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Mein Sohn hat mir aus dem Ferienlager geschrieben. Der Brief war NICHT, wie ich ihn erwartet hätte

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CAMP
Liesl Testwuide

Letztes Jahr besuchte mein 8-jähriger Sohn ein Ferienlager. Er war das erste Mal länger als eine Nacht von zu Hause weg. Schon nach einer Stunde vermisste ich ihn. Als ich mich fürs Bett vorbereitete, ertappte ich mich dabei, wie ich in sein Zimmer ging. Nur um ihm nah zu sein.

Die Tage vergingen und ich schrieb ihm jeden Tag einen Brief. Umgekehrt wartete ich stündlich darauf, dass der Postbote mir endlich einen Brief von ihm bringt. Irgendwann habe ich meinen Sohn so vermisst, dass ich mir vorstellte, was in diesem Brief wohl stehen würde. Und so fantasierte ich mir ungefähr Folgendes zusammen:

Liebe Mama,

vielen Dank dass ich ins Ferienlager fahren durfte. Ich habe hier so viele Dinge gelernt, zum Beispiel wie man angelt, einen Seemannsknoten bindet oder wie man ein Pferd striegelt.

Danke dass Du mir die Sonnencreme eingepackt hast. Ich war viel am See und konnte sie wirklich gut brauchen. Du denkst einfach an alles! Und weil es so warm war, habe ich immer viel getrunken! Siehst Du? Ich höre immer brav auf Deine guten Ratschläge.

Die anderen Jungs sind schlau und sehr nett. Ich habe hier schon richtig gute Freunde gefunden, die mich sicher ein Leben lang begleiten werden. Wenn wir mal Freizeit hatten, habe ich das Buch gelesen, das Du mir mitgegeben hast. Das hast du super ausgewählt! Und weil Du so eine tolle Mama bist, habe ich dir im Werkunterricht ein ganz besonderes Geschenk gebastelt.

Du hast mir ja dazu geraten, neues Essen auszuprobieren und das habe ich gemacht. Und Du hattest recht, Haferflocken sind nicht so schlecht, wenn man Rosinen rein tut. Und mach Dir keine Sorgen, Mama. Ich habe mich immer gut benommen, so, wie Du es mir die Jahre über beigebracht hast.

Wir gehen heute Abend zelten unter dem Sternenhimmel. Ich hoffe, ich sehe ein paar Glühwürmchen.

Hab Dich lieb,
W
xxoo
P.S. Sag meinen Brüder, dass ich sie vermisse!

Irgendwann kam dann endlich wirklich ein Brief von ihm. Er war ein bisschen anders als das, was ich mir vorgestellt hatte:

Liebe Mama,

gut, dass Du mir extra Unterwesche eingepakt hast. Ich hatte nähmlich Durchfal. Meine Schuhe haben etwas abbekommen, mein Kissen aber nicht. Ich habe hier im Ferienlager viel Spaß und lerne viel. Ich kann total gut wintsörfen und Kijak fahren. Und ich kann mehr Monster-Lollis essen als alle anderen.

Seit Montag habe ich 23 Monster-Lollis gegessen, der Rekord ist 37 und ich kann ihn noch brechen. Wie cool ist das denn?! Ich war Ferderaiten und das Ferd vor mir hat drei große Haufen gemacht. Und die haben gedampft. Das war suhper! Ich habe meine Zahnbürste benutzt, um nach Würmern zu suchen. Aber flip jetzt nicht aus.

Ich darf die Zahnbürste von dem Jungen benuzen der im Bett unter mir schläft. Also alles in Ordnung. Ich weiß seinen Namen nicht aber er kann das Alphabet rüpsen so wie ich. Ein Junge namens Zack kann das Alfabeht von hinten nach vorne rüpsen. Das übe ich gerade.

Wir haben Haferbrai in die Baseball-Mütse des Betreuers getan. Das war luhstig. Haferbrei ist ecklig, Mama. Sogar mit Rohsienen. Ich habe mit einem Gewer geschosen. Ich kann ziemlich gut schihsen. Bekomme ich eins, wenn ich zu Hause bin? Wusstest Du, dass man Vürze anzünden kann? Das zeige ich Dir am Samstag.
Hab Dich lieb,
W
Xoxo
P.S. Deine Schpageti schmecken viel besser
P.S.S. Sag meinen Brüdern dass sie noch viele Fürze für Samstag aufheben sollen

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Dieses Jahr werde ich ihm ein ganzes Briefmarkenheftchen schicken. Ich kann es nicht erwarten, noch mehr solcher Briefe zu bekommen!

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