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"Wir sind - und waren immer - bereit, jeden Preis dafür zu bezahlen, um von der Gesellschaft anerkannt zu werden"

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WELCOME DINNER FLUECHTLINGE
dpa
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Die Ursachen dafür, dass Millionen von Menschen keine andere Chance zum Überleben als die Flucht sehen, könnten sich in Zukunft noch verschärfen.

Trotz der für Europa feststellbaren (Re-)Nationalisierungstendenzen und des Erstarkens rechtspopulistischer und nationalistischer Strömungen sind die realen Möglichkeiten der Nationalstaaten eher geschrumpft, interne, zwischenstaatliche und transnationale bewaffnete Konflikte und kollektive Gewalt einzudämmen.

Das hängt mit der neuen und jetzt transnationalen sozialen Frage zusammen, die nicht nationalstaatlich gelöst werden kann, ähnliches gilt für die meisten Fluchtursachen.

Schließlich ist davon auszugehen, dass nicht nur die Ursachen bestehen bleiben oder noch virulenter werden, sondern dass auch die transnationalen Netzwerkstrukturen für das Organisieren von Fluchtbewegungen sich ausdifferenzieren und stabilisieren.

Es hängt viel vom bürgerlichen Engagement ab

So wie im Jahr 2015 wird auch in der Zukunft viel vom bürgerschaftlichen Engagement und von den für Flüchtlingsschutz arbeitenden Organisationsnetzwerken abhängen.

Die lokalen zivilgesellschaftlichen Aktivitäten für Flüchtlingsschutz könnten sich aufgrund von Enttäuschungen, Ermüdung und anderen in den Vordergrund tretenden Themen abschwächen. Sie könnten sich aber auch - zum Beispiel im Rahmen staatlicher Programme - professionalisieren, politisieren und vernetzter organisieren.

Ausschlaggebend ist, wie sich die allgemeinen gesellschaftlichen Faktoren - Arbeitsmarktentwicklung, Fähigkeiten der kommunalen Verwaltungen, mögliche gruppenbezogene Konflikte, Positivbeispiele mit Breitenwirkung und die allgemeine wirtschaftliche Situation - entwickeln.

Entscheidend wird aber letztlich sein, ob es den beteiligten Akteursgruppen gelingt, einen breiteren gesellschaftlichen Diskurs um das Ankommen zu organisieren.

In dem Maße, wie alle gesellschaftlichen Gruppen die Chance erhalten und ergreifen, die Themen Migration, Flucht und Ankommen von ihren eigenen Erfahrungen her zu denken und sich gleichzeitig den entsprechenden Erlebnissen der 180 anderen Gruppen zu öffnen, können neue soziale Wurzeln geschlagen werden.

Indem ehemalige Flüchtlinge und Soldaten des Zweiten Weltkrieges, Vertriebene der Nachkriegszeit, Gastarbeiter, Spätaussiedler, im Zusammenhang der Jugoslawienkriege Geflohene und die in 2015 angekommenen Flüchtlinge sich gegenseitig die Gelegenheit zum Erinnern und Teilen von Erfahrungen einräumen, finden sie ihren eigenen Platz und stärken Deutschland und Europa.

Wir müssen uns mit Flüchtlingen an einen Tisch setzen

Personen und soziale Gruppen können nicht andere ankommen lassen, wenn sie nicht bei sich selbst angekommen sind. Die Prozesse von personaler und gruppenbezogener Integration und von Vergesellschaftung, von Sozialintegration und Systemintegration sind eng verwoben.

Welche Chance läge darin, in allen Städten und Gemeinden, in denen 2015 Flüchtlinge aufgenommen wurden, Runde Tische zu organisieren, an denen Lebenserfahrungen der unterschiedlichsten Gruppen ausgetauscht würden? Über den Zusammenhang von Erinnern und Ankommen hat schon Hannah Arendt ausführlich nachgedacht.

Mehr zum Thema: Die Integration der Flüchtlinge wird so nicht funktionieren

Die deutsch-amerikanische politische Theoretikerin und Philosophin war als Jüdin 1933 von der Gestapo vorübergehend inhaftiert worden und noch im selben Jahr nach Frankreich und 1941 in die USA geflohen.

Von 1937 bis 1951 war Arendt staatenlos und schrieb 1943 den Aufsatz "Wir Flüchtlinge". Darin betont sie, der Mensch sei ein soziales Tier, und das Leben werde schwer für ihn, wenn die sozialen Beziehungen abgeschnitten seien.

Als Flüchtling tendiere man zunächst einmal zu einer bedingungslosen Assimilation

Und versuche, Anerkennung und Integration durch das Aufgeben der eigenen Identität zu erreichen. "Wir sind - und waren immer - bereit, jeden Preis dafür zu bezahlen, um von der Gesellschaft anerkannt zu werden", denn: "Wir haben unser Zuhause und damit die Vertrautheit des Alltags verloren.

Wir haben unseren Beruf verloren und damit das Vertrauen eingebüßt, in dieser Welt irgendwie von Nutzen zu sein.

Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Gebärden und den ungezwungenen Ausdruck unsere Gefühle.

Wir haben unsere Angehörigen in polnischen Ghettos zurückgelassen und unsere besten Freunde wurden in Konzentrationslagern getötet, was einen Zusammenbruch unserer privaten Welt zur Folge hat."

Vor dem Hintergrund ihrer lang andauernden Staatenlosigkeit und der Aberkennung aller Staatsbürgerrechte für Juden während der NS-Herrschaft betonte sie in einem anderen Aufsatz: "Aber wir wissen auch, dass es noch ein anderes Recht geben muss außer jenen sogenannten ' unveränderlichen' Menschenrechten (...) ein Recht, das nicht ' aus der Nation' entspringt und das einer anderen Garantie bedarf als der nationalen, nämlich das Recht jedes Menschen auf Mitgliedschaft in einem politischen Gemeinwesen".

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Ähnlichkeiten mit der Flüchtlingssituation 2015 drängen sich auf, wenn sie feststellt, politischen Flüchtlingen sei schon seit der Antike Asyl gewährt worden, diese Praxis habe bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts "leidlich funktioniert".

Die Schwierigkeiten begannen, als sich herausstellte, dass die neuen Kategorien von Verfolgten bei weitem zu zahlreich waren, als dass man sie durch eine Praxis, die auf Ausnahmefälle berechnet war, hätte bewältigen können".

Auch die jüngste 'Flüchtlingskrise' birgt moralische Grundsatzfragen

Können wir uns dem Schutzsuchen von Menschen verschließen, bloß weil es viele sind?

Gelten die internationalen Flüchtlingsstandards nur für bequeme Schönwetterperioden oder sind sie aus den Erfahrungen des Holocaust, von Flucht und Vertreibung nicht gerade als bedingungslos geltend entwickelt worden?

Arendts Werk ist auf die historische Einmaligkeit des Zivilisationsbruchs durch das NS-Regime gerichtet. Gleichwohl eröffnet es auch allgemeine Perspektiven auf die Erfahrungswelten und Paradoxien, in denen Flüchtlinge und Migranten ihr Leben gestalten (müssen).

Für das Ankommen sind das Knüpfen sozialer Beziehungen und das Wurzelschlagen, das Erinnern und Sich-Austauschen grundlegend. Das gilt für die Flüchtlinge von 2015 ebenso wie für die 'Gastarbeiter' und ihre Nachkommen, für die Spätaussiedler sowie alle sozialen Gruppen in Deutschland.

Programmatisch für die sich heute stellenden moralischen, politischen und sozialen Herausforderungen des Umgangs mit der Flüchtlingsbewegung kann gelten, was Hannah Arendt schon 1965 in einer Vorlesung über Ethik im Hinblick auf moralisches Verhalten, Denken, Erinnern und Ankommen in Gesellschaft ausführte (Arendt 2009: 85):

"Was das Selbst als letztes Maß moralischen Verhaltens betrifft, so ist es natürlich nur in der Einsamkeit gegeben.

Es ist besser, Unrecht zu leiden, als Unrecht zu tun

Seine beweisbare Gültigkeit ist in der grundlegenden Aussage zu finden: Es ist besser, Unrecht zu leiden, als Unrecht zu tun, die, wie wir gesehen haben, auf der Einsicht beruht, dass es besser ist, mit der ganzen Welt uneins zu sein, als, Einer seiend, nicht mit mir selbst in Einklang zu stehen.

Die Gültigkeit lässt sich deshalb nur für den Menschen behaupten, insofern er ein denkendes Wesen ist, das wegen des Denkprozesses sich selbst als Gesellschaft benötigt.

Nichts von dem gilt für die Verlassenheit und die Isoliertheit. Denken und Erinnern, sagten wir, sind die menschliche Art und Weise, Wurzeln zu schlagen, den eigenen Platz in der Welt, in der wir alle als Fremde ankommen, einzunehmen.

Was wir üblicherweise als Person oder Persönlichkeit - im Unterschied zu einem bloß menschlichen Wesen oder Niemand - nennen, entsteht gerade aus diesem wurzelschlagenden Denkprozess."

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

In einem großangelegten Projekt hilft der Verein SyrienHilfe e.V. vor Ort Menschen in Not, die ihre Heimat nicht verlassen können oder wollen. Seit 2012 setzen sich Ärzte, Ingenieure, Archäologen, Lehrer und Künstler in dem Bürgerkriegsland dafür ein, dass die Bevölkerung in ihrem eigenen Land ein würdevolles Leben führen kann.

Der Verein betreut Waisenkinder, organisiert medizinische Versorgung für Behinderte und chronisch Kranke und finanziert Lebensmittel und Unterkünfte.

Unterstütze sie jetzt auf www.zusammen-für-flüchtlinge.de, der zentralen Plattform für Projekte in der Flüchtlingshilfe von betterplace.org.

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