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10 brutale Wahrheiten über das Leben als Stiefmutter

27/09/2014 08:57 CEST | Aktualisiert 27/11/2014 11:12 CET

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Ein kurzer Blick auf meine Blog-Biographie verrät, dass ich eine Stiefmutter bin - allerdings schreibe ich fast nie darüber.

Ich hatte viele ausschlaggebende Gründe, einen weiten Bogen um dieses Thema zu machen. Erstens bin ich ja nicht die Mutter meiner Stieftöchter, und wenn ich es wäre, wäre ich vermutlich nicht sonderlich glücklich darüber, wenn ihre Stiefmutter auf ihrem Blog über deren Leben schriebe.

Zweitens waren meine Stieftöchter die meiste Zeit über, seitdem ich blogge, Teenager und sie hätten es mit Sicherheit weder nötig gehabt noch gewollt, dass ich in dieser empfindlichen Zeit ihres Lebens über sie schreibe.

Drittens ist das Schreiben über Stiefelternschaft, wenn man sich selbst in ihren Schützengräben befindet, so als ob man über eine Scheidung schreiben würde, die man selbst durchmacht - die Emotionen kochen hoch und nur sehr wenige Autoren sind in der Lage, sich mit Würde und Objektivität durch das Thema durchzulavieren.

Und wer würde gern darüber schreiben?

Der Fairness halber - die Dinge haben wunderbar begonnen. Meine Stieftöchter und ich haben uns vom ersten Moment an verstanden und die ersten zwei Jahre Patchwork-Familie waren einfach toll. Aber dann kam die Pubertät. Und die Mädchen wohnten nun sieben Tage die Woche bei uns. Und ich hatte zwei eigene kleine Kinder. Auf einmal hatte ich das Gefühl, meine Beziehung zu meinen Stieftöchtern würde auseinanderfallen - und nichts, was ich tat oder nicht tat schien dieser Situation Abhilfe verschaffen zu können. Ich dachte, es sei alles meine Schuld und war ob meines Versagens so beschämt, dass ich über Jahre hinweg niemandem erzählte, was vor sich ging. Rückblickend war das ein RIESIGER Fehler. Erst vor wenigen Jahren habe ich mein Gefühl des Scheiterns einem Berater anvertraut, der mich prompt darüber aufklärte, dass das, was meine Familie und ich durchmachten, in Wirklichkeit sehr, sehr verbreitet war. Es gibt fast immer eine Schonzeit, meinte er. Und dann bricht die Hölle los.

Ernsthaft? Warum hatte ich davon nichts gewusst?

Irgendwie haben wir uns alle durch die Jugendzeit gekämpft und es ans andere Ufer geschafft. Heute haben mir Zeit und Therapie zu einer dringend benötigten Perspektive verholfen, und nun, da meine älteren Mädchen schon so gut wie eigenständig sind, fühle ich mich bereit, auf meinem Blog mehr über dieses Thema zu schreiben - was eine gute Sache ist, denke ich, denn ich bekomme sehr viele E-Mails von Stiefmüttern, die um Rat fragen. Vorweg möchte ich aber anmerken, dass ich dieses Thema und seine Details lediglich auf MEINE Geschichte einschränke, und die Geschichten meiner Stieftöchter oder ihrer Mutter nicht miteinbeziehen werde. Diese können sie erzählen, wenn sie möchten.

Also, beginnen wir mit zehn brutalen Wahrheiten, die ich in meinen elf (und es werden immer mehr) Jahren als Stiefmutter gelernt habe - Wahrheiten, die jede neue Stiefmutter, oder Frau, die auch nur darüber nachdenkt, Stiefmutter zu werden, in Erwägung ziehen sollte. Du kannst ihnen zustimmen - oder anderer Meinung sein. Das ist in Ordnung. Es sind lediglich Dinge, die ich von meiner Erfahrung gelernt habe.

1. Du bist nicht ihre Mutter. Und auch nicht ihre „Bonus Mama". Selbst wenn dein Mann das primäre Sorgerecht für die Kinder hat. Selbst wenn ihre biologische Mutter sie selten sieht. Selbst wenn sie dich Mama NENNEN. Mache nicht den Fehler, im Grunde deines Herzens zu glauben, dass du die gleichen Rechte und Privilegien hättest wie die Frau, die sie geboren hat, denn das hast du nicht. Du kannst eine bedeutungsvolle, zärtliche, einflussreiche Beziehung zu deinen Stiefkindern haben, aber es wird eine andere sein, wie die zwischen einer Mutter und ihrem Kind. Das ist okay. Nimm sie an, und mach das Beste draus.

2. Schweigen ist die beste Strategie. Wir leben in einer Welt, in der jeder liebend gern Luft ablässt: Ob auf Facebook, über das Telefon oder bei einem Frauenabend, lasst es euch von mir gesagt sein - niemand hört gerne einer Stiefmutter zu, wie sie sich über die Exfrau ihres Mannes oder ihre Stiefkinder auslässt. Eine Scheidung ist eins der niederschmetterndsten Dinge, die man jemals erleben kann, und niemand braucht von dir zu hören, wie die Exfrau mit der Situation umgeht oder wie ihre Kinder sich im Nachspiel der Scheidung benehmen. Einer der härtesten Aspekte eine Stiefmutter zu sein, ist die Notwendigkeit über den schwierigen Kram und wie er auf dich wirkt, Schweigen zu bewahren. Wenn du es raus lassen musst, beschränke dich auf einen nahestehenden, zuverlässigen Freund, oder noch besser, erzähle deine Gedanken einem Berater oder Therapeuten. Was uns zu Nummer drei bringt.

3. Finde einen Berater oder Therapeuten, auch wenn du denkst, du brauchst keinen. Mein Mann und ich haben erst einen Therapeuten aufgesucht, als wir bereits acht Jahre verheiratet waren, was ein großer Fehler war. Zur ersten Beratung bin ich mit dem Gedanken gegangen, dass ich eine schreckliche Stiefmutter sei und dass unsere Probleme mit der Erziehung der Mädchen für uns einmalig und unüberwindbar seien, und weißt du, was der Berater uns gesagt hat? „Ihr beiden macht das toll! Wisst ihr, dass ich eure exakt gleichen Probleme von fast jeder Patchwork-Familie höre, die in dieses Zimmer kommt? Seid ihr euch bewusst, dass 70 % aller Ehen in Patchwork-Familien scheitern? Ihr habt es fast geschafft! IHR MACHT DAS TOLL!" Das zu hören, hatte ich wirklich gebraucht. Zu einem Therapeuten zu gehen, hat mir geholfen, damit aufzuhören mich selbst fertig zu machen sowie einzusehen, dass das, was wir durchmachen tatsächlich NORMAL ist. Für mich hat das alles verändert. Du musst vielleicht mehrere Therapeuten aufsuchen, bevor du einen findest, der für dich passt. Sei darauf gefasst, dich erst etwas umzusehen, bis du jemanden gefunden hast, bei dem du und dein Mann euch wohlfühlt.

4. Es ist okay, einen Schritt zurück zu machen. Das war anfangs sehr schwierig für mich, denn ich dachte, meine Mädchen wollten, dass ich mich wie ihre Mutter verhalte. FALSCH. Erinnerst du dich an Nummer eins? Ich bin nicht ihre Mutter und sich zu verhalten, als sei ich es, hat vermutlich auf beiden Seiten Unmut und Verwirrung hervorgerufen. Ich glaube, eine gute Stiefmutter steht physisch/emotional zur Verfügung, wenn ihre Stiefkinder sie brauchen und wollen, dass sie es tut. Und sie zieht sich zurück und wird zu einer Unterstützerin hinter den Kulissen für die Erziehung ihres Mannes, wenn sie es nicht wünschen.

5. Schütze deine Ehe um jeden Preis. Du und dein Ehemann müsst eure gegenseitige Zuflucht sein, insbesondere wenn du mit deinen Kindern oder Stiefkindern Probleme hast. Wenn bestimmte Aufgaben der Kindererziehung euch auseinanderzubringen drohen, versuche ganz genau festzulegen, was deiner Ehe schadet und beschütze deine Beziehung in diesem Bereich ohne Umschweife und unnachgiebig. Ein Berater kann wunderbar sein, um dir dabei zu helfen. Letztendlich werden von dem eifrigen Beschützen deiner Ehe alle profitieren - deine Stiefkinder müssen sehen, dass du und dein Mann zusammen bleibt und für eure Beziehung kämpft, auch wenn die Zeiten schwierig sind. Sie werden lernen, eines Tages das Gleiche zu tun.

6. Vergleiche dich nicht mit anderen Stiefeltern. Du wirst anderen Stiefmüttern begegnen, die schlichtweg nicht aufhören können, davon zu schwärmen, wie toll ihre Beziehung zu ihren Stiefkindern ist. „Sie erzählen mir ALLE ihre Geheimnisse!", wird es aus ihnen hervorschießen. „Sie haben mir gesagt, sie sehen mich als ihre ECHTE MAMA!" „Sie haben die ganze Stadt überredet, mir zu Ehren eine Parade zu geben!" Etc. Lass dich davon nicht beeindrucken. Weißt du noch, was ich davor gesagt habe? Über 70 % Prozent der Patchwork-Familien scheitern. Mädel, du brauchst keine Parade. Du hältst alles zusammen. Du machst das toll.

7. Verzichte auf gegenseitige Schuldzuweisungen. Vielleicht hast du so wie ich, zu viel Zeit damit verbracht, dich für deine Unzulänglichkeiten als Stiefmutter zu geißeln. Oder vielleicht denkst du, dass an deinen Eheproblemen deine Stiefkinder schuld sind. Vielleicht denkst du sogar, dein Mann ist schuld, weil er sich immer auf ihre Seite zu stellen scheint. Realistisch gesehen, seid ihr wahrscheinlich ALLE für die Probleme in euren Beziehungen verantwortlich. Du kannst nicht die Anderen ändern, aber du kannst dich ändern. Arbeite daran und hoffe, dass deine Bemühungen auch die anderen in deiner Familie dazu inspirieren, es stärker zu versuchen.

8. Vergib dir selbst. Stiefmutter, lass uns erst mal etwas klarstellen. Du wirst viele Fehler machen. Wirklich, sehr VIELE Fehler. Bitte mach es nicht wie ich und verbringe Jahre damit, dich selbst davon zu überzeugen, dass mit dir etwas nicht stimmt, weil du alles zu vermasseln scheinst. Vergib dir selbst. Immer und immer wieder. Vergib dir selbst und mach weiter.

9.Du kannst nicht reparieren, was du nicht kaputt gemacht hast. Mein eigener Stiefvater hat mir das vor einigen Jahren gesagt. Ich wünschte, ich hätte es viel früher gehört, weil ich Jahre damit verbracht habe, zu versuchen, alles Mögliche in Ordnung zu bringen. Ich dachte wirklich, ich könnte für alles und jeden eine Lösung finden, wenn ich mich nur genug anstrenge. Was für eine Energieverschwendung. So viele Probleme gemischter Familien resultieren aus der Scheidung, mit der die Stiefmutter (hoffentlich) gar nichts zu tun hatte. So wundervoll wie du bestimmt auch bist, kannst du das nicht alles richten...

10. Bleib dran und wisse, dass du als besserer Mensch hervorkommen wirst. Jetzt, da ich meine Stieftöchter großgezogen habe und Zeit hatte, auf diese Erfahrung zurückzublicken, fühle ich mich, als hätte ich einen Spießrutenlauf enormer emotionaler Herausforderungen hinter mich gebracht und wäre wahrhaft verändert durch die Ziellinie gelaufen. Ich bin weiser. Ich bin milder mit mir selbst. Ich bin zurückhaltender damit, andere zu verurteilen. Ich bin eine weitaus bessere Ehefrau und Mutter als ich es ohne meine Stieftöchter wäre. Unsere Familie befindet sich immer noch in Arbeit, aber das Schlimmste liegt hinter uns. Wir haben es geschafft. Und diese Erfahrung hat sich letztendlich als uns verbindender Punkt für meinen Mann und mich herausgestellt.

Ich möchte das Leben als Stiefmutter sicherlich nicht wie ein Untergangsszenario aussehen lassen, weil es das nicht ist. Wir hatten viele, viele wunderbare Zeiten miteinander. Ich würde viele Dinge ändern, die ich als Stiefmutter getan habe, wenn ich in der Zeit zurück könnte, aber ich würde meine Patchwork-Familie niemals aufgeben. Ich glaube immer noch, dass ich aus einem bestimmten Grund hier bin. Wir sind alle unvollkommen. Wir alle haben das Potential außergewöhnlich zu sein. Wir arbeiten alle auf dieses Potential hin, in unserem eigenen Tempo und in unserer eigenen Weise. Währenddessen lernen wir mehr übereinander. Wir sind alle verkorkst, aber weißt du was? Wir sind eine Familie.

Wir sind eine Familie.

Und letzten Endes ist es das, was zählt.

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Bold von Zaman Babu/Flickr Creative Commons

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