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Warum ich meine Kinder nicht in die Schule schicke

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GARDEN
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Teenager bewirtschaftet eigenen Garten versus Schulbank: Eines unserer Mädchen (14) bewirtschaftet absolut selbstständig und eigenverantwortlich ihren eigenen Garten. Wir sind begeistert!

Sie hat soviel in diesem "Gartenjahr" gelernt! Jetzt erntet sie, im wahrsten Sinne des Wortes, was sie gesät hat! Welch ein Gefühl, wenn man die eigene Gurke isst, die man zuvor gehegt, gepflegt und gegossen hat. Kletterhilfen für sie gebaut und Unkraut gerupft hat!

Mit stolz geschwellter Brust bringt sie uns jeden Tag ihre Salate, Tomaten, Auberginen und Gurken.

Nebenbei lernt sie Mathematik, denn sie berechnet, was wir als Familie einsparen, weil wir nun diese Dinge nicht auf dem Markt kaufen müssen.

Sie überschlägt, wie viel Ertrag eine Pflanze bringt. Damit weiß sie im nächsten Jahr, wie viel sie anbauen muss, um den selben oder einen höheren Ertrag einzufahren.

Dazu muss sie nun kalkulieren, wie viel Anbaufläche sie benötigt. Und vieles mehr an Lernpotential ist in dieser Gartenarbeit enthalten. Freilernern kann so bunt und kreativ sein. Und vor allem ganz nebenbei das Selbstvertrauen erheblich stärken.

Ein Kind, dass einen eigenen Beitrag für die Familie leisten kann, fühlt sich wichtig und gebraucht.

Und es wird so auch weiterhin seine Fähigkeiten und Gaben ausbauen, um sie für sich und andere einzusetzen. Und ein Mensch der gelernt und erfahren hat, was hinter einer Tomate für Arbeit und Einsatz steckt, wird diese ganz anders ehren und wertschätzen.

Lernen in der Schule hingegen

Klar lernen Freilerner manche Dinge nicht, die andere in der Schule lernen. Aber sie lernen wiederum vieles, was die Kinder in der Schule nicht lernen! Das hält sich mindestens die Waage.

Denn das Grundschulwissen ist gar nicht so umfangreich.

Wobei ich persönlich glaube, dass Freilerner (zumindest unsere) lebenswichtige Dinge lernen, die Schulkinder kaum in der Schule lernen. Unsere Kinder kommen als Selbstversorger mit ganz anderen Themen in Kontakt und lernen sie, ohne es zu merken.

Das macht sie lebens"tüchtig". Weil sie eine Kompetenz in lebensnahen oder lebensdirekten Gebieten aufbauen. Schulkinder hingegen lernen viele abstrakte Sachen, die nichts unmittelbar mit ihrem Leben zu tun haben. Daher ist ein solches Lernen für mich persönlich wie Pappe essen. Füllt zwar den Magen - mehr aber auch nicht. Es nährt nicht! Es ist leer. Pappe eben.

Ja - ich pauschalisiere. Ich empfinde jedoch die Einrichtung Schule als ein künstlich angelegtes Dingsbums. Es hat in meinen Augen nichts Natürliches. Es ist ein künstlich erschaffener Ort, an den Kinder zwangsweise geschickt werden. Dort werden sie dann, ebenso künstlich und mit meist theoretisch Wissen, zwangsgefüttert. Alles Pappe! Alles leer, gehaltlos, fade.

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Die vielen JA ABERS

Würden wir als Erwachsene an solch einen Ort geschickt werden, würden wir rebellieren - oder aber doch nicht. Denn viele Erwachsene empfinden im Nachhinein die Schule nicht als schädlich.

Ich glaube schlichtweg, dass man vieles verdrängt, beziehungsweise sich nicht bewusst macht, was Schule bewirkt (hat). Es ist so normal in unseren Köpfen, dass man zur Schule geht. Der Glaubenssatz "Schule ist wichtig" ist bis in die Gene bei uns eingedrungen, scheint mir.

Während ich diese Zeilen schreibe, höre ich schon die vielen "JA ABER". Meistens von Menschen, die den Text nicht ganz lesen und sich ein schnelles Urteil anhand der ersten Zeilen oder nur der Überschrift leisten.

Oder aber von unreflektierten Menschen, die sich nicht die Mühe machen, tiefer zu schauen. Sie haben Glaubenssätze, an die sie sich klammern wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm.

JA ABER man braucht eben den Druck den die Schule gibt, schließlich ist das dann im Berufsleben auch nicht anders!

Am besten wir fangen dann bereits im Säuglingsalter damit an, so richtig Druck zu machen! Warum so lange warten? Im Ernst?! Druck bewirkt Druck. Genau das geschieht hier. Wir als Erwachsene erleben Druck und geben den dann an unsere Kinder weiter? Wirklich?

Ist das die Lösung? Vielleicht läge die wirkliche Lösung ganz woanders? Druck ist selten gut und bewirkt noch seltener Gutes. Es ruft Leistung ab - unbestritten. Aber darüber hinaus macht es Menschen kaputt.

Das alles ist der Preis den die Leistungs- und Konsumgesellschaft eben fordert. Die Frage ist, ob man das mitspielen will und seine Kinder als Kanonenfutter darauf vorbereitet, verheizt zu werden?! Immer mehr Eltern sagen genau dazu entscheiden NEIN - ohne ABER.

JA ABER man kann doch nicht immer nur das machen, was man will!

Warum denn nicht? Wer sagt uns das? Ich glaube, dass man (fast) immer nur genau das tut, was man auch will! Wer sich in der Schule für ein bestimmtes Thema nicht interessiert, wird es nicht lernen, weil er es nicht will.

Er wird es maximal kurz inhalieren, um es dann bulimiemäßig wieder zu erbrechen. Da findet keine Verinnerlichung statt und alles bleibt an der Oberfläche. Nicht umsonst fallen die meisten Erwachsenen durch einfache Schultests durch.

Probier es selbst einmal aus und schreibe den Mittlere Reife Test nach. Du wirst erstaunt sein, wie wenig Du noch weißt. Und das sind alles Dinge, die Du (scheinbar) gelernt hast! Unterm Strich hast Du nur Lebenszeit vergeudet.

Und genau das wollen wir unseren Kindern antun? Dass sie sich mit Dingen beschäftigen, die sie einen Nullinger interessieren und die sie in kürzester Zeit auch nicht mehr abrufen können?

JA ABER so einfach geht das nicht, wenn man immer nur lernt, was einen interessiert!

Doch! Genau so einfach geht das! Viel einfacher, als Kinder stundenlang, tagelang, jahrelang zu zwingen, sich mit Themen auseinanderzusetzen, die sie nicht betreffen oder noch nicht betreffen.

Es macht solche Freude, zuzuschauen und zu beobachten, wie junge Menschen in ihrer Kraft sind und das entfalten und zum Vorschein bringen, was in ihnen angelegt ist.

Im übertragenen Sinne kann ein Igel ein Igel sein und ein Elefant ein Elefant. Ein Vogel darf fliegen und muss nicht auf dem Boden schlängeln, wie eine Schlange und diese wiederum wird nicht dazu gezwungen zu fliegen!

JA ABER es ist wichtig, dass man lernt, sich durchzusetzen im Leben!

Da sind wir einer Meinung. Wer nach seinen Interessen lebt, der wird auch an diese Schwellen treten. Im Unterschied jedoch zu einer erzwungen Maßnahme geht man mit solch einer schwierigen Situation dann aber auch ganz anders um.

Wer sich freiwillig entscheidet, einen Marathon zu laufen, nimmt also die Tortour freiwillig auf sich. Wer aber hin geprügelt wird, tut sich logischer Weise sehr viel schwerer damit.

JA ABER das Leben ist kein Ponyhof!

Kann es aber sein! Und was bitte ist ein Ponyhof? Auch auf dem muss man Ponyäpfel einsammeln, fällt manchmal vom Gaul oder ein Pony stirbt. Wir haben die Möglichkeit unser Leben zu gestalten.

Solange man allerdings an solchen überholten Aussagen festhält, wird genau das unser Leben bestimmen. Mittlerweile leben uns immer mehr Familien etwas anderes vor. Es gibt ein Leben auf dem Ponyhof

JA ABER man verbaut doch den Kindern den Weg, wenn sie nicht zur Schule gehen!

Das Gegenteil ist in meinen Augen der Fall! Kinder, die zur Schule gehen, werden standardisiert und zurechtgerückt. Kinderseelen werden durch Beurteilungen gebrochen und ihr eigener Lerneifer und ihre Neugierde gestutzt.

Sie werden in ein Korsett gesteckt und verlieren die Verbindung zu sich selbst, zu eigenen Interessen und zur Eigenverantwortung.

Ein Kind, das frei lernen kann, ist und bleibt FREI. Frei im Denken, Fühlen und Handeln. Sie lernen eigenverantwortlich mit Lernfreude und ungebrochen. Solche Menschen braucht unsere Gesellschaft. Gleichgetaktete Menschen haben wir zu genüge!

JA ABER das ist doch unverantwortlich, wenn Kinder nichts lernen!

Wer so etwas sagt, hat die Grundessenz des FreiLERNENS nicht verstanden. Es geht nicht darum, dass die Kinder nichts lernen! Das geht schlichtweg nicht! Man kann nicht nicht lernen.

Unmöglich! Jeder Mensch ist von der ersten Minute seines Lebens bestrebt zu lernen. Kinder lernen bis zum Schulalter so viele Dinge! Unglaublich, was sie alles verinnerlichen, ohne unterrichtet zu werden. Mit Schuleintritt HÖRT DAS NATÜRLICHE LERNEN fast gänzlich auf, weil sie ab dann (warum auch immer?!) gezwungen werden, Dinge zu lernen.

Ich selbst habe Schule nie als destruktiv empfunden. Erst bei genauerem Hinsehen habe ich erkannt, dass mein Charakter sehr wohl (negativ) beeinflusst wurde von der Schule. Erst wenn man einen Schritt zurück geht und sich die Schulwelt aus einem gewissen Abstand ansieht und seine eigenen Gedanken und Gefühle zulässt, kann man, glaube ich, erkennen, dass kaum jemand wirklich ohne jegliche Blessuren durch die Schulzeit gegangen ist.

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Und in der Reflexion all dessen ist es mir als Mutter wesentlich lieber, dass meine Kinder wissen, wie man mit Lebensumständen umgeht, als dass sie irgendeine mathematische Formel kennen, die sie nie benötigen werden.

Und aus meiner Sicht als Freilernermutter kann ich sagen: Wie schön ist es, meine Kinder über das 6. Lebensjahr hinweg frei aufwachsen zu sehen. Mit ungebrochenem Herzen und zu erleben, wie sie ihre Begabungen mehr und mehr entfalten.

Aus Freilernerkindern werden FREILEBER. Was ist der Sinn des Lebens? Glücklich zu sein. Und dazu gehört Freiheit. Geben wir unseren Kindern die Freiheit wieder zurück und lassen sie ein selbstbestimmtes Leben führen! Oder lassen es zumindest den Familien zu, die es wollen und die Möglichkeit dazu haben, ohne sie weiterhin zu kriminalisieren.

Erich Kästner hat ähnliche Gedanken gehabt, siehe dieses Video.

Wer mehr von uns erfahren will findet unseren Blog Wildnisfamilie hier.

Mein Buch zu diesem Thema heißt "Wildwuchs statt Baumschule".

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