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4 Gründe, warum beim Klima kein Platz für Trump ist

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Bonn bebt. Es geht hoch - und heiß her. Derzeit beraten dort zur 23. Weltklimakonferenz, kurz COP 23, zehntausende Regierungsvertreter*innen über die Klimakrise. Es gilt, Aufmerksamkeit auf die wohl größte Herausforderung unserer Zeit zu lenken.

Und doch, es dreht sich wieder um den einen Mann, der nicht dabei ist. „Ich bin gewählt worden, um die Bürger von Pittsburg zu repräsentieren, nicht die von Paris". Das waren die Worte des US-Präsidenten, als er der Welt verkündete, dass die USA aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen wolle. Damit wären sie das einzige Land auf der Welt, das sich nicht zu den Pariser Klimazielen bekennt - zuletzt waren Nicaragua und sogar Syrien dem Abkommen beigetreten.

Dass das Klima auf der Welt sich erhitzt, ist ein Fakt. Die Tatsache, dass Menschen einen Beitrag zur Klimaerwärmung leisten, ebenfalls. Ein Mensch, der tatsächlich behauptet, dies sei eine Erfindung Chinas, um der US-amerikanischen Wirtschaft zu schaden, sollte nicht die Debatte darüber bestimmen, wie wir mit der Situation umgehen. America first - Climate last?

Mir reicht es. Hier kommen vier Gründe, warum beim Klima wirklich kein Platz für Trump ist:

1. Das Klima ist keine Late-Night-Show
In den vergangenen 70 Jahren haben wir den Planeten an einen ökologischen Abgrund manövriert. Die Vorderreifen verlieren schon jetzt den Halt. Mehreren pazifischen Inselstaaten wird buchstäblich der Grund unter den Füßen weggespült. Zurzeit ist so viel CO² in der Atmosphäre wie zuletzt vor mehreren Millionen Jahren. Wissenschaftler*innen befürchten, dass wir mittlerweile sogenannte „TippingPoints" erreicht haben, also die Zeitpunkte, an denen auch durch eine Reduktion der Emissionen eine starke Klimaerwärmung nicht mehr aufzuhalten ist. Die Chancen, die Pariser Klimaziele zu erreichen und damit einen Temperaturanstieg von mehr als 1,5°C zu verhindern, schwinden. Kurz: Um das Projekt Menschheit steht es nicht gut. Gar nicht gut.

Um noch rechtzeitig das Steuer rumzureißen, brauchen wir eine mutige Klimapolitik. Sowohl die Weltgemeinschaft als auch die einzelnen Nationalstaaten sind jetzt gefordert, nicht nur Zusagen zu machen, sondern zu handeln. Wir brauchen nicht nur einen Kurswechsel, sondern auch einen Kickstart. Die Tatsache, dass jemand mit uns im Auto sitzt, der anscheinend vergessen hat, seine Schlafmaske abzunehmen, ist zugegebenermaßen wenig hilfreich. Aber das ist ja nichts Neues. Seit der (größten!) Inauguration (ever!) im Januar dieses Jahres sind wir scheinbar in einer Art Schockstarre verharrt und haben irritierte bis verstörte Blicke auf die andere Seite des Atlantiks geworfen. Und dabei, fast unbemerkt, selbst reihenweise Klimaziele verpasst. Im besten Fall war das Zeitverschwendung, im schlimmsten Fall haben wir unsere Chance verpasst, rechtzeitig abzubiegen. Die Zeit rennt - move on, Weltpolitik. Um sich über das Theater in Washington aufzuregen, gibt es Late-Night-Shows. Unsere Zeit und Energie brauchen wir nämlich für die wirklich drängenden Probleme - und das sind nicht die USA.

2. The Struggle is real
Der lebensbedrohliche Klimawandel ist kein Hirngespinst, er ist Realität.
Da sind zum Beispiel die erwähnten Pazifikstaaten, die um ihre Existenz bangen. Jeder Zentimeter, um den der Wasserspiegel ansteigt, bedroht direkt die Lebensgrundlage der Bewohner. Klimawandel zum Anfassen, tragischerweise.

Auch in Amerika wurden Hundertausende im September dieses Jahres zum Opfer von Hurrikans. Doch obwohl der Klimawandel ein globales Phänomen ist, sind die Folgen alles andere als gleichmäßig verteilt. Wenn Extremwetterereignisse öfter eintreten, Niederschläge unregelmäßiger fallen und Temperaturen steigen, bedroht das diejenigen besonders, die am wenigsten darauf vorbereitet sind. Und das sind Menschen aus den Ländern, die nicht genügend Frühwarnsysteme, sichere Häuser oder Versicherungen haben. Das Risiko, durch Klimaveränderungen seine Heimat verlassen zu müssen, ist für Bewohner aus ärmeren Ländern fünfmal höher als in reicheren Nationen, zeigt eine Studie von Oxfam. Und innerhalb dieser Länder trifft der Klimawandel marginalisierte Gruppen am meisten; Frauen, alte Menschen, Kinder.

Das deutsche Entwicklungsministerium wird bei der COP23 daher eine Art Klimaversicherung vorschlagen. Ein Geldtopf, durch den Menschen, denen der Klimawandel die Lebensgrundlage zu entziehen droht, entschädigt werden können. Sollte der Vorschlag von anderen Regierungen unterstützt werden, könnte dies vielleicht sogar effektiv die Ursache von Klimaflucht bekämpfen.

Im Jahr 2016 gab es 24 Millionen Klimaflüchtlinge. Das sind Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, weil Umweltveränderungen sie ihrer Lebensgrundlage beraubt haben. Und das ist laut der Environmental Justice Foundation (EJF) erst der Anfang.

Weitere Millionen Menschen, die nicht bei der COP eingeladen sind oder vielleicht noch gar nicht geboren sind, werden sich aller Vorrausicht nach künftig auf den Weg machen - wenn es ihnen irgendwie möglich ist. Sie sind die Menschen, die in unseren Debatten einen Platz und eine Stimme haben sollten. Ihnen sollte unsere Aufmerksamkeit gelten. Nicht einem einzelnen Amerikaner auf der Rückbank.

3. Nobody cares about #Covfefe
Es vergeht wahrscheinlich kaum ein Tag, an dem Gezwitscher aus dem Oval Office nicht irgendwo irgendwie Thema ist. #Sad: Wir schreiben das Jahr 2017 und #Cofvefe schafft es auf die Titelseiten. Wie wäre es mal mit wichtigen Themen? #Tschad? Die Tschadsee-Region im Norden Nigerias erlebt zurzeit Zustände, über die wir wirklich reden sollten. Der Wasserspiegel des Tschadsees sinkt seit Jahren unaufhaltsam - gleichzeitig sind 30 Millionen Menschen von der Wasserquelle abhängig.

Dieser Wasserstress gepaart mit Armut, mangelnden Perspektiven und sozialer wie politischer Ausgrenzung sind ein Nährboden für Menschenfänger wie Boko Haram. Die Terrormiliz macht die Gegend unsicher und verhindert nachhaltige Entwicklung. Wer effektiv gegen Terrorismus vorgehen möchte, muss sich folglich genau diesen Unruheherden zuwenden. Es ist paradox, dass die große Anti-Terrorismus-Nation USA das bisher noch nicht erkannt hat. Zuletzt forderte sogar Deutschlands Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) inmitten der Jamaika-Verhandlungen einen deutlichen Kurs in Richtung Klimaschutz. Damit wirft er den Grünen eine Kusshand zu - deutlicher kann man nicht machen, wie sehr Klima- und Entwicklungspolitik miteinander zu tun haben.

Und trotzdem wissen viele mehr über den neuesten Tweet aus dem Weißen Haus als über die Situation in Westafrika. Doch genau die Menschen dort und in anderen hochgradig betroffenen Regionen brauchen einen Platz auf der Weltbühne, politisch und medial. Wir sollten sie nicht einem Einzelnen überlassen. Indem wir seine geistigen Ergüsse immer und immer wieder zum Thema machen, vergessen wir bei all dem Gezwitscher nach vorne zu schauen.

4. Weil es Zeit ist, sich anzuschnallen
Seit Jahrzehnten wissen wir bestens über den Klimawandel Bescheid. Wir wissen in etwa, welche Route wir wählen sollten, um millionenfache Klimaflucht zu verhindern bzw. zu minimieren. Die meisten Staaten wissen, wie hoch ihre jeweiligen Emissionen sind und was getan werden müsste, um durch eine deutliche Verringerung des Schadstoffausstoßes Mensch und Umwelt vor einem Klimachaos zu bewahren.

Was wir in den letzten 25 Jahren auch festgestellt haben, ist, dass wir trotz alledem immer noch schnurstracks in die entgegengesetzte Richtung steuern. Deutschland wird die eigenen Klimaziele, bis 2020 die Emissionen um 40 Prozent zu verringern, deutlich verfehlen. Die größte CO²Quelle Europas, das Rheinische Braunkohle-Revier, wird auch dann betrieben, wenn ein paar Kilometer weiter Regierungschefs bei der COP 23 darüber beraten, wie man die Klimaerwärmung bremst und in Berlin die Parteispitzen über die Zukunft Deutschlands streiten.

Der klimapolitische Kurs der USA ist dabei keine Quelle der Inspiration. Schade, ja. Aber was zurzeit passiert, ist etwas viel Schlimmeres: Wir lassen uns ablenken, während wir bei 180 km/h auf eine Klima- und Geflüchtetenkrise zurasen. Schnallt euch an. Am Ende des Tages sitzt Deutschland mit am Steuer, wenn es darum geht, das Lenkrad rumzureißen.

Dafür brauchen wir laute Stimmen, ambitionierte Ziele und effektive Maßnahmen. Auch diese COP wird nicht einfach so die Welt retten. Was jeder einzelne tun kann, ist, sich nicht von Störgeräuschen ablenken zu lassen. Und die eigenen Politiker immer wieder daran zu erinnern, dass es ihre Pflicht ist, sich für unsere Zukunft einzusetzen. Sie werden nicht nur daran gemessen werden, was sie in Bonn und anderswo beschließen, sondern was sie tun. Wir sollten genau hinschauen und Platz machen für die wirklich wichtigen Themen.

Lesetipp:
Wer mehr zum Thema Tschadseekonflikt erfahren möchte, dem empfehle ich diesen Blogbeitrag bei der Entwicklungsorganisation ONE.

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