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Mein vierjähriger Sohn fand mich, als ich mich umbringen wollte - und rettete mein Leben

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MUTTER SELBSTMORD
Symbolbild | iStock
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Es war Freitagabend. Ein Zeitpunkt, zu dem ich mir eigentlich Gedanken über die Wochenendplanung machen sollte. Stattdessen spielte mein Mann mit unserem Sohn im Wohnzimmer und ich saß weinend im Badezimmer mit einer Schere in der Hand.

Seit ich 16 Jahre alt bin, befinde ich mich wegen meiner Selbstmordgedanken in Behandlung. "Aber ich würde es nie bis zum Ende durchziehen!", sagte ich immer zu meinen Ärzten und Verwandten.

Zu wissen, dass ich den Schmerz jederzeit beenden konnte, war tröstlich

In einer Welt, die ich nicht kontrollieren konnte, war es erleichternd zu wissen, dass ich meinem Leben jederzeit ein Ende setzten könnte. Ich dachte oft darüber nach - zu oft.

Es war Anfang Dezember und der gesundheitliche Zustand meines Vaters verschlechterte sich immer schneller. Meine Mutter, meine Schwester und mein Bruder hassten mich: Denn seit ich von meinem Vater weggezogen war, litt er unter Depressionen und hatte einen Nervenzusammenbruch. Ich war schuld.

"Du bist furchtbar. Du hast Vater krankgemacht. Sprich nie wieder mit mir!"
"Weil du weggezogen bist, erkrankte Vater an Krebs. Es ist deine Schuld!"
"Du hättest Vater nie verlassen sollen. Jetzt liegt er im Sterben!"

Es war nicht meine Schuld

Das waren nur einige der Textnachrichten, die ich in der Woche vor dem besagten Freitagabend bekommen habe - als ich dort im Badezimmer saß.

Mein Mann, der mich immer unterstützte und ein mitfühlender Mensch ist, versuchte mir klarzumachen, dass ich unmöglich an der Krebserkrankung meines Vaters schuld sein könnte. Es lag im Blut meines Vaters, natürlich hatte das nichts mit mir zu tun.

Doch da saß ich auf dem lilafarbenen Badezimmerteppich, in der Hand die Schere mit den scharfen Kanten.

Ich wusste, dass der Schmerz, den jeder einzelne Schnitt verursachen würde, nicht schlimmer sein konnte als der Schmerz, der sich in meiner Brust ausbreitete. Ich fühlte mich schlecht, voller Schuldgefühle, Trauer und Schmerz.


Ich wollte meinen Vater nicht sterben sehen
. Ich wollte nicht mehr glauben, dass es meine Schuld war. Ich googelte "den richtigen Weg, seine Pulsadern aufzuschneiden, um Selbstmord zu begehen", während ich darüber nachdachte, ob es das Richtige war.

Wenn ich es schon tun würde, dann wollte ich es richtig machen; Ich wollte es nicht überleben.

Ich wollte sterben

Ich wusste, dass ich meinen vierjährigen Sohn, meinen Mann und die wenigen anderen Menschen, die sich um mich sorgten, zurücklassen würde. Ich dachte, dass die Liste der Menschen, die ich verlassen würde, sowieso nicht lang wäre.

Ich dachte über die Beerdigungskosten nach, ob wir in der Lage wären, sie zu bezahlen. Ich dachte an all die Menschen, die nicht kommen würden. Ich fühlte mich einsam im Leben und ich wusste, dass ich auch als Tote alleine sein würde.

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Ich nahm die blaue Schere. Die Schere, die ich vor Jahren gekauft hatte, als ich anfing, zu basteln. Ich schnitt mir sanft in das Handgelenk. Ein weißer Fleck erschien, aber kein Blut.

Vielleicht hatte ich nicht das Zeug dazu, es durchzuziehen; Ich versuchte es mit mehr Druck. Etwas Rotes quoll heraus. Es würde ein wenig dauern, aber ich wollte es durchziehen.

Plötzlich stand mein Sohn vor mir

In meinen Gedanken versunken, bemerkte ich nicht, dass die Badezimmertür nicht vollständig geschlossen war. Die Tür schwang auf und ich versteckte schnell die Schere hinter meinem Rücken. Es war mein Sohn. Er spricht nicht viel. Aus diesem Grund wusste ich, dass er mich nicht fragen würde, was ich da tat.

Ich starrte ihn an, unsicher darüber, was ich tun sollte.

Er setzte sich vor mir auf den Boden, lächelte mich liebevoll an und legte seine Hände auf meine. Alles, was ich tun konnte, war weiterhin zu weinen.

Er rieb mir die Hände. Mein Mann kam, um zu schauen, was los war - er wusste es sofort.
Er brachte meinen Sohn wieder ins Wohnzimmer und half mir auf, verband meine Handgelenke und legte sich mit mir hin.

Mir wurde etwas klar

Ich erzählte ihm alles; dass ich sterben wollte. Dass ich nicht wusste, wie ich weiterleben sollte, wenn mir schon das Atmen schwer fiel.

Mein Sohn kam zu uns ins Bett und legte sich zwischen uns. Er rieb mir den Rücken, während ich weinte. In diesem Moment wurde mir bewusst, dass ich leben wollte. In diesem Bett lagen all die Menschen, die ich liebte und brauchte und die auch mich brauchten.

Wenn mein Sohn zu diesem Zeitpunkt nicht ins Badezimmer gekommen wäre, dann könnte ich das hier vermutlich nicht schreiben. Ich bin nicht religiös, aber ich fühlte, dass ihn etwas zu mir gebracht hatte, in dem Moment, in dem ich ihn am meisten brauchte.

Bis zu diesem Moment wusste ich nicht, wie sehr ich ihn brauchte. Ohne ihn und ohne meinem Mann gäbe es niemanden, der mir zeigen könnte, was Liebe ist - was LEBEN ist.

Ich will leben

Ich werde nicht lügen und so tun, als wäre das das Happy End. Das Verhältnis zwischen meinen Geschwistern und mir hat sich immer noch nicht verbessert.

Einen Monat später starb mein Vater. Und darüber hinaus ist das Leben im Allgemeinen ziemlich hart. Ich kämpfe immer noch mit dem Gedanken, dass ich selbst bestimmen kann, ob ich lebe oder sterbe.

Aber ich habe meine Entscheidung getroffen: Ich will leben. Ich will weiterhin meine Familie lieben. Ich will mein Leben lebenswert machen. Ich habe zwar meinem Sohn sein Leben gegeben, aber er rettete meins - und dafür werde ich immer in seiner Schuld stehen.

Dieser Blog erschien zuerst bei"Your Tango" und wurde von Samantha Meier aus dem Englischen übersetzt.

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(glm)