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Warum arme Menschen schlechte Entscheidungen treffen

12/01/2016 15:24 CET | Aktualisiert 12/01/2017 11:12 CET
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Wer arm ist, hat mit höchster Wahrscheinlichkeit etwas falsch gemacht... die falschen Entscheidungen getroffen. Natürlich überschneiden sich Armut und falsche Entscheidungen nicht zu 100 Prozent. Manchmal hat man einfach auch Pech. Aber es gibt Beobachtungen, die den Zusammenhang der beiden Faktoren erklären. Und die sollte man beachten: Denn zu oft betrachten wir die akademischen Probleme der Armut ohne nach dem "Warum" zu fragen.

Wir wissen was und wie und sehen die Probleme des Systems, aber selten spricht ein armer Mensch selbst über seine Situation. Und das tue ich hier und jetzt.

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Erholung ist ein Luxusgut für die Wohlhabenden. Ich stehe um 6 Uhr auf, gehe zur Uni (ich habe einen vollen Stundenplan, gehe aber nur zu zwei Kursen mit Anwesenheitspflicht), dann arbeite ich, anschließend hole ich die Kinder ab, hole meinen Mann ab und dann bleibt mir eine halbe Stunde, um mich für meinen zweiten Job fertig zu machen.

Gegen 0.30 Uhr komme ich von der Arbeit wieder nach Hause. Dann muss ich mich noch um meine Kurse und die restliche Arbeit kümmern, und gegen 3 Uhr gehe ich ins Bett. So sieht nicht jeder Tag bei mir aus, an zwei Tagen in der Woche habe ich frei.

An diesen Tagen kümmere ich mich um den Haushalt, sehe die Kinder mal länger als nur eine Stunde, gönne mir einen Drink und kümmere mich um die Hausaufgaben für die Uni. An diesen Tagen gehe ich gegen Mitternacht ins Bett.

Wenn ich aber zu früh ins Bett gehe, dann halte ich die anderen Nächte nicht durch, weil dann mein Rhythmus im Eimer ist. Ich fahre eine Stunde mit dem Auto von Job 2 nach Hause. Ich kann es mir nicht erlauben, dann schläfrig zu sein.

Ich nehme mir nie frei, es sei denn, ich bin krank. Ich kann nicht groß darüber nachdenken, warum ich das eigentlich alles tue. Ich funktioniere einfach. Ein großer Plan ist nicht drin.

Als ich mit meinem ersten Kind schwanger war, wohnte ich in einem Motel. Ich besaß einen winzigen Kühlschrank ohne Gefrierfach und eine Mikrowelle. Ich erhielt staatliche Unterstützung, um für mich und mein ungeborenes Kind zu sorgen.

Ich aß Erdnussbutter und tiefgefrorene Burritos mit Rindfleisch, da der 12er-Pack nur 2 Dollar kostete. Hätte ich einen Herd gehabt, hätte ich Burritos nicht so günstig selbst zubereiten können.

Ich brauchte das Fleisch. Ich war schwanger. Ich ging zwar nicht zu Geburtsvorbereitungskursen, aber ich war dennoch intelligent genug, mich in der Schwangerschaft mit genügend Nährstoffen zu versorgen.

Ich kann kochen. Ich hatte in der High School Hauswirtschaftsunterricht. Viele Menschen in meiner Situation können das nicht. Broccoli ist angsteinflößend. Man braucht einen Herd, Töpfe und Gewürze, und man muss immer alles abwaschen und wegräumen, sonst wird Ungeziefer angelockt.

Viele sind damit überfordert. Das ist nicht schön, aber so ist nun einmal. Und wenn Du es versaust, dann riskierst Du, dass deine Familie krank wird. Uns wurde eingetrichtert, nicht mit aller Gewalt zur Mittelschicht gehören zu wollen. Das funktioniert nicht. Und schlussendlich fühlst Du dich nur noch schlechter, weil es mal wieder nicht geklappt hat.

Lass es einfach. Halte Dich an Lebensmittel, die günstig und genießbar sind. Junk Food ist eine der wenigen Freuden, die wir uns leisten können. Warum also darauf verzichten?

Das nächste Planned Parenthood Zentrum (das amerikanische Äquivalent zu Pro Familia) ist drei Stunden entfernt. In Benzin gerechnet ist das ganz schön viel Geld. Viele Frauen können sich das nicht leisten. Und selbst wenn, oft möchte man einfach nicht dabei gesehen werden, diese Zentren zu betreten oder zu verlassen.

Wir werden nicht schwanger, wir bekommen keine Kinder. Wir vermehren uns. Die Gründe, aus denen wir Kinder bekommen, unterscheiden sich nicht von denen der Reichen, denke ich. Dass arme Menschen sich fortpflanzen wird nicht gerne gesehen, aber Abtreibungen werden noch stärker verurteilt.

Fertiggerichte sind einfach praktisch und angenehm. Viele praktische und angenehme Dinge sind uns nicht vergönnt. Seit dem Patriot Act (US-Bundesgesetz, das als Antwort auf die Terroranschläge vom 11. September verabschiedet wurde und die Bürgerrechte einschränkt) ist es außerdem schwierig für mich geworden, ein Bankkonto zu eröffnen.

Aber ohne Bankkonto ist es unheimlich schwer und aufwändig, eine Möglichkeit zu finden, Schecks einzulösen oder eine Überweisung zu tätigen. Viele Motels haben eine „Ohne-Kreditkarte-Kein-Zimmer"-Policy.

Einmal bin ich fünf Stunden lang bei Regen durch San Francisco gelaufen mit 1000 Dollar in bar bei mir, und nirgendwo konnte ich ein Zimmer mieten. Nicht einmal als ich anbot, 500 Dollar in bar plus mein Handy als Kaution und Sicherheit zu hinterlegen.

An Depressionen denkt niemand. Du musst verstehen, dass wir wissen, dass wir uns nie müde fühlen werden. Wir werden nie hoffnungsvoll sein. Wir werden nie Ferien haben. Niemals. Einmal arm, immer arm.

Wir haben nicht viel Spielraum für sozialen Aufstieg. Wir bemühen uns nicht um Jobs, weil wir nie das Geld haben werden, für eine adäquate Garderobe zu sorgen, um den Job zu halten. Ich wäre eine super Sekretärin in einer Kanzlei, aber nicht nur einmal bekam ich eine Absage, weil ich „nicht ins Bild der Firma" passte.

Eine nette Umschreibung dafür, dass man sich für mich schämen würde. Ich bin gut genug, um in der Büroküche Kaffee zu kochen. Hauptsache, man sieht mich nicht, ich würde die „Corporate Identity" beschmutzen.

Ich bin keine Schönheit, mir fehlt ein Zahn, und ich habe schlechte Haut, der man die Spuren von zu viel Kaffee, Nikotin und wenig Schlaf ansieht. Gutes Aussehen ist etwas, das man sich leisten muss. Kein gutes Aussehen, kein Job. Es ist ein Teufelskreis.

Kochen zieht Kakerlaken an. Das begreift kaum jemand. Ich habe stundenlang tote Kakerlaken auf Zahnstocher aufgespießt um die anderen Tiere abzuschrecken. Sinnlos, aber lustig.

„Umsonst" existiert nur für Reiche. In meiner Uni gibt es eine Schüssel mit Gratis-Kondomen, aber die meisten armen Menschen werden den Campus nie betreten. Wir gehören dort nicht hin.

Es gibt eine Klinik, an die wir uns wenden können? Wir müssen trotzdem etwas zur Behandlung dazuzahlen. Und dann wird uns vermutlich gesagt, wir müssten uns an einen Facharzt wenden.

Der kann sich auch auf dem Mars befinden, der finanzielle Aufwand, zu diesem Arzt zu fahren, wäre für uns letztendlich derselbe. „Niedrige Kosten" sind für mich nur eine andere Umschreibung für „Kosten". Eine Hilfe ist es nicht.

Ich rauche. Es ist teuer. Aber es hilft mir auch. Ich bin immer müde. Rauchen ist eine Stimulanz. Wenn ich vor Müdigkeit keinen Schritt mehr tun kann, dann rauche ich eine Zigarette, danach geht es wieder. Wenn nichts mehr geht, dann fühle ich mich nach einer Zigarette etwas besser, wenn auch nur für eine Minute.

Es ist die einzige Erholung, die ich mir erlaube. Es ist keine gute Entscheidung, aber das einzige, zu dem ich Zugang habe. Das einzige Mittel, das mich vor dem totalen Kollaps bewahrt.

Ich treffe viele dumme finanzielle Entscheidungen. Auf lange Sicht ist das egal. Ich werde immer arm sein, was nützt es also, wenn ich in einer Woche nur eine Rechnung bezahle, statt den zwei Rechnungen, die anliegen?

Das macht meine Lage auch nicht besser. Das „gesparte" Geld haue ich nicht bei McDonald's auf den Kopf. Ich bin arm, es geht einfach nicht anders. Aber es lohnt sich für mich einfach nicht, auf alle kleinen Freuden zu verzichten, mit der Aussicht, irgendwann einmal so viel gespart zu haben und über so viel Geld zu verfügen, dass ich mir etwas Größeres leisten kann. So wird es nie sein.

Ich werde nie über viel Gespartes verfügen. Ich weiß, was ich mir in diesem Moment leisten kann. Dann hilft es auch nicht, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen. So oder so bin ich in drei Tagen pleite. Wenn man nie genug Geld haben wird, dann verliert das Geld seine Bedeutung. Genauso ist es wohl, wenn man zu viel Geld hat.

Armut ist trostlos und es schnürt die Leitung zum Langzeit-Gehirn ab. Man stumpft ab, greift nach jedem Strohhalm, um zu überleben. Manchmal ist das Bedürfnis, einfach irgendwas zu fühlen, stärker als der Hunger.

Dann umgibt man sich mit Menschen, die einem in diesem Moment das geben können, was man braucht. Für einen kurzen Moment fühlt man sich gut, schön und geliebt. Eine lange Beziehung ist ausgeschlossen, es passt nicht. Aber in dieser einen Minute machen dich diese Menschen stark, Du bist etwas wert.

Was in einem Monat sein wird, ist egal. So egal wie gestern oder vorgestern. Nichts davon zählt. Wir planen nicht auf lange Sicht, denn es wird uns das Herz brechen. Es ist besser, keine Hoffnung zu haben. Man nimmt sich einfach, was man kriegen kann, so lange es greifbar ist.

Ich will keine Sympathie. Ich will einfach nur versuchen aus menschlicher Sicht zu erklären, warum Menschen Dinge tun und Entscheidungen treffen, die von außen betrachtet vielleicht total bescheuert erscheinen. Aber so sieht unser Leben nun einmal aus.

Und das sind unsere Verteidigungsmechanismen. Deshalb denken wir anders. Es ist sicher kontraproduktiv, aber es ist sicherer. Das ist alles. Ich hoffe, Du verstehst das.

Dieser Artikel erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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