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Warum Komplimente für mich oft rassistisch sind

03/01/2016 15:35 CET | Aktualisiert 03/01/2017 11:12 CET
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Weihnachten. Für viele die schönste Zeit im Jahr. Man packt seine Koffer und verlässt die Studistadt, um Weihnachten zuhause mit der Familie zu verbringen. Wenn man nicht in einer Großstadt aufgewachsen ist, ist es vorprogrammiert, dass man die halbe Schule in der örtlichen Kneipe nach der Weihnachtsgans trifft.

So ging es auch mir an Weihnachten. Eine Gruppe von Freunden und ich saßen bei einigen Bieren zusammen und beobachteten die ganzen Leute, die man aus der Schule so vom sehen kannte und amüsierten uns köstlich darüber, was für Klischees sie doch erfüllten.

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Da haben wir die Gruppe von Leuten, die ein paar Monate in Australien oder Indien verbracht haben und dann prompt geerdet, erleuchtet mit Dreads und mit Goa-Hose zurück nach Deutschland kehren und sich jetzt für Experten bezüglich des Reiselandes halten.

Dann wären da noch die Weltverbesserer, die für den freiwilligen Dienst in Ghana 3000 Euro gezahlt haben und nun eine Menge süßer Selfies mit süßen afrikanischen Babys und Kindern vorzeigen können.

Wenn man aus dem behüteten Idyll der heimatlichen Kleinstadt in die Großstadt entflieht, an der Uni neue Menschen mit der selben Leidenschaft für sozialkritische Fragen und Feminismus kennenlernt, merkt man beim Heimkehren auch, wie sehr man sich selbst geändert hat und sich hier in der alten Heimatstadt scheinbar kaum irgendwas getan zu haben scheint.

Das kann einerseits eine beruhigende Konstante sein, doch andererseits kann dies auch zu hitzigen Debatten führen. So auch diese Weihnachten in der vollgepackten Ortskneipe.

Hermine wird von einer schwarzen Schauspielerin verkörpert

Aus irgendeinem Grund kamen ein Freund und ich auf das Thema des neuen Harry Potter Theaterstückes und der Tatsache, dass Hermine in besagtem Stück von einer schwarzen Schauspielerin verkörpert wird, sehr zu meiner Freude.

Mein Freund schien jedoch weniger euphorisch. Dies begründete er so, dass so ein Schritt für ein riesiges Franchise wie Harry Potter zu riskant sei, da viele Fans enttäuscht von der Casting Wahl seien und das Theaterstück nicht besuchen würden.

Für mich ist das das klassische Kapitalismus Argument, welches Walter Benjamin schon vor Jahren in seinem Aufsatz über die Reproduzierbarkeit des Kunstwerkes ankreidete. So wie er auch, sehe ich im Film und auch im Theater und allgemein den Medien ein riesiges Potential der Befreiung - aber eben nur, wenn es angemessene Repräsentation gibt, also nach Benjamin das Recht eines jeden darauf, gefilmt zu werden.

Wer gerne ins Kino geht, weiß, dass das Hollywood Kino (oder eben auch das Fernsehen, das Theater...) diesem Anspruch absolut nicht gerecht wird. Deshalb auch meine Euphorie darüber, dass eine schwarze Schauspielerin Hermine sein wird. Vor allem auch weil J.K. Rowling Hermines Hautfarbe in ihren Romanen niemals genannt hat.

Die einzige Beschreibung Hermines lautete, dass sie krause Haare und große Vorderzähne hat und sehr schlau ist. Nirgendwo steht, dass sie weiß ist. Trotzdem regen sich sehr viele Fans über die Wahl der Schauspielerin Noma Dumezweni auf.

Mein Freund argumentiert damit, dass das mit Gewohnheit zusammenhänge. Ich stimme ihm teilweise zu, füge aber auch hinzu, dass die Komponente Race (ich sage bewusst nicht „Rasse" wegen der Konnotation des Begriffes im Deutschen) absolut auch eine Rolle spielt, da weiß sein als der Normalzustand angesehen wird.

Dieses Argument kommt bei ihm, einem weißen Mann nicht gut an. Er sagt, dass ich andauernd solche Sachen posten würde auf Facebook, aus dem Blickwinkel von Schwarzen, die so klängen, als hätte ich etwas gegen Weiße. Der Klassiker, wenn man das Thema Race anspricht als Person of Color.

Natürlich versuche ich als schwarze Frau in Deutschland den Status Quo anzuzweifeln, zu hinterfragen und zu zeigen, dass Rassismus nicht erst damit beginnt, wenn mich jemand auf der Straße "Neger" nennt oder Flüchtlingsheime angezündet werden.

Rassismus beginnt schon viel früher

Es ist klar, das dieses Verhalten indiskutabel und rassistisch ist, aber viele Leute wissen nicht, dass Rassismus schon viel früher beginnt. Wie auch, Rassismus wird niemals ihr alltägliches Leben beeinflussen. Denn Rassismus beginnt im Alltag mit Mikroaggressionen, welche ich tagein tagaus zu hören und spüren bekomme.

Sei es, dass fremde Leute ungehindert und ohne zu fragen mein Afrohaar anfassen und meine negative Reaktion darauf nicht verstehen können oder Komplimente, die keine sind, wie dass jemand meinen Hautton so schön fände, weil er nicht zu dunkel sei. Das sind keine Komplimente, das ist Rassismus.

Die simple Frage "woher kommst du" ist für mich nicht simpel, sie ist geladen. Denn es läuft in 9 von 10 Fällen immer so: antworte ich auf die Frage, dass ich aus Düsseldorf komme, kommt darauf hin ein „ja aber woher wirklich".

Antworte ich dann „aus der Nähe von München" sind die Leute immer noch nicht wirklich zufrieden. Ich weiß, dass die Leute meist keine böse Intention haben und einfach Interesse zeigen, aber trotzdem impliziert das ständige Weiterfragen, dass meine Haut zu viel Melanin enthält, um tatsächlich aus der Nähe von München zu stammen.

Worauf ich in der Diskussion mit meinem Freund auch hinauswollte ist, dass es absolut wichtig ist, das als gegeben angesehene zu hinterfragen. Und das hat nichts mit Hass gegen jeden einzelnen weißen Menschen auf diesem Planeten zu tun Trotzdem wird es oft so aufgefasst.

Mir wird gesagt, wenn ich andauernd das Thema Race anspreche, würde ich nur dazu beitragen, Race eine Gewichtung in der Gesellschaft zu geben. Unsere Gesellschaft ist aber noch bei weitem nicht an dem Punkt dieser utopischen color blindness angelegt, welche scheinbar für viele weiße schon zu herrschen scheint.

Rassismus ist ein Machtgefüge

Ja, Race ist eine konstruierte Kategorie und es wäre wünschenswert, sie loszuwerden. Das heißt aber nicht, dass diese konstruierte Kategorie nicht auch massiv in unser Leben eingreift und zu einer unfairen Verteilung von Macht führt - denn genau das ist Rassismus auch: ein unbalanciertes, unausgeglichenes Machtgefüge von welchem manche Menschen profitieren und unter welchem andere Leute leiden.

Und ja, das betrifft auch die Tatsache, dass es kaum People of Color in wichtigen, wohl gerundeten Rollen gibt, die nicht einfach nur ein Klischee oder eine Quote sind. Medien haben einen riesigen Einfluss auf uns und liefern bei weitem noch keine zufriedenstellende Repräsentation der Gesellschaft, die eben nun mal nicht nur aus weißen, heterosexuellen Männern besteht.

Ich kann nachvollziehen, dass es vermutlich schwierig ist, das, was man als gegeben annimmt zu hinterfragen und zu realisieren, dass der sogenannte Normalzustand problematisch ist.

Im Gegenzug wünsche ich mir aber auch, dass meine gelebte Erfahrung als schwarze deutsche Frau ernst genommen wird. Oder das wenigstens meine Facebook Postings zu Rassismus an Universitäten, dem kolonialen Erbe oder intersektionellem Feminismus wenigstens gelesen werden, bevor man die Schlagzeile als Hass gegenüber Weißen aufnimmt. Das wünsche ich mir zu Weihnachten.

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