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Ich bin Lobbyistin - und zwar ganz anders, als ihr euch das vorstellt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
EUROPEAN UNION
inakiantonana via Getty Images
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Ich bin 21 Jahre alt, studiere, reise gerne - und - bin eine Lobbyistin. Zumindest ab und zu.

So ganz ohne Aktentasche, dafür mit globalen Botschaften.
Wie das aussieht? Ich habe so einen Tag dokumentiert.

Wir haben 10 Stunden und eine große Mission. Los geht's.

Lobbyisten haben nicht den besten Ruf.

Wer sich etwas darunter vorstellen kann, denkt vermutlich an Anzüge, Aktentaschen und viel Geld. Oder an geheime Treffen mit wichtigen Politikern und dubiose Geschäfte. Nicht gerade schmeichelhaft.

Für mich hingegen sieht die Sache etwas anders aus. Am vergangenen Dienstag habe ich den diesjährigen Internationalen Tag für die Beseitigung der Armut in Brüssel verbracht, am Dreh- und Angelpunkt Europas. Mit dabei: Jugendbotschafter*innen der entwicklungspolitischen Lobby- und Kampagnenorganisation ONE - kurz JuBos.

Sie kommen aus ganz Europa, einige haben sogar den Weg aus Afrika oder Nordamerika auf sich genommen, um Brüssel aufzumischen - nicht mit Geld, sondern mit Überzeugung. Klingt kitschig? Nun, we'll see.

Wir sind die erste Generation, die extreme Armut beenden kann

8.00 Uhr: Fünf große Busse parken vor dem Europäischen Parlament, randvoll mit ONE-JuBos aus Europa, Nordamerika und sogar Afrika - 220 insgesamt. Eine von ihnen bin ich.

Wir alle werden den Tag im EU-Parlament verbringen und über 100 Abgeordnete des Europaparlaments treffen. Aber zuerst, natürlich, ein Foto. Für unsere Art von Lobbyarbeit sind diese Aufnahmen nämlich Gold wert, wenn wir später über unsere Treffen berichten.

Mir wird oft gesagt, dass sich junge Menschen zu wenig für Politik und Weltgeschehen interessieren. Gerade Politiker beklagen das. Und dann stehen wir auf einmal da - direkt vor dem Eingang des Europäischen Parlaments - jung, laut und motiviert.

9.00 Uhr: Es passiert nicht alle Tage, dass so viele junge Menschen das EU-Parlament auf den Kopf stellen. Im Geschäft der Lobbyisten heißt das: Wir haben Nachrichtenwert. Medienvertreter interessieren sich für unser Vorhaben. So kommt es, dass ich wortwörtlich in der Lobby der EU, an einem kalten Oktobermorgen mein erstes Fernsehinterview gebe. Verrückt.

Für das ZDF habe ich eine klare Botschaft: Wir sind die erste Generation, die extreme Armut beenden kann. Das ist eine große Chance, aber auch eine große Verantwortung.

Mehr zum Thema: Das kostet es, die Armut der Welt zu bekämpfen

Europa ist der weltweit größte Geber von Entwicklungsgeldern und steht daher in globaler Verantwortung. Am 25. Oktober stimmt das EU-Parlament über das EU-Budget für 2018 ab, genau genommen über einen Vorschlag der von dem Haushaltausschuss des Parlaments vorgelegt wurde.

Der Vorschlag sieht eine kleine Erhöhung der Entwicklungsgelder vor, das ist gut. Daher fordern wir von den Parlamentariern, dafür zu stimmen. Und dafür sind wir da.
Alles muss man selber machen? - Nichts lieber!

Erfolgsgeschichten durch EU-Entwicklungsgelder

10.00 Uhr: Das erste Lobbytreffen. Marcel und ich machen uns, begleitet vom ZDF-Team auf ins Büro von Ska Keller. Sie ist Fraktionsvorsitzende der Grünen im EU-Parlament. Sie hat einen randvollen Terminkalender, aber nimmt sich 20 Minuten Zeit für uns. Wir erfahren, dass wir nicht die ersten JuBos sind, die zu ihr nach Brüssel gereist sind.

Wir erklären, warum wir gekommen sind, berichten von Erfolgsgeschichten, die durch EU-Entwicklungsgelder geschrieben wurden. Zum Beispiel konnte zwischen 2014 und 2015 18 Millionen Kindern in Entwicklungsländern eine Schulbildung ermöglicht werden - durch Mittel der EU.

Um es kurz zu machen: Wir liefen bei Ska Keller offene Türen ein. Sie sichert uns ihre Stimme für den Vorschlag des Ausschusses zu. Die Zeit reicht sogar noch, wie sollte es anders sein, für ein Foto. Danach tweeten wir sie fröhlich an, schicken liebe Grüße und bedanken uns für das Gespräch. So angenehm kann Lobbying sein.

https://twitter.com/Luisamneubauer/status/920209047638499328

10.30 Uhr: Stress. Das ZDF und ich haben keine Zeit zu verlieren - es geht direkt zur nächsten Veranstaltung, diesmal ein Workshop mit dem Rapporteur des Parlaments. Rappo- was?
Siegfried Muresan hat eine ganz besondere Rolle bei den Verhandlungen rund um den Haushalt der EU.

Beim Haushalt der EU ist es nämlich so: Die drei großen Institutionen - Kommission, Rat und das Parlament - machen jeweils eigene Vorschläge. Und danach wird verhandelt, bis man sich einigt. Kommission und Rat haben schon mal vorgelegt und eigene Entwürfe zum Haushalt präsentiert - mit drastischen Kürzungen für die Entwicklungshilfe - unser Thema. Das Parlament stimmt am 25. Oktober über seine Position ab.

Mehr zum Thema: Sicherheitspaket: Wer Entwicklungshilfe kürzt, begeht einen fatalen Fehler - 5 Gründe

Sollte das Parlament den Vorschlag seines eigenen Haushaltsausschusses samt der Erhöhung der Entwicklungshilfe annehmen, liegt es an Siegfried Muresan, diesen Beschluss in den Verhandlungen mit der Kommission und dem Rat der EU zu verteidigen Unser Mann wäre dann Sigfried Muresan.

12.00 Uhr: Und es geht schon weiter - durch die scheinbar kilometerlangen Gänge des Parlaments zu weiteren Meetings. Die Lobbytreffen sind eng getaktet, immer wieder verzögern sich die Abläufe zwischen langem Warten auf Assistenten, Mitarbeiter, Sicherheitskontrollen oder auf die Politiker selber. Das Begleitmedium der Wahl ist und bleibt dabei - Twitter.

14.00 Uhr: Wir machen weitere Aufnahmen für die Nachrichten, die schon am gleichen Abend gesendet werden sollen. In einer Seelenruhe dirigiert mich das Kamerateam die Gänge entlang. Immer wieder treffen wir auf den Fluren weitere JuBos, die von einem Lobbygespräch zum anderen gehen. In jeder Ecke des Parlamentes blitzen unserer ONE-Shirts auf. Ich denke mir: Gut so.

Bevölkerung Afrikas verdoppelt sich bis 2050

14.09 Uhr: Ein italienischer Regierungsvertreter fragt mich irritiert inmitten einer Aufnahme, ob ich die Länge der Gänge messen wolle. Er hätte mich jetzt das sechste Mal dieselbe Strecke laufen sehen. „Fast", sage ich. „Ich mache mir Gedanken darüber, vor welcher Aufgabe die Weltgemeinschaft steht - angesichts der Tatsache, dass sich die Bevölkerung Afrikas bis 2050 auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln wird. Sie wissen ja: Es braucht nachhaltige Investitionen in Bildung, Beschäftigung und Beteiligung." #Smalltalkkannich.

Ein paar Minuten später ist auch er vollends im Bilde darüber, welche globale Auswirkungen die Abstimmung am 25. Oktober hat. Wenn Lobbyarbeit, dann richtig.

17.00 Uhr: Unser Tag neigt sich dem Ende zu. Ein wichtiges Treffen steht aber noch an: Manfred Weber, der Vorsitzende der Europäischen Volkspartei (EVP), in der auch die CDU/CSU vertreten ist. Sie ist die stärkste Fraktion im EU-Parlament. Für das Treffen gesellt sich auch die ARD zu uns; hier geht es ums Ganze.

Ein letztes Mal Sicherheitskontrolle, Gesprächsvorbereitung, Warten. Mit fast 20 JuBos drängen wir uns in sein Büro - dazwischen:_ verschiedene Kameras, Assistenten, Protokollanten. Zwei JuBos und ich haben jeweils nur zwei Minuten Zeit, unsere Forderungen vorzustellen, diesmal auf Englisch.

Manfred Weber strahlt beim Zuhören. Er erzählt, wie sehr er unsere Kampagne unterstützt und sich auch explizit für Frauen und Mädchen stark macht. Noch ein Bild, ein Tweet, Check.

17.30 Uhr: Noch einmal die Haare richten und im Interview mit dem ZDF den Tag resümieren. Dann aber los, schnell zum Zug. Von Brüssel aus machen wir Jubos uns wieder auf den Weg in den Alltag.

https://twitter.com/heuteplus/status/920390050646503425

23.00 Uhr: Verrückt, da bin ich im Fernsehen auf HeutePlus. Aus 10 Stunden Lobbyarbeit ist ein etwa zweieinhalb Minuten langer Beitrag geworden. Und was für einer. Was sonst noch hinter den Kulissen los war, wird weiter fleißig geteilt. Für uns ist klar: Dieser Dienstag war für Brüssel alles andere als normal.

Wir sind mit unserer Botschaft nach einem fairen EU-Budget nach Brüssel gekommen, das eine gleichberechtigte und gerechte Zukunft für alle ermöglichen soll. Was wir aus dem Parlament mitnehmen: Motivation. Gerade in Zeiten von Brexit, Trump und Geflüchtetenkrisen müssen wir erst recht alles geben. Einmischen, aufmischen, Zukunft gestalten.

Electrify the World ist eine Initiative von Nissan. Als Pionier im Bereich Elektromobilität glaubt Nissan daran, dass unser jetziges Handeln zu einer nachhaltigeren Zukunft beiträgt.

Erfahre mehr über Electrify the World.

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