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Was ich täglich als Sachbearbeiterin im Jobcenter erlebe, lässt mich am Verstand der Menschheit zweifeln

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Ich denke oft, so dumm, wie Menschen in manchen Fernsehsendungen dargestellt werden, kann doch keiner sein. Aber ich habe wirklich Menschen kennengelernt, die nicht wussten, mit wem sie Sex hatten, dass sie Kinder gezeugt haben und was Verhütung ist. In solchen Momenten zweifelt man schon am Verstand der Menschheit und fragt sich: Wo ist die versteckte Kamera?

Oben im Video: Wie Jobcenter Hartz-IV-Empfänger im Stich lassen

Eigentlich wollte ich nie im Jobcenter arbeiten. Aber dann war es die erste Stelle, die ich nach dem Studium angenommen habe. Ich hatte davor überhaupt keine Vorstellung davon, was mich erwarten würde. Wie es sein würde, auf sehr arme und vielleicht auch sehr kranke Menschen zu treffen. Was, wenn ich ihnen helfen wollte, aber nicht könnte?

Schon beim Vorstellungsgespräch wurde ich gefragt: 'Was machen Sie, wenn eine krebskranke Frau vor Ihnen steht. Wie reagieren Sie dann?'

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Und ich wusste nicht, ob ich es schaffen würde. Ich wusste nur, dass es auch richtig in die Hose gehen könnte.

Du denkst nur: Wie ungerecht ist diese Welt?

Am Anfang hatte ich fast mit jedem Mitleid, der zu mir kam. Jeder normale Mensch hätte das. Wenn beispielsweise eine alleinerziehende Frau mit ihrem Baby vor dir sitzt, die plötzlich von ihrem Mann verlassen wurde und keine Arbeit bekommt, weil sie gerade erst Mutter geworden ist. Dann denkst du dir: Wie ungerecht ist eigentlich die Welt? Ich muss ihr doch helfen.

Die meisten stellten sich als Opfer dar. Irgendwann merkte ich aber, dass manche von ihnen auch lügen und beispielsweise heimlich arbeiten.

Natürlich wird man nicht ständig verarscht. Aber wenn so etwas ein paar Mal hintereinander passiert, wird man vorsichtiger, skeptischer und hinterfragt mehr.

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Dass Kunden ausrasten, passiert nicht oft, aber es kommt vor. Bei mir war es mal ein Familienvater, der sich nicht an die Eingliederungsvereinbarungen des Arbeitsvermittlers hielt. Wer sich mehrfach weigert, sich auf Jobs zu bewerben und an die Vereinbarungen zu halten und das nicht begründet, der wird sanktioniert.

Dieser Vater wurde so weit sanktioniert, dass die Leistungen auf die Miete reduziert wurden. Der Lebensunterhalt war komplett gestrichen. Daraufhin kam er zu mir ins Amt gekommen und schrie mich an, wie das sein könne. Wir seien so böse, warf er mir vor.

Ich versuchte, ihm die Lage sachlich zu erklären, aber das half nicht viel. Währenddessen knallte er mehrfach absichtlich die Tür, bis er sich irgendwann wieder beruhigt hatte.

Eine Kollegin wurde einmal so sehr von einem Kunden angegangen, dass sie flüchten musste, weil er hinter ihren Schreibtisch kam. Er drängte sie in die Ecke. Sie wurde dann hysterisch und schrie. Schließlich hörte eine Kollegin auf dem Flur ihre Rufe. Ein Security zerrte den Mann dann mit Gewalt aus dem Gebäude. Körperlich war ihr nichts passiert. Aber sie zitterte. Und sie hörte nicht auf zu weinen.

Viele meiner Kollegen sind genervt

Diejenigen, die wirklich arm sind, haben oft einen schwierigen familiären Hintergrund. Sie kommen aus Familien, in denen sie nicht gewünscht waren, wurden als Kinder vernachlässigt, haben keinen Schulabschluss.

Ich habe Menschen kennen gelernt, die nicht einmal einfachste Jobs wie Putzen annehmen können, denen man bei allem unter die Arme greifen muss. Einfach, weil sie es nicht gelernt haben, ihr Leben alleine zu managen und zu strukturieren. Die fallen dann einfach aus dem Arbeitsmarkt heraus.

Viele meiner Kollegen sind genervt mit der Zeit und fangen an, das System in Frage zu stellen.

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Aber eigentlich macht es mich einfach nur traurig. Zum Teil gibt es einen richtigen Hartz-IV-Adel. Wenn die Oma schon Hartz-IV-Empfängerin war, geht das häufig von Generation zu Generation weiter. Eltern können ihren Kindern nicht erklären, welche Regeln und Werte es in der Gesellschaft gibt, dass es wichtig ist, zur Schule zu gehen, eine Ausbildung zu machen.

Sie suggerieren ihren Kindern, dass sie auch einfach von Hartz IV leben können. Für dieses Lebensverständnis können sie oft selbst nichts. Sie wissen es nicht besser, weil auch ihre Eltern schon so gelebt haben.

Ich glaube, die Politik macht da vieles falsch. Mit dem Hartz-IV-Gesetz werden die Menschen vom Amt abhängig gemacht. Ihnen wird jegliche Selbstverantwortung entzogen. Oft können sie gar nicht allzu viel dafür.

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Die Menschen werden immer abhängiger vom Amt

Ein Beispiel: Wenn ein Hartz-IV-Empfänger Mietschulden angesammelt hat, bekommt er von uns ein Darlehen. Für ihn bedeutet das, dass zehn Prozent seines Regelbedarfs gestrichen werden. Im Umkehrschluss aber auch, dass er sich nicht mehr um das pünktliche Zahlen der Miete kümmern muss, weil wir das dann direkt vom Amt aus erledigen. Somit hat der Empfänger noch weniger Eigenverantwortung. Und das kann doch nicht richtig sein, oder?

Die Menschen werden auf diese Weise immer abhängiger vom Amt, immer unselbstständiger. Sie entfernen sich immer weiter von der Lebensrealität.

Sie schaffen es nicht, aus dieser Spirale herauszukommen. Ich finde: Das muss sich dringend ändern. Wir müssen diesen Menschen helfen.

Von Lisa Knurz, Sachbearbeiterin im Jobcenter, Name geändert

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

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