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Früher wollte ich um jeden Preis Kinder, doch dieser Moment änderte alles

13/04/2017 17:57 CEST | Aktualisiert 13/04/2017 18:03 CEST
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Keine Kinder zu bekommen hat nichts mit Egoismus zu tun und es ist auch nicht automatisch der schlechtere Lebensentwurf.

Nächstes Jahr im Januar werde ich Dreißig. Ich bin glücklich verheiratet und habe ein Haus, meinen Traumjob und eine riesige Dogge, die ich über alles liebe. Mein Mann und ich haben zwar noch nicht komplett herausgefunden, was Erwachsensein wirklich bedeutet - schafft das eigentlich überhaupt jemand? - doch wir sind mit dem Leben, das wir uns erarbeitet haben, bisher ziemlich zufrieden.

Wir leben den amerikanischen Traum gepaart mit unseren eigenen Träumen. Wir führen zwar ein relativ einfaches Leben, doch für uns ist es genau das Richtige.

Ein letztes Puzzleteil fehlt uns momentan aber noch, denn wir sind 29 Jahre alt und haben noch keine Kinder.

Wir wollen uns mit dem Elternwerden noch ein wenig Zeit lassen, obwohl ich selbst oft darüber nachdenke und auch regelmäßig von Anderen daran erinnert werde, dass meine biologische Uhr tickt.

Wir wollen erst einmal unser eigenes Leben ohne Kinder entdecken

Als Teenager hatte ich eine sehr konkrete Vorstellung davon, wie mein Leben als Erwachsene später einmal aussehen würde. Ich würde vier Jahre lang aufs College gehen und dann meinen Traumjob finden. Danach würde ich heiraten und in eine hübsche Wohnung ziehen.

Und am Ende hätte ich dann irgendwann mein Traumhaus mit drei Schlafzimmern, einer Veranda und einem weißen Gartenzaun. Mein Plan war es, mit Anfang zwanzig mein Leben zu genießen, mit Freunden auszugehen und viel herumzureisen. Mit Ende zwanzig wollte ich dann eine Familie gründen und mit dreißig mindestens zwei Kinder haben.

Als ich jedoch älter wurde, stellte ich fest, dass vieles einfach anders kommt als geplant. Okay, der Fairness halber muss ich zugeben, dass bei mir schon so einiges nach Plan lief. Vieles kam tatsächlich genau so, wie ich es mir vorgestellt hatte: erst die Hochzeit, dann die Wohnung und jetzt unser Haus.

Und trotzdem läuft mein Leben als Erwachsene nun doch nicht in den geordneten Bahnen, die ich mir ursprünglich vorgestellt hatte. Wir schlagen auf unserem geplanten Weg immer wieder mal eine völlig neue Richtung ein und es gibt noch immer Momente, in denen wir uns fragen, was zum Teufel wir da eigentlich gerade tun. Manchmal haben wir das Gefühl, dass wir vom Erwachsensein so viel Ahnung haben wie zwei Fünfzehnjährige.

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Was wir absolut nicht erwartet hätten, ist die Tatsache, dass wir mit Ende zwanzig noch längst nicht müde sind, Neues zu entdecken. Irgendwie sind wir immer davon ausgegangen, dass wir mit Ende zwanzig bei uns angekommen sein würden und dass uns bis dahin klar wäre, was wir vom Leben wollen.

Wir dachten, dass wir dann auch bereit dafür wären, unser Wissen mit unseren Kindern zu teilen. Wir hatten uns unseren dreißigsten Geburtstag zum Ziel gesetzt, weil wir dachten, dass dies von uns erwartet würde. Wir ließen uns unter Druck setzen, weil andere Leute uns immer wieder auf unsere stetig abnehmende Fruchtbarkeit hinwiesen und uns erzählten, wie großartig die Liebe eines Kindes doch ist.

Wir sind noch nicht bereit, unser jetziges Leben aufzugeben

Wir hatten den Eindruck, dass wir noch vor unserem dreißigsten Geburtstag eine Familie gründen mussten, wenn wir ernsthafte Konsequenzen vermeiden wollten. Wir dachten, dass wir endlich mit dem Kinderkriegen loslegen sollten, weil es wissenschaftlich erwiesen ist, dass die Chance auf eine Schwangerschaft mit zunehmendem Alter immer geringer wird und weil all unsere Freunde auch bereits Kinder hatten. Naja, und weil es außerdem ja auch der nächste logische Schritt war.

Manchmal höre ich das leise Ticken meiner biologischen Uhr und dann frage ich mich, ob ich mich nicht vielleicht doch etwas beeilen sollte. Was, wenn wir zu lange warten, und dann keine Kinder mehr bekommen können?

Was, wenn wir irgendwann Kinder bekommen und uns dann wünschen, wir hätten sie schon früher bekommen? All diese Fragen sind durchaus berechtigt und man sollte sich über diese Themen auf jeden Fall Gedanken machen.

Wir sind jedoch einfach noch nicht bereit, das Leben aufzugeben, das wir gerade führen. Denn wir sind gerade richtig zufrieden mit unserem Leben. Wir genießen unsere Freiheit und wir wollen uns zum einen selbst erst einmal richtig kennenlernen und zum anderen auch noch herausfinden, wer wir als Paar eigentlich sind. Uns ist klar, dass Kinder eine ganz neue Art von Glück bedeuten, doch wir sind auch jetzt schon ziemlich glücklich. Und wir sind einfach noch nicht soweit, diesen Schritt zu gehen.

Es war die einzig vernünftige Entscheidung

Uns ist klar, dass Kinder eine ganz neue Art von Glück bedeuten, doch wir sind auch jetzt schon ziemlich glücklich. Und deshalb haben wir eine vernünftige Entscheidung getroffen.

Wir blenden das Ticken unserer biologischen Uhr aus und hören nicht mehr auf die Kritiker, die uns einreden wollen, dass wir endlich an der Familienfront Gas geben sollten. Uns ist klar geworden, dass diese Entscheidung allein bei uns liegt.

Denn wir wissen, dass es keinen Grund zur Eile gibt, auch wenn viele das vielleicht anders sehen. Irgendwann werden wir bereit dafür sein - und zwar genau dann, wenn wir es auch wirklich wollen. Es ist völlig in Ordnung, dass wir uns auf unserem Weg erst noch einmal ein paar schöne Dinge ansehen wollen.

Wir sind jetzt schon bald sechs Jahre kinderlos verheiratet und ich genieße die Vorteile, die es mit sich bringt, wenn man sich mit dem Kinderkriegen noch ein wenig Zeit lässt.

Ich musste leider feststellen, dass kinderlose Paare oft als Außenseiter betrachtet werden. Und obwohl immer mehr Frauen sich mit dem Kinderkriegen Zeit lassen, gilt es nach wie vor als Makel, verheiratet zu sein und keine Kinder zu haben.

Mehr zum Thema: Zwischen Hilflosigkeit, Angst und Selbstbestimmung - Die Zustände in deutschen Kreißsälen sind erschreckend

Auch wenn sie das nicht mit Absicht tun, geben uns Paare mit Kindern oft das Gefühl, dass wir nicht richtig dazugehören und dass in unserem Leben noch etwas ganz Entscheidendes fehlt. Manchmal fühlen wir uns deshalb minderwertig.

Und es kommt auch immer wieder vor, dass wir uns Egoismus vorwerfen lassen müssen. Sie sagen uns, dass wir etwas verpassen und dass wir ohne Kinder weder die Tiefen noch die Höhen des Lebens wirklich kennen.

Der Zeitpunkt hängt nicht von den Kerzen auf meiner Geburtstagstorte ab

Irgendwann werden wir bereit dafür sein - und zwar genau dann, wenn wir es auch wirklich wollen. Doch aufgrund dieser Erfahrungen habe ich mir eines vorgenommen: Wenn wir selbst einmal Kinder haben, werde ich kinderlose Paare definitiv anders behandeln. Keine Kinder zu bekommen hat nichts mit Egoismus zu tun und es ist auch nicht automatisch der schlechtere Lebensentwurf.

Natürlich finde ich es schön, dass mit Kindern alles anders wird und mir ist auch klar, dass ich im Moment noch gar nicht wirklich mitreden kann. Ich weiß jedoch auch, dass manche Menschen für ein erfülltes Leben keine kleine Hand in ihrer eigenen spüren müssen. Wir müssen lernen, die Lebensentwürfe von Anderen zu akzeptieren und sollten uns stattdessen lieber auf unsere eigenen konzentrieren.

Ich lasse mich nicht mehr drängen

Darüber hinaus ist mir noch etwas viel Bedeutenderes klargeworden: Ich lasse mich nicht mehr von irgendwelchen willkürlich gelegten Fristen zu wichtigen Entscheidungen drängen. Ich werde nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt Kinder bekommen, weil mir das als Teenager einmal so vorschwebte.

Wann ich Kinder bekomme, hängt nicht von der Anzahl der Kerzen auf meiner Geburtstagstorte ab. Ich lasse mich beim Thema Kinderkriegen nicht von der Fragerei und dem Drängen von Anderen beeinflussen.

Die Entscheidung, wann wir für den nächsten Schritt bereit sind, liegt einzig und allein bei meinem Mann und mir. Wenn es noch vor meinem dreißigsten Geburtstag passiert, ist es toll. Und wenn es erst danach passiert, ist es auch super. Wir werden uns mit den Folgen dieser Entscheidung auseinandersetzen, wenn es soweit ist.

Mehr zum Thema: "Ich bin einsam, egal wie viele Menschen um mich herum sind" - der Alltag einer hochsensiblen Person

Wir haben nur eine einzige Chance, unser Leben so zu gestalten, wie wir es uns wünschen. Wir sollten lernen, nicht mehr auf das Ticken der Uhr und auf die Meinungen Anderer zu hören, weil uns das nur unnötig unter Druck setzt. Stattdessen sollten wir viel lieber auf etwas ganz Anderes hören - und zwar auf unser Herz.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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