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Der ultimative Guide zu den acht berühmtesten Deutschlandklischees

06/08/2015 17:48 CEST | Aktualisiert 06/08/2016 11:12 CEST

Nach fast 20 Jahren in Italien war mein erster richtiger Aufenthalt in Deutschland ein ganz schöner Schock: Ich musste mich mit all den Klischees und Missverständnissen herumschlagen, die beim Aufeinandertreffen zweier Kulturen so vorkommen und zumeist irreführend und kontraproduktiv sind. Daher beschloss ich, die deutsche Kultur eingehend zu studieren (d.h. ich saß in einem Biergarten, trank und beobachtete die Deutschen in ihrer natürlichen Umgebung).

Daraus hat sich mein ultimativer Guide zum Thema "Italiener im Ausland und ihr Deutschlandbild" entwickelt. Manchmal liegen den Klischees solide Erklärungen zugrunde, und manchmal eher nicht, aber diese Stereotype sind es definitiv wert, dass man ihnen auf den Grund geht. Meine Biergartenstudie kam zumindest zu den folgenden Erkenntnissen:

1. Italienisches Essen in Deutschland ist nicht dasselbe wie daheim: WAHR

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Trotz der italienisch klingenden Restaurantnamen, die von einigen wohl bekannten Bezeichnungen - wie z.B. Nonno Beppo, Zio Gigi oder Babbo Geppetto - begleitet werden, gibt sich das deutsche Essen meistens nur als italienische Spezialität aus. Ist eigentlich nie eine gute Idee, und ich habe meine Lektion gelernt: Italienisches Essen sollte man nur in Italien probieren, und nein, ihr könnt mir nicht weismachen, dass Leberkäse das Gleiche ist wie Mortadella, ganz egal, wie ihr es nennt!

2. Deutsche sind distanziert und unterkühlt: FALSCH

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Eines ist sicher: Deutsche halten nicht viel von öffentlichen Zuneigungsbekundungen und der Zurschaustellung von Gefühlen. Diese sind jedoch ein grundlegender Bestandteil italienischer Traditionen und Verhaltensweisen, die man aber nicht einfach so exportieren sollte: Mit innigen Umarmungen unter Freunden und Küsschen-rechts-Küsschen-links bei Bekannten sollte man sich lieber zurückhalten. Nein, das ist keine internationale Form der Begrüßung, ehrlich nicht.

Und sei nicht beleidigt, wenn ein Deutscher automatisch zurückweicht (oder schreiend die Flucht ergreift), wenn du ihm zu nahe kommst. Spar dir deinen emotionalen Überschwang lieber für die Rückkehr ins Bel Paese auf - oder aber für Volksfeste und ähnliche Gelegenheiten, wenn sogar die zurückhaltendsten Bayern plötzlich zu deinen besten Freunden mutieren und dich, wie ein moderner Dr. Jekyll und Mr. Hyde, zum ausgelassenen Mitsingen und Tanzen animieren.

3. Das Wetter ist schrecklich: WAHR

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Italien hat ein ideales Klima, das die optimale Versorgung mit Vitamin D garantiert, während die Temperaturen durchaus noch mild und angenehm sein können. Leider fällt uns das erst dann auf, wenn wir ins Ausland ziehen - und am besten während eines Sturms oder mitten im strömenden Regen ankommen. Warum nur wollte ich Italien je verlassen - warum?

4. In Deutschland gibt es keine Kunst: WAHR/FALSCH

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Viel zu oft erachten wir Italiener unsere historischen Altstädte als selbstverständlich, aber in Deutschland hat bei weitem nicht jede Stadt ein paar Kunstdenkmäler aus Marmor oder beeindruckende Architektur aus vergangenen Jahrhunderten zu bieten. Manchmal ist es sogar sehr schwer, einen Spaziergang vor historischer Kulisse zu machen oder einen Kaffee mit einem waschechten Meisterwerk im Hintergrund zu schlürfen. Es gibt ja gute Gründe, warum Touristen aus aller Welt nach Italien kommen, um das dortige Kulturerbe zu bewundern - nur Italiener scheinen sich dessen nicht wirklich bewusst zu sein!

5. Deutscher Kaffee ist erschreckend anders: WAHR

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Ein echter Macchiato steht in Deutschland auf der Liste der bedrohten Arten: Während ein anständiger Espresso schwer zu finden ist, so ist ein ordentlicher Macchiato (also ein Espresso mit köstlichem, cremigen Milchschaum in einem winzigen Tässchen) ungefähr so selten wie das Weiße Breitmaulnashorn. Und er ist nicht nur ein seltenes Gut, sondern wird auch immer häufiger von einer anderen Art verdrängt, dem so genannten „Milchkaffee", sprich: einem Kübel mit ca. einem halben Liter Kaffee und Vollmilch.

ACHTUNG: wenn man als Italiener in Deutschland beschließt, einen Macchiato zu bestellen, wird man unweigerlich „Latte Macchiato" vorgesetzt bekommen.

6. Deutsche sind äußerst effizient: WAHR/FALSCH

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In Deutschland scheint alles reibungslos zu funktionieren. Aber die Deutschen sind auch beim Streiken äußerst effizient, was natürlich eine gewisse Ineffizienz zur Folge hat. Auf jeden Fall kann man sich sicher sein, dass ein deutscher Streik sehr eindrucksvoll ist: Entweder gibt es eine Demonstration mit Trillerpfeifen, Musik und Luftballons, oder der Streik dauert eine Woche - oder er hat gar kein offiziell angekündigtes Ende. Alles in allem trauert man als Italiener da doch den ruhigen, eintägigen Streiks von zuhause nach.

7. Deutsche lieben Sandalen mit Socken: FALSCH

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Ich habe leider noch niemanden erspäht, der diese topmodische Kombi trug, aber ich bin mir sicher, dass viele Leute nur auf eine solche Gelegenheit warten. Das heißt noch lange nicht, dass sie dieses Outfit lieben (außer vielleicht, sie hegen irgendwelche geheimen, lange unterdrückten Wünsche...) - aber die Sehnsucht nach der Sichtung des Klischee-Deutschen bleibt - und sie bleibt unerfüllt, und der Rest der Menschheit atmet dankbar auf.

8. Italiener und Deutsche sind grundverschieden: WAHR

Alle Italiener in Deutschland leiden anfangs wahrscheinlich unter Kulturschock, da Lebensstil und Mentalität in der Tat grundverschieden sind. Aus Unterschieden kann man jedoch immer lernen.

Liebe italienische Landsleute, auch wenn uns allen in Deutschland ordentliches Essen, richtiger Kaffee und la mamma fehlen, sollten wir doch das Beste aus den positiven Seiten Deutschlands und der Deutschen machen und diese Erkenntnisse in unserem täglichen Leben umsetzen. Wie wäre es zum Beispiel, wenn wir zum nächsten Meeting pünktlich sind? Oder wenigstens keine zwei Stunden zu spät?

Lisa Fontana zog aus einer Kleinstadt in den Alpen Italiens, in den Münchner Großstadtdschungel. Auch wenn sie immer noch von ihrer norditalienischen Heimat träumt, liebt sie Bayern und das bayerische Bier, Fremdsprachen und internationale Delikatessen. Zurzeit genießt sie ihr letztes Unisemester sowie den ersten Vorgeschmack auf den Ernst des Erwachsenenlebens: Neben dem Studium absolviert sie ein Praktikum bei InterNations, dem weltweit größten Netzwerk für alle, die im Ausland leben und arbeiten.


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