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Aufbruch: Eine Kurzgeschichte über die Flucht

18/08/2015 16:09 CEST | Aktualisiert 18/08/2016 11:12 CEST
Anadolu Agency via Getty Images

Tagtäglich lesen wir in den Nachrichten von den Flüchtlingskatastrophen auf dem Mittelmeer. Leider vergessen wir viel zu oft, wenn wir die Zahlen der Toten sehen, dass diese Flüchtlinge Menschen mit Gedanken, Gefühlen und Hoffnungen sind.

Diese Menschen brechen auf, sie fliehen vor etwas. Sei es Armut, Krieg oder politischer Verfolgung. Wir müssen uns darüber klar werden, dass Europas Grenzen als Festung diese Menschen davon abhält, dass wir Nachbarn werden.

Ich wende meinen Blick ab von dem Stückchen Land, welches immer kleiner wird.

Meine schöne Heimat

Vor mir liegt etwas Neues. Meine schöne Heimat lasse ich zurück. Doch was denke ich da, schön ist meine Heimat schon lange nicht mehr. Krieg, Elend, Hunger, Zerstörung, Vernichtung, Tod regieren seit Jahren meinen Alltag. Mein Kopf füllt sich mit Bildern. Alles erscheint wie ein schlechter Traum.

Habe ich das wirklich erlebt? Ich weiß nur eins, ich wollte ausbrechen. Ich stehe hier, mit einem Herzen voll Schmerz. Ich verlasse das Land meiner Vorfahren nicht freiwillig. Ich lasse die Gräber meiner Vorfahren und unser Stück Land nicht freiwillig zurück. Ich wollte nicht gehen, nicht aus diesen Gründen. Sie haben mich dazu gezwungen. Ich halte inne, Schluss mit diesen tristen Gedanken!

Etwas Neues

Vor mir liegt etwas Neues. Vielleicht etwas wunderbares. Ich muss offen gegenüber diesen neuen Eindrücken sein. Es wird schwer, aber ich werde es schaffen. Ich werde mir ein neues Leben aufbauen, eine neue Existenzgrundlage schaffen- neues Leben, Existenz.

Endlich keine Angst mehr haben, ob man den nächsten Morgen erlebt. Ein Dach über dem Kopf haben, vielleicht sogar nicht mehr hungrig einschlafen. Eines Tages jeden Tag von der Arbeit in sein zu Hause heimkehren. Ein geregeltes Leben. Die rastlose Suche hat bald ein Ende, alles wird gut. In mir breitet sich Helligkeit aus. Optimismus.

Schreie, das Ende?

Schreie lassen mich aus meinen Gedanken aufschrecken. Etwas stimmt nicht. Ich versuche mich zu bewegen um mir einen Überblick zu verschaffen, doch die Enge lässt es nicht zu. Meine Füße werden nass. Wasser überflutet den Boden. Woher kommt das viele Wasser? Ist das das Ende?

Angst

Ich habe Angst. Ich bin hier und fürchte mich. Sollte das das Ende sein, werden bald Menschen sagen: „Dort, im Mittelmeer sind heute wieder 950 Menschen gestorben." Aber ich bin hier und werde vielleicht auch noch ein Teil dieser Zahl sein. Wenige werden sich fragen, wer wir waren. Was wir durchmachen mussten und wie wir uns gefühlt haben.

Ich bin hier, vielleicht werde ich sterben... Ich habe Angst. Vergesst nie, dass diese Ertrunkenen Menschen sind, wie es in Zukunft noch Tausende geben wird. Wir sind alles Individuen. Wir sind nicht nur eine Zahl, über die man einmal staunt, sie als grausam bezeichnet und sie dann wieder vergisst. Doch man wird uns vergessen und an der Situation nichts ändern.

Das Wasser steigt weiter

Binnen Sekunden wird es immer höher. Ich höre, wie Gebete gemurmelt werden, andere wiederum schreien, andere weinen. Verzweiflung. Das ist das Ende. Es kommt früher als erwartet, das ist so ungerecht. HALT! Ich will nicht, dass mein letzter Gedanke voller Wut auf die Missstände in dieser Welt ist. Ich kann nichts mehr daran ändern.

Ich schließe meine Augen, spüre das Wasser. Denke daran, dass ich an einen besseren Ort kommen werde, muss plötzlich lachen, da ich bis jetzt nie an ein Leben nach dem Tod geglaubt hatte.

In diesem Moment schmecke ich das Salz in meinem Mund. Ganz ruhig, verfalle nicht in Panik.

Einatmen.

Ausatmen.

Einatmen.

Meine Lunge füllt sich mit Wasser. Die Luft wird knapp. Schmerz.

Einatmen.

Ausa...


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