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Lilia Borchardt Headshot

An den Polizisten, der meinen Sohn wegen Cannabis erschossen hat

Veröffentlicht: Aktualisiert:
BURGHAUSEN
innsalzach24/Patrick Steinke
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Michael,

Du hast meinen Sohn erschossen. Er war mein Ein und Alles. Mit nur einer Kugel hast du auch mir mein Leben geraubt.

Ich kann mich noch genau an den Tag erinnern, an dem es passierte. Es war ein wunderschöner Sommertag. Der 25. Juli 2014. Ich war gerade mit dem Abendessen fertig, als mein Telefon läutete. Mein Bruder war am Apparat. Er erzählte mir, dass jemand auf meinen Sohn André geschossen hat. Dieser Jemand warst du. 'Das ist doch absurd' kam es mir sofort. 'Wieso sollte jemand auf André schießen?'

Er war doch ein guter Junge.

Obwohl ich die Situation nicht begriff, schnappte ich mir den Autoschlüssel. Ich fuhr sofort zu der Wohnung von Andrés Freundin, vor der die Schießerei stattgefunden haben soll. Überall war Blaulicht. Die Sirenen hallen noch heute in meinem Kopf nach. Ich sah das Absperrband und wollte nur noch zu meinem Sohn.

Plötzlich hatte ich ein komisches Gefühl.

'Wir konnten nichts mehr für ihn tun'

Aber es ging nicht. 'Sie dürfen hier nicht rein', hörte ich immer wieder. Uniformierte stellten sich vor mir auf und versperrten mir den Weg zu meinem Jungen. Irgendwann stand ein Arzt vor mir. Seine Worte sollten die schlimmsten sein, die ich jemals hören würde: 'Leider konnten wir nichts mehr für ihn tun. Ihr Sohn ist tot."

Tot?

Ich begriff nicht. Was sollte das bedeuten? Ich wollte es selbst sehen, aber ich durfte nicht. Innerhalb von wenigen Sekunden, als ich die schreckliche Wahrheit endlich realisierte, brach meine Welt zusammen. Alles was ich kannte, sollte so nicht mehr existieren.

Für immer.

Vier Tage nach der, für mich immer noch unfassbaren Nachricht, sah ich André wieder. Er lag vor mir in seinem Sarg - aufgeschnitten und verstümmelt. Ich wurde nicht einmal gefragt, ob ich einer Obduktion zustimme. Aber damals dachte ich noch 'das wird sicher alles wichtig sein, um die Hintergründe zu klären'.

Der Innenminister versagte

Ich habe mich getäuscht. Es wurde nichts geklärt - und aufgedeckt schon gar nicht. Die Polizei, die mir immer wieder versicherte, dass ermittelt wird, versagte. Auch der bayerische Innenminister Joachim Herrmann versicherte, dass er alles in seiner Macht stehende tun wird, um den tragischen Tod meines Sohnes aufzuklären. Auch er versagte.

(Text geht unten weiter)

Postet eure Meinung in einem Videokommentar (Anleitung unten):

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Es wird keine Anklage geben. Du wirst dich niemals in einem Gerichtssaal verantworten und niemals in meine trauernden Augen blicken müssen. Du hast dich einfach jeglicher Verantwortung entzogen. Und die Behörden haben dich auch noch dabei unterstützt.

Dabei hattest du kein Recht dazu, mir mein Kind zu nehmen.

Die Kinder wurden dreimal verhört

Zweimal untersuchten deine Kollegen den Tatort. Einmal unmittelbar nach der Tat. Das zweite Mal erst Monate später. Wieso, das kann mir keiner sagen. Dreimal wurden die Augenzeugen, kleine Kinder, verhört. Jedes Mal sagten sie etwas anderes. Woran das lag, weiß ich nicht. Vielleicht daran, dass sie zu jung sind. Dass sie manipulierbar sind.

Das wusstet ihr wahrscheinlich.

Ihr alle habt immer von einem Warnschuss gesprochen. Danach hast du angeblich 'Stop' gerufen. Ich habe die Akten, Michael. Ich weiß, dass gerade einmal 2 Sekunden zwischen den beiden Schüssen vergangen sind. Dafür gibt es Zeugen. Wie kann ein Mensch da noch stehenbleiben?

Ich verstehe es einfach nicht.

Ich werde dank euren Entscheidungen niemals die Wahrheit erfahren. Und immer in der Gewissheit leben müssen, dass ich nicht alles weiß. Deshalb sehe ich nur noch eine Möglichkeit, um vielleicht irgendwann wieder ein annähernd normales Leben führen zu können: Wenn du, Michael, mir endlich die Wahrheit sagst.

Wieso hast du das getan? Du kannst es mir sagen.

Ich kann es nicht ertragen

Hat er dir noch etwas gesagt?

André war ein guter Junge. Obwohl er Fehler hatte. Auch dein Sohn wird nicht fehlerfrei sein. Wie würdest du dich fühlen, wenn er niemals wieder nach Hause kommen würde? Mit dir gemeinsam an einem Tisch sitzen könnte? Und du ihm niemals mehr sagen könntest, wie viel er dir bedeutet?

Bitte sag mir dir Wahrheit. Damit ich es endlich verstehen kann.

Ich will mein Leben zurück.

Es ist nicht nur deine Schuld

Es ist nicht nur deine Schuld. Es ist auch die Schuld der deutschen Politik. Von unseren angeblichen Volksvertretern, die Marihuana nicht legalisiert haben. Die zugelassen haben, dass mein Sohn alleine aufgrund eines Verdachtes erschossen wurde. Wegen Marihuana.

Legalisiert es endlich!

Damit nicht noch eine einzige Mutter ihr Kind zu Grabe tragen muss.

Vielleicht werden dich meine Worte nicht einmal erreichen. Vielleicht liest du sie aber auch. Sie könnten dir egal sein. Oder du fängst an, über sie nachzudenken. Ich hoffe es.

Lilia

Lilia Borchardt ist eine gebrochene Frau. Am 25. Juli 2014 verlor sie ihren Sohn André auf tragische Weise: Der bayerische Zivilfahnder Michael K. schoss ihm in den Hinterkopf. Der 33-Jährige war sofort tot.

Die zwei Beamten, die ihm vor der Wohnung seiner Freundin auflauerten, sollten den Deutschrussen festnehmen. Gegen ihn lag ein Haftbefehl vor - wegen des Handelns mit Marihuana. Er soll die Flucht angetreten haben. Sonderlich weit kam er jedoch nicht.

Der Einsatz wirft bis heute Fragen auf: Wieso ist der Polizist Michael K. nicht nachgelaufen? Wieso hat er ihn vor den Augen spielender Kinder erschossen? Was, wenn ein Querschläger eines der Kinder getroffen hätte? Wieso schoss der Polizist einem Mann in den Hinterkopf, von dem in diesem Moment keine Gefahr ausging?

Und die wohl quälendste Frage, die sich Lilia heute noch stellt: Wieso muss sich der Schütze nicht vor Gericht verantworten und wurde von jeglicher Schuld freigesprochen?

In der Huffington Post spricht sie über den schlimmsten Abend ihres Lebens. Sie richtet erstmals eine Botschaft an den Mann, der ihr einziges Kind erschoss. Und an deutsche Politiker, die sich immer noch gegen eine Legalisierung von Cannabis aussprechen.

Dieser Text wurde von HuffPost-Redakteurin Bettina Pohl protokolliert.

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