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Keiner will die 24-Stunden-Kita: Welche Betreuungsangebote Eltern heute wirklich brauchen

02/07/2015 09:58 CEST | Aktualisiert 02/07/2016 11:12 CEST
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Am liebsten schläft doch jeder in seinem eigenen Bett. Bei Kindern ist das nicht anders. Nicht ohne Grund kreisen beim heimischen Nestbau viele Gedanken um den glücklichen Kinderschlaf. Seltsamerweise hat nun ausgerechnet die CDU, die einst für die Herdprämie kämpfte, andere Pläne und macht sich für die 24-Stunden-Kita stark.

Wir sind doch keine Rabeneltern

Im Vergleich zur momentanen Situation wäre das eine riesige Umstellung: Für gewöhnlich schließen die meisten Kitas vor 18 Uhr, in einigen Ausnahmefällen ist erst um 20 Uhr Schluss. Morgens wird nicht vor sechs Uhr geöffnet - zu früh oder zu spät für Schichtarbeiter. Völlig aussichtslos ist die Lage am Wochenende. Während Kellner oder Pflegekräfte auch am Samstag oder Sonntag arbeiten müssen, genießen Erzieher dann ihre wohlverdiente Ruhepause. Die 24-Stunden-Kita soll diese Mangelversorgung beenden.

Die Berliner CDU ist in dieser Frage ihrem Generalsekretär Kai Wegner gefolgt und möchte die Familien der Hauptstadt mit dem Vorschlag gewinnen, in jedem Bezirk eine rund um die Uhr geöffnete Kinderbetreuungsstätte zu öffnen. Wessen Nachfrage sie damit bedienen möchte bleibt ein Rätsel.

Hätte sich die CDU einmal mit den tatsächlichen Bedürfnissen von Kindern und Eltern beschäftigt, so hätte sie vielleicht festgestellt, dass alle derartigen Modellprojekte gescheitert sind. Die Hemmschwelle, das eigene Kind zur Schlafenszeit abzugeben, ist fast unüberwindlich. Niemand möchte zu den vermeintlichen Rabeneltern gezählt werden, die ihren Kindern die vertraute Umgebung nehmen, wenn sie am dringendsten gebraucht wird.

Bedarfsgerechte Betreuung schützt vor Armut

Wie sich die Kinderbetreuung flexibilisieren lässt, ist eine der zentralen Zukunftsfragen in der Familienpolitik. Dabei geht es nicht nur um Komfort und Vorlieben. Gerade für Alleinerziehende hängt von akzeptablen Lösungen ab, ob sie einer Arbeit nachgehen und ausreichend Geld verdienen können.

Alleinerziehende sind die Hauptbetroffenen der derzeitigen Infrastruktur-Misere und ihr Anteil steigt kontinuierlich. Mittlerweile machen sie 23,4 Prozent der Familienhaushalte aus. In Berlin, der Hauptstadt der Alleinerziehenden, lastet sogar in einem Drittel aller Haushalte die Betreuung strukturell auf nur einem Elternteil. Das Armutsrisiko ist erschreckend. 39 Prozent der Alleinerziehenden sind auf die Grundsicherung angewiesen und in jedem fünften Fall muss der Lohn aufgestockt werden.

Diese Abhängigkeit von Sozialleistungen resultiert vor allem aus überwiegender Teilzeitbeschäftigung. Wer ihnen die gleichberechtigte Teilnahme am Arbeitsleben ermöglichen will, muss die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stark verbessern. Dafür braucht es vor allem flexible Angebote in der Kinderbetreuung. Diese müssen zum Berufsbild passen und auch kurzfristige Reaktionen ermöglichen, wenn Kollegen ausfallen und sich die Arbeit staut.

Kinder und Eltern wünschen sich individuelle Tagespflege

Die vorgeschlagenen Sammelschlafplätze für Kinder würden die Lebensqualität von Kindern und Eltern nicht steigern. Ein wirklicher Durchbruch wäre dagegen ein Bring- und Abholdienst sowie die Möglichkeit einer häuslichen Betreuung am frühen Abend oder Morgen. Wer es ernst meint mit einer anderen Familienpolitik, muss den Eltern mehr Optionen und passgenaue Unterstützung bieten.

Eine Fachkraft auf Abruf bringt das eigene Kind von der Kita zum Sport oder zur Musikschule und anschließend nach Hause ins Bett, so sieht die serviceorientierte Kinderbetreuung der Zukunft aus.

Zugleich muss sich auch das Angebot in den Kitas verändern. Freelancer und prekär Beschäftigte beginnen nicht immer zur selben Zeit mit der Arbeit. Der Rhythmus in den Kitas folgt hingegen meist eine festen Routine: Nach der morgendlichen Ankunft beginnen die gemeinsamen Gruppenaktivitäten, gegen Mittag wird gegessen und anschließend werden die ersten Kinder bereits wieder abgeholt.

Alle Eltern müssen sich aber darauf verlassen können, dass ihr Kind verlässliche Bezugspersonen vorfindet und eine hochwertige Betreuung erhält. Die Pädagogen vor Ort müssen deshalb die nötige Ausstattung erhalten, um das flexible Kommen und Gehen stressfrei bewältigen zu können.

Gegen die Nachtwache, die ihnen die CDU anbieten will, läuft zu Recht eine Abstimmung der Eltern mit den Füßen. Alle bisherigen Experimente haben sich deshalb als unwirtschaftlich erwiesen. Eine individuelle Tagespflege würde es Alleinerziehenden hingegen ermöglichen, mit gutem Gewissen den Sprung in eine existenzsichernde Arbeit zu wagen.


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