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Hamburger Wind in große Segel - Von Ponyhof und Potential

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G 20 SUMMIT
Reuters Photographer / Reuters
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Sicherheit, Verkehr, Polizei. Der anstehende G20-Gipfel ist in Hamburg dauerpräsent. Worum es inhaltlich beim Gipfeltreffen geht? Schulterzucken. „Können die nicht einfach eine Skype-Konferenz machen?", fragte mich letztens eine Dame in der U-Bahn. Ich musste schmunzeln. Typisch Hamburg.

Hohe Erwartungen an die G20-Staaten
Die Stimmung in Hamburg ist ambivalent. Ein hoher Gipfel auf plattem Land. Neben den Staats- und Regierungschefs der 19 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer und der Europäischen Union, sind auch Vertreter der größten Finanzinstitutionen der Welt dabei: Der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank. 6000 Regierungsvertreter, 3000 Journalisten. Die Dimensionen sind erschlagend: In wenigen Tagen werden sich Regierungschefs treffen, deren Länder gemeinsam über 85 Prozent des globalen Bruttoinlandproduktes ausmachen. Und zwei Drittel der Weltbevölkerung repräsentieren. Auf dem Onlineauftritt der Bundesregierung zum G20-Gipfel wird der Zusammenschluss als das „bedeutendste Forum für wirtschafts- und finanzpolitische Zusammenarbeit" bezeichnet. In diesem Jahr unter deutscher Präsidentschaft - die Erwartungen sind hoch. Mehr noch: Das Potential des G20-Forums ist im wahrsten Sinne des Wortes weltbewegend.

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Das Forum, das sich selbst auf die Fahne schreibt, in der Verantwortung zu stehen, die drängenden Risiken der Zeit anzugehen, wird daher scharf beobachtet - nicht nur von den 3000 Journalisten vor Ort. Die Weltgemeinschaft wird einen mehr als kritischen Blick auf das Get-together in Hamburg werfen.
Deutschland hat dabei eine Schlüsselposition inne. Durch den Vorsitz legt die Bundesregierung eigene Schwerpunkte fest. Gleichzeitig steht sie in der Verantwortung, insbesondere bei diesen Punkten zu konstruktiven und zukunftsweisenden Ergebnisse zu kommen. Dafür bleiben zwei Konferenztage Zeit. Kein Ponyhof-Vorhaben.

Viel Handlungsbedarf, große Chancen
Ganz oben auf die Agenda hat Deutschland die Entwicklung Afrikas gesetzt. Der Kontinent bewegt sich auf einem strapazierten Spannungsfeld. Auf der einen Seite: Drängender Handlungsbedarf. Mehr als die Hälfte aller fragilen Staaten weltweit befinden sich hier, 28 davon gehören zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt (sogenannte LDCs, least developed countries).

Auf jede Schulabbrecherin in Europa kommen 27 in Afrika. Die Arbeitslosenquote beträgt 60 Prozent und bis 2050 wird sich die Bevölkerung Afrikas verdoppeln. Damit wird es der jüngste Kontinent der Welt sein. In den nächsten 20 Jahren wird die junge Bevölkerung dann zahlenmäßig größer sein als die Gesamtbevölkerung der Europäischen Union. Erdrückende Zahlen einer globalen Herausforderung. Auf der anderen Seite: Ein unglaubliches Potential. Millionen junger Afrikaner und Afrikanerinnen könnten künftig eine einzigartige Entwicklung des Kontinents vorantreiben - wenn sie die Chance dazu bekommen. Was dafür jetzt passieren muss? So einiges.

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Die gute Nachricht: Veränderung ist möglich und Entwicklung greifbar. Dafür müssen allerdings jetzt gute Strategien konzipiert und Maßnahmen konsequent durchgesetzt werden. Die Erwartungen richten sich dabei sowohl an die jeweiligen afrikanischen Regierungen als auch die globale Staatengemeinschaft, allen voran die G20 - sie sind bisher auf der globalen Gewinnerseite und mit den benötigten Mitteln ausgestattet.

Afrika-Initiativen der Bundesregierung als G20-Gastgeberin
Also zurück nach Hamburg. Eine Impulswirkung haben in diesem Jahr Initiativen der Bundesregierung; Stichwort Schlüsselposition. Bemüht sich Deutschland im Vorfeld um gelungene Maßnahmenkataloge, ist der Weg für die Beteiligung weiterer G20-Mitglieder geebnet. Die deutsche Antwort: Wirtschaftswachstum, private Investitionen in Afrika und Reformpartnerschaften mit afrikanischen Staaten. Ganz konkret geht es dabei um eine G20-Initiative, die sich „Compact with Africa" nennt. Gemeinsam mit interessierten Vertretern aus afrikanischen Staaten und dem deutschen Finanzministerium wurden in den letzten Monaten Maßnahmen erarbeitet, um private Investitionen von deutschen Unternehmen in Afrika zu fördern. Auf den ersten Blick ein solider Ansatz. Auf den zweiten Blick kritisch, denn die Rechnung hinkt. Sowohl auf deutscher als auch auf afrikanischer Seite werden Handlungsräume ausgeklammert.

Auf deutscher Seite beschränkt sich die Initiative auf private Unternehmen. Der Einsatz öffentlicher Mittel kommt hier zu kurz, kritisiert die entwicklungspolitische Kampagnenorganisation ONE. Das sei essentiell für Reformen der drei großen ‚Bs' - Bildung, Beschäftigung und Beteiligung. Studien zeigen, dass Investitionen in diesem Bereich in den kommenden 30 Jahren zu einem Wachstum des afrikanischen Bruttoinlandsproduktes um jährlich 500 Milliarden US-Dollar führen können. Was für eine Chance!

Auf afrikanischer Seite bezieht die ‚Compact with Africa'-Initiative eine wichtige Gruppe nicht mit ein: Fragile Staaten und LDCs. Dabei herrscht gerade dort der größte Entwicklungsbedarf Afrikas. ONE fordert eine Ausweitung der Compacts auf genau diese Staaten. Bisher handelt es sich dabei vor allem um die Länder Afrikas, die wirtschaftlich ohnehin schon stärker sind, sogenannte ‚Löwen-Staaten'. Das sind bisher die Elfenbeinküste, Marokko, Ruanda, Senegal und Tunesien.

Zusätzlich zu den Compacts hat die Bundesregierung Reformpartnerschaften mit Tunesien, der Elfenbeinküste und Ghana vereinbart. Diese Länder sollen durch technisches und wirtschaftliches Know-how von Deutschland profitieren -Energieeffizienz, erneuerbare Energien und Entwicklung des Finanzsektors. Das sind alles Reformbemühungen, die man guten Gewissens unterstützen kann. Was allerdings fehlt: Eine eindeutige Unterstützung für Reformen bei der Einhaltung von Menschenrechten und guter Regierungsführung. Eine nachhaltige Förderung des Wirtschaftswachstums kann ohne entsprechende sozialpolitische Reformen nicht funktionieren.

Und das ist nur der Anfang. Der eigentliche Gipfel hat schließlich noch nicht begonnen. Bei Nieselregen und Elbbrise wird es in Hamburg an der Zeit sein, Afrika eine wahre Partnerschaft auf Augenhöhe anzubieten. Außerdem: Die Tatsache, dass mit Südafrika nur ein einziges afrikanisches Land Mitglied der G20 ist, spricht für sich. Es ist Zeit zu handeln.

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Enormes Potential für Afrikas Jahrhundert
Im Jahr 2050 werden voraussichtlich 2,5 Milliarden Menschen in Afrika leben. Die Zukunft dieser Menschen wird wesentlich von den Ländern der G20 abhängen. Es bleibt zu hoffen, dass sich die 6000 Delegierten ihrer Verantwortung bewusst sind. Auch auf ihren Schultern lasten die Chancen von Millionen Menschen, die heute noch nicht einmal geboren sind. Afrika wird sich in den nächsten Jahrzehnten wandeln. Es ist gut möglich, dass ein alterndes Europa schon in ein paar Jahren auf junge afrikanische Arbeitskräfte angewiesen sein wird, wenn es den Anteil der arbeitenden Bevölkerung, der die Basis für Europas Wohlstand bildet, halten will.

Das Potential des afrikanischen Kontinents ist enorm. Ob es genutzt wird, hängt insbesondere davon ab, ob die G20 sich ihrer globalen Verantwortung stellen und Afrika als Partner auf Augenhöhe behandeln. Die junge Generation in Afrika braucht Bildung, Beschäftigung und Beteiligung, kurzum: eine Perspektive, die ihren Namen verdient.

Das 21. Jahrhundert wird Afrikas Jahrhundert sein. Und es liegt an den G20 und seinen afrikanischen Partnern, sich mit allen Kräften daran zu beteiligen, dass dies eine Erfolgsgeschichte wird.

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