstärkt jene Krankheiten ein, unter denen zuvor hauptsächlich Männer litten, etwa Alkohol­, Nikotin­ oder Drogenabhängigkeit.

Die Sozialwissenschaft­lerin Möller-­Leimkühler hat dafür folgende Erklärung parat: "Wir finden inzwischen bei Frauen nicht mehr allein die Eigenschaften klassischer Weiblichkeit. Viele der heutigen Frauen sind psychisch androgyn. Das heißt, sie vereinen ›typisch weibliche‹ mit ›typisch männlichen‹ Eigenschaf­ten."

Psychisch androgyne Frauen sind robuster gegenüber seelischen Erkrankungen als traditionell weiblich orientier­te Geschlechtsgenossinnen. Sie verfügen über bessere Problembewältigungsstrategien und haben ein größeres Verhal­tensrepertoire in Krisensituationen.

"Allerdings haben sie sich auch männertypische Verhaltensweisen angeeignet, die gesundheitsgefährdend sind", sagt Möller-­Leimkühler. Bei Belastung und unter großem Druck reagieren sie empfind­licher auf Stress.

Sie werden dann reizbar und aggressiv, das heißt, sie zeigen offensive und nach der bisher gültigen Vor­stellung eher "männliche" Verhaltensweisen.

Frauen, die ein modernes Rollenbild verinnerlicht haben, zeigen in Stress­ und Krisensituationen häufig die Sympto­me einer männlichen Depression: Sie überdecken die klas­sisch "weiblichen" Krankheitssymptome durch stärker aus­ agierende "männliche" Verhaltensweisen.

Zu diesem Ergebnis kam eine Stress­-Studie unter Leitung von Möller­-Leimküh­ler, die 1000 Studierende ins Visier nahm. Mithilfe der Got­land­-Skala untersuchte sie das Wohlbefinden der Studierenden und ihr Risiko für eine männliche Depression. Das Ergebnis überraschte:

Für die Studentinnen zeigte sich ein größeres Risiko, an einer männlichen Depression zu erkranken als für ihre männlichen Kommilitonen (28,9 Prozent ver­sus 22,4 Prozent).

Insgesamt waren bei den jungen Frauen sowohl die klassischen Depressionssymptome als auch die "männlichen" Abwehrmechanismen stärker ausgeprägt. Und da unsere Gesellschaft Aggressionen bei Frauen allmählich zu tolerieren beginnt, dürfte dies in Zukunft immer häufi­ger der Fall sein.

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Männer empfinden die fortschreitende Emanzipation der Frauen mehrheitlich nicht als Entlastung, sondern als Bedro­hung. Das alte und gewohnte Männerbild trägt nicht mehr -vor allem junge Männer können sich nicht mehr damit iden­tifizieren.

Da ihnen aber noch eine klare neue Rolle fehlt, rutschen viele von ihnen in Identitätskrisen. Die große Ver­unsicherung heutiger Männer geht auch aus der großen deut­schen Männer-­Studie hervor, die das Allensbacher Institut für Demoskopie 2013 durchführte.

Ofenbar wird die Liste der Dinge, die Frauen ebenso gut oder noch besser können als Männer, immer länger - beispielsweise Mitarbeiter füh­ren, Entscheidungen treffen oder mehrere Dinge gleichzeitig tun. Bei den sozialen Kompetenzen liegen Frauen ohnehin schon weit vorn.

Der Konkurrenzdruck und die neuen Pflichten sind für viele Männer eine Herausforderung. "Männer sind heute durch die Einführung der ›Vätermonate‹ stärker in die Fami­lienarbeit eingebunden", sagt Gesundheitswissenschaftlerin Kolip, "dadurch wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf neuerdings auch für sie zu einem Thema."

In der deutschen Männerstudie gaben 64 Prozent der deutschen Männer an, dass es mit der Gleichberechtigung reicht! Rund 28 Prozent sagten: "Was da passiert, ist übertrieben!" Vermutlich wird es noch Jahrzehnte dauern, bis Männer ein neues und über­zeugendes Rollenbild finden.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Das übertherapierte Geschlecht" von Christine Wolfrum und Luitgard Marschall. Es erschien im Knaus Verlag.

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