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Ich bin nicht fett genug für euch: Dieser neue Trend sorgt dafür, dass ich mich scheiße fühle

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Lisa Radda
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Body Positivity ist aktuell überall. Der Trend verbreitet sich auf der ganzen Welt.

Und das ist etwas Schönes, denn die Message dahinter ist stark und wichtig: Schaut mich an, ich fühle mich wohl in meinem Körper - auch wenn ich nicht so aussehe wie die Models in der Werbung.

Doch etwas stört mich daran: Die meisten Frauen, die in der Richtung auffallen, gehören in die Kategorie "übergewichtig" oder zumindest "etwas stärker gebaut".

So werden Frauen, die uns mitteilen, dass ihr Freund sie liebt, obwohl sie überall Speckröllchen haben oder Mütter, die Bikinifotos von sich und ihrem "Schwimmreifen" in der Umkleide posten, im Netz gefeiert und gelobt.

Dick sein als Vorbild

Unter den Fotos und Postings stehen Kommentare wie "Toll, dass du so zu deinem Körper stehst" oder "Du bist so ein Vorbild.

Und es ist ja auch etwas Tolles: Jeder soll sich in seinem Körper wohl fühlen (dürfen), ohne schikaniert zu werden.

Umgekehrte Diskriminierung

Doch Bewegungen wie diese führen oft auch zu einer umgekehrten Diskriminierung. Wenn Frauen, die an sich schon schlank und durchtrainiert sind, ein Foto posten, um ebenfalls die Body-Positivity-Message zu verbreiten, werden sie dafür oft kritisiert.

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Woher sollten sie denn auch bitte wissen, wie es ist, dick zu sein? Diese Frauen scheinen ja sowieso kein Problem mit ihrem Körper zu haben, so die gängige Meinung.

Sie sollten gefälligst glücklich und dankbar dafür sein, dass sie so aussehen und im Idealfall sollte sie deshalb auch keine Fotos davon in den sozialen Netzwerken zur Schau stellen.

Dabei ist das Phänomen Body Positivity doch etwas, das uns alle betrifft - nicht nur die Frauen, die etwas fülliger sind. Denn jedem und jeder von uns ist es doch schon so ergangen, vor dem Spiegel zu stehen und zu denken: "Ich sehe heute echt scheiße aus".

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Es gibt immer irgendetwas, das uns an uns selber nicht gefällt. Sei es das Gewicht, die Nase, die unreine Haut, der kleine Busen, die zu dicken Oberschenkeln, die nicht so toll durchtrainierten Oberarme, die immer dünner werdenden Haare - die Liste ist schier endlos.

Wir leben in einer extrem oberflächlichen Gesellschaft und damit hat jeder früher oder später zu kämpfen.

Ich kann sechs Cheeseburger hintereinander essen

Ich trage Kleidergröße 32 oder XXS. Eigentlich immer schon. Ich habe nie wirklich etwas anderes getragen. Mit einer einzigen Ausnahme: während meiner Zeit in Amerika.

Nach einem halben Jahr Auslandsaufenthalt in den Vereinigten Staaten konnte ich sechs Cheeseburger hintereinander essen und habe fast acht Kilo zugenommen. Ich fand mich selber zu dem Zeitpunkt eigentlich nicht dick. Klar, die Hosen waren etwas enger beziehungsweise haben gar nicht mehr gepasst. Aber das fand ich nicht schlimm. Ich habe mich wohl gefühlt in meinem Körper.

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Bis ich wieder zurück nach Europa gekommen bin und ich mir ständig Sprüche wie "Vielleicht solltest du nur noch Salat essen" oder "Na, in Amerika hat's dir aber auch geschmeckt, oder?" anhören durfte.

"Geben Sie mir die kleinste Größe, die Sie haben"

Binnen weniger Monate war ich wieder auf meiner Größe 32 und bei meinen - für mich - total normalen 43 Kilo. Ich war nicht mehr oder weniger glücklich als vorher, aber immerhin konnte ich beim Kleiderkauf wieder sagen "Ich brauch bitte die kleinste Größe, die Sie haben".

Und genau dieser verkannte Stolz war es, der mir dann zum Verhängnis wurde. Zumindest, wenn man das glaubt, was die breite Masse dir einreden möchte.

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Aufgrund einer Ernährungsumstellung, extrem viel Sport und einer nicht sehr ausgeprägten Work-Life-Balance habe ich immer weiter abgenommen. Irgendwann wog ich nur noch knapp 38 Kilo bei einer Größe von 1,59 Meter.

Ich selbst fühlte mich tatsächlich wohl. Ich fand mich schön. Wirklich schön. Natürlich hätten meine Oberschenkel noch etwas dünner sein können und meine Bauchmuskeln etwas definierter. Meine Haut war immer noch an manchen Stellen gerötet und gerade im Gesicht eher unrein.

Ich fühlte mich einfach nicht mehr wohl

Dennoch: Meine Figur fand ich zu dieser Zeit super. Bis dann Kommentare kamen wie "Hey du musst schon mehr essen", "Bist du dir sicher, dass du nicht magersüchtig bist?" oder sogar "Wenn du irgendwelche Probleme hast, kannst du gerne mit mir darüber reden".

Dann habe auch ich angefangen mich zu fragen, ob vielleicht etwas nicht stimmt. Ich bin von Arzt zu Arzt gelaufen, habe mich auf allerlei Allergien und Lebensmittelunverträglichkeiten testen lassen.

Ich ließ meine Schilddrüse checken und sprach mit meinem Fitnesstrainer. Ich stellte meine Sportroutine um und versuchte, in regelmäßigen Abständen zu essen.

Um es auf den Punkt zu bringen: Es war scheiße! Ich hatte zwar wieder zugenommen, aber alles wurde zu einem Zwang. Essen war kein Genuss mehr, ich selber war nicht mehr glücklich und fühlte mich einfach nicht mehr wohl in meiner Haut.

Wieso hören wir nicht einfach auf damit?

Schuld daran ist unsere Gesellschaft. Wenn wir aufhören würden, uns gegenseitig ständig vorzuschreiben, wie wir aussehen sollten und welche Körpergröße und Gewicht super sind, dann hätten wir tatsächlich weniger Probleme.

Ja, natürlich geht es hier um so genannte First World Problems. Aber genau darum geht es doch bei diesem ganzen Body-Positivity-Trend sowieso. Ganz ehrlich: Wieso hören wir nicht einfach auf damit?

Ich habe es satt, mir anhören zu können, dass ich mehr essen soll. Ich bin echt gerne dünn. Ich esse auch gerne, aber eben wenig. Und ich finde es super so. Ich habe gerne einen durchtrainierten Körper und ich trage gerne die kleinste Kleidergröße, die es im Laden zu kaufen gibt.

Wenn mir Leute nicht andauernd sagen würden, wie schlecht ich aussehe, dann wäre ich sogar ziemlich glücklich und würde mich noch viel wohler fühlen.

Es geht nicht darum, wie viele Speckröllchen du hast

Dieser Body-Positivity-Trend trägt wirklich nicht gerade dazu bei, dass ich mir denke "Hey, du bist echt in Ordnung so wie du bist". Er bewirkt eher das Gegenteil und ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht auch einfach zunehmen soll, damit endlich Ruhe herrscht.

Denn anscheinend fühlen sich Leute in ihren Körpern wohler, wenn sie etwas molliger sind. Zumindest wird uns das aktuell über die Medien und die Berichterstattung suggeriert.

Dabei sollte es doch eher darum gehen, dass ich ein Foto von mir am Strand poste, weil es dort einfach geil ist und nicht um mir tausende Kommentare und Bewunderung zu holen. Es sollte darum gehen, dass man sich immer überall in seinem Körper wohl fühlt.

Denn wichtig an der Sache ist doch, dass wir uns selber lieben. Dass wir uns selber wohlfühlen. Und wenn ich gerne einen Sixpack habe, sollte ich das haben dürfen. Wenn ich gerne sechs Cheeseburger esse, sollte ich diese essen dürfen. Ohne blöde Kommentare dafür ernten zu müssen.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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(lk)