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An die Medien: Hört endlich auf mit der Panikmache

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ANSBACH
dpa
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Warum sollten aus dem Dornröschenschlaf gerissene Westeuropäer/innen nun plötzlich beginnen, sich ernsthaft einzusetzen für den Fortbestand einer zivilisierten Menschheit im Großen und der eigenen demokratischen Grundordnung im Kleinen?

Es wird immer deutlicher, dass die Migrationsthematik in Deutschland und der EU polarisiert wie kaum eine zweite. Wie zuletzt nach Köln, fühlen sich die "Ich habe nichts gegen Ausländer, aber ..."-Diskutanten nach den Anschlägen im Juli ebenso bestätigt wie kritische Stimmen aus Deutschlands Nachbarländern: Man habe es ja immer gewusst, so etwas komme nun mal von Merkels Grenzöffnungen.

Währenddessen tun sich sogenannte links-grün-versiffte Gutmenschen eher schwer mit den Tatmotiven, wollen die Täterherkunft nicht wahrhaben, warnen vor überhasteten Generalisierungen und deuten auf die Kombination aus bedauernswerten Einzelschicksalen und systematischem Behördenversagen hin, welche solch erschreckende Gewaltausbrüche ermöglichen.

Florierende Phänomene dieser Art sind psychologisch durchaus nachvollziehbar - ebenso das der heimlichen Schadenfreude, wie das des Nicht-Wahrhaben-Wollens beim Dahinschwinden der eigenen, utopischen Hoffnungen.

Weltweites Ringen um mediale Aufmerksamkeit

Beiden gemein ist eine Überbewertung einzelner Ereignisse, auf Basis welcher die mühsam konstruierten Weltbilder aufrechterhalten, die eigenen positiven oder negativen Vorurteile genährt werden.

Die Folge von Meldungen wie derer aus Würzburg, München, Reutlingen und Ansbach ist ein panischer Aktionismus. Es wird gewetteifert um schnell umsetzbare und nachweislich effektive Maßnahmen.

Das in der Asylpolitik nahezu weltweit typische Ringen um mediale Aufmerksamkeit durch gesetzliche und administrative Novellierungen mit dem Ziel, Handlungsfähigkeit zu signalisieren und über einen befürchteten Kontrollverlust hinwegzutäuschen, geht infolgedessen in die nächste Runde.

Im Extremfall müssten nur der Notstand ausgerufen, das Kriegsrecht verhängt, die Polizei aufgestockt und das Militär eingeschaltet, die Grenzen hermetisch abgeriegelt und verdächtige Ausländer sofort außer Landes geschafft werden, um der Lage Herr zu werden - So der aufgeheizte Wunschglaube vieler.

Kurzfristige Maßnahmen ändern nichts

Im Zusammenhang mit der Überbewertung einzelner Ereignisse stellt sich - wie so oft - die Frage nach deren medialer und politisch-diskursiver Darstellung. Schnell wird deutlich, dass Bilder, wie das einer sogenannten "Blutwoche", eher wenig dazu beitragen eine sachliche Lösungssuche voranzutreiben.

Stattdessen werden vermeintlich einfache Lösungen suggeriert für Missstände, die zu komplex und vielschichtig sind, um sie beim Überfliegen heimischer Schlagzeilen zu begreifen. Hingegen wagen nur wenige Redaktionen und Politiker eine Konfrontation mit der Realität, dass es weder solche einfachen Lösungen, noch eindeutige Schuldzuweisungen, noch gleichermaßen empirisch belastbare und salonfähige Zukunftsprognosen gibt.

Stattdessen wiederholen sie gebetsmühlenartig unbeantwortbare Fragen nach der Vorhersehbarkeit und Steuerbarkeit von Terrorismus und Amokläufen, suchen nach greifbaren Motiven im großen Kosmos der möglichen Erklärungen und verlieren sich in öffentlichkeitswirksamer Entrüstung.

Hierbei wird gerne der naive Irrglaube aufrechterhalten, mit kurzfristigen Maßnahmen irgendetwas am Phänomen der Gewaltakte ändern zu können, ohne dafür grundsätzliche Änderungen globaler Zustände auf der Makroebene anstoßen zu müssen.

Universelles und zeitlich robustes Phänomen

Erfreulicherweise folgen nicht alle Medien und Politiker dem Weg der größten Panikmache à la "man traut sich ja bald gar nicht mehr raus": Vereinzelt wird nunmehr daran erinnert, dass Gewaltanschläge, zu welchen Menschen jeglicher Herkunft in subjektiv empfundener Not zu greifen tendieren, ein recht universelles und zeitlich robustes Phänomen sind, das sich über die Ländergrenzen unseres globalen Dorfes hinaus nachvollziehen lässt; und dass diese trotz ihrer Unberechenbarkeit rein statistisch keineswegs ernsthafte Risiken für Individuen in Westeuropa darstellen.

Eine dahingehende Aufklärung kann somit als erster Schritt weg vom "Öl ins Feuer gießen" und hin zu einer reflektierten Übernahme von Verantwortung betrachtet werden.

Was also sind die Voraussetzungen einer sachlichen und gesamtheitlich orientierten Diskussion, welche vor einer Auseinandersetzung mit den zunehmenden Neurosen und Ängsten moderner Gesellschaften vor eingebildeten Kontrollverlusten nicht zurückschreckt?

Zunächst einmal die Vermeidung der Darstellung der jüngsten Ereignisse als neues Phänomen, welches alte Ängste "aus gegebenem Anlass" bestätigt und/oder wohlwollende Integrierbarkeits-Hoffnungen auf einen Schlag zunichtemacht.

Grundsätzlicher Perspektivenwechsel gefragt

Eine solche gelassene Diskussion, welcher ein grundsätzlicher Perspektivenwechsel vorausgehen müsste, wäre des weiteren nur möglich, würden übervereinfachte Verallgemeinerungen bewusst unterlassen: Migration müsste weder ausschließlich als unberechenbare Gefahr, noch als bedingungslos romantisch verklärte Chance gesehen, sondern vielmehr schlichtweg als Realität akzeptiert werden.

Freilich erforderte dies ein Eingeständnis dessen, dass auch westeuropäische Habitate keine Inseln sind, welche sich hinter Zäunen und Kameras vor der globalen Realität verstecken lassen.

Sind solch vereinfachende Denkmuster einmal überwunden, gilt es, mit der zur systematischen Problemanalyse nötigen Ruhe zufriedenstellende Antworten auf Fragen wie diese zu suchen: Welche gesellschaftlichen Strukturen tendieren dazu, fruchtbare Saatböden für Gewaltausbrüche zu bieten?

Inwiefern tragen Zustände wie die räumlich-soziale Isolierung, die unzulänglichen Personalverhältnisse und mangelnde Perspektiven in den Massenunterkünften Asylsuchender potentiell zur Verbreitung fundamentalistischen Gedankengutes bei?

Aufmerksamkeit ist gefordert

Wohin führt ein graduelles Abtreten von staatlichen Unterbringungs- und Integrationsaufgaben an zivilgesellschaftliche und gewinnorientierte Akteure unter dem Hauptgesichtspunkt der Wirtschaftlichkeit?

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Welche Gefahr geht andererseits von einem Erstarken gesamtgesellschaftlich mitgetragener Tendenzen wie der Bildung von Bürgerwehren aus? Inwiefern bedrohen diese die Glaubwürdigkeit des staatlichen Gewaltenmonopols?

Woraus speisen sich wechselseitige Feindbilder in dieser Gemengelage? Welche alternativen Ventile zum Ablassen von Aggressionen werden Individuen in Not angeboten und vorgelebt?

Gibt es gesellschaftliche Strukturen, welche zu einem rechtzeitigen Erkennen posttraumatischer und/oder perspektivlos-depressiver psychischer Störungen beitragen können? Und nicht zuletzt: Mit welchem Grad an Aufmerksamkeit leben wir miteinander oder voneinander isoliert nebeneinander her - sowohl im lokalen als auch im globalen Dorf?

Es ist sowohl machbar, als auch dringend notwendig, Antworten zu finden, die realistische Lösungen ermöglichen, sollen die chaotischen Alternativen des blinden Wettrüstens und des Abbaus unseres demokratischen Selbstverständnisses verhindert werden.

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