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Woran ihr erkennt, ob jemand unter Depressionen leidet

Veröffentlicht: Aktualisiert:
DEPRESSION
Marjan_Apostolovic via Getty Images
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Mit diesem Blog möchte ich mich an zwei verschiedene Lesergruppen wenden. Zum einen an diejenigen, die nach seiner Lektüre bestimmte Menschen in ihrem Familien- und Freundeskreis besser verstehen werden. Und zum anderen an diejenigen, die ihr eigenes Verhalten in den hier beschriebenen Gewohnheiten wiedererkennen.

Depressionen werden häufig nicht wahrgenommen, erkannt und diagnostiziert. Menschen mit versteckten Depressionen sind darauf konditioniert, den Kampf mit ihren inneren Dämonen auf eine Weise auszutragen, die für andere nicht unmittelbar zu erkennen ist.

Einige dieser Menschen wurden als depressiv diagnostiziert, andere nicht. Einige sprechen über ihre Depressionen, andere wiederum teilen sie nicht einmal mit engsten Vertrauten. Doch leider wird die Welt immer dann zu einem besonders düsteren Ort, wenn wir nicht mehr in der Lage sind, einander zu verstehen.

Wir neigen zu der Annahme, die Not eines anderen Menschen offen sehen zu können, wie eine große Narbe mitten auf seiner Brust. Doch viele dieser Wunden offenbaren sich erst bei genauerem Hinsehen.

1. Depressive Menschen geben sich oft Mühe, nach außen hin normal zu erscheinen, und wirken sogar besonders glücklich oder fröhlich.

Die Vorstellung, dass alle depressiven Menschen eine mehr oder weniger schwermütige Persönlichkeit haben, ist falsch. Eine Depression ist mehr als nur ein Gemütszustand. Menschen die unter Depressionen leiden, haben gelernt, ihre für andere wahrnehmbare Stimmungslage zu ändern, und erscheinen nicht selten als die „glücklichsten" Menschen, die Sie kennen. Es gibt große Persönlichkeitsunterschiede.

Depressive Menschen versuchen oft, sich auf die positiven und öffentlichen Aspekte ihres Verhaltens zu konzentrieren, und zwar unabhängig davon, was gerade in ihrem Innern vor sich geht. Schließlich möchten sie ihren Mitmenschen nicht die Laune verderben, selbst wenn dies bedeutet, dass sie ihre wahren Gefühle für sich behalten müssen.

2. Depressive Menschen helfen sich häufig mit einem Ritual.

Es gibt viele wirksame Behandlungsmethoden bei Depressionen, unter anderem Psychotherapie und Medikamente. Darüber hinaus versuchen viele Depressive, sich mit Alltagsritualen - wie etwa Musik hören, Sport treiben, Auto fahren oder spazieren gehen - aus ihrem Stimmungstief zu befreien.

Eine versteckte Depression ist vor allem dadurch gekennzeichnet, wie die Betroffenen versuchen, aus eigener Kraft ihre inneren Dämonen zu besiegen.

3. Depressive Menschen haben oft Angst davor, verlassen zu werden.

Wer Erfahrungen mit Depressionen gemacht hat, weiß, wie belastend sie sein können. Und zwar nicht nur für den Betroffenen selbst, sondern auch für sein unmittelbares Umfeld. Wer einen anderen Menschen so nahe an sich heranlässt, dass sich die in seinem Innern brodelnden Kämpfe offenbaren, riskiert, dass sich der andere von ihm abwendet.

Dieses Abwenden ist zwar in gewisser Weise verständlich, verursacht jedoch in depressiven Menschen ein starkes Gefühl der Verlassenheit. Es zwingt die Betroffenen zur Geheimhaltung ihrer Erkrankung, weil sie Angst haben, von geliebten Menschen zurückgewiesen zu werden.

Nichts kann einen Menschen mehr verletzen als die Erkenntnis, dass der hässlichste Aspekt seiner Persönlichkeit einfach zu viel ist, als dass ein geliebter Mensch damit umgehen könnte.

4. Depressive Menschen sind meist echte Experten im Erfinden von Ausreden.

Sie haben Ausflüchte für alles und jedes, von den Schnittwunden auf ihrem Arm bis hin zu den Gründen, warum sie nicht zu Abend gegessen haben. Menschen mit unterschiedlichen Ausprägungen von Depressionen leiden unter verschiedenen Nöten, die sich mitunter auf den normalen Gang ihres Alltags auswirken.

Sie wissen jedoch genau, was sie zu sagen haben, damit andere nicht auf ihren Schmerz aufmerksam werden. Und weil sie sich ihre depressive Stimmung oft selbst nicht eingestehen wollen, wissen sie auch, wie sie sie verstecken können.

5. Depressive Menschen haben nicht selten ungewöhnliche Schlaf- und Essensgewohnheiten.

Die Schlaf- und Essensgewohnheiten eines Menschen scheinen nur ein unbedeutender Faktor zu sein, aber sie können schwerwiegende Auswirkungen haben. Menschen, die im Verborgenen unter Depressionen leiden, können manchmal nur kleine Anzeichen zu erkennen geben. Zu viel oder zu wenig Schlaf ist ein Paradebeispiel. Zu viel oder zu wenig Essen ein anderes.

Schlaf und Nahrung sind zwei Grundvoraussetzungen für ein gesundes Leben. Sie sind jedoch auch zwei Aspekte, die der menschliche Geist zu kontrollieren versuchen kann. Depressionen verursachen ein beklemmendes Gefühl des Kontrollverlusts, und oft können sich Betroffene lediglich daran aufrichten, dass sie zumindest etwas anderes unter Kontrolle haben.

Schlaf wird somit zum Ding der Unmöglichkeit - oder zur einzigen Ausflucht. Und dasselbe gilt für Essen.

6. Depressive Menschen haben oft ein besonderes Verhältnis zu Genussmitteln.

Menschen, die mit ihrer Depression umzugehen verstehen, achten genau darauf, was sie in ihren Körper lassen. Sie wissen, dass Alkohol depressiv macht und sein Konsum über einen längeren Zeitraum hinweg zu einem geistigen Tief führt, mit dem sie schlechter als der Rest der Menschheit umgehen können.

Sie wissen, dass Koffein und Zucker Stimmungsaufheller sind. Sie wissen, welche Medikamente welche Wirkung haben. Sie wissen, welche Substanzen sie besser nicht kombinieren sollten. Sie wissen all dies, weil für sie ein Umschwenken ihrer Gemütsverfassung wesentlich bedeutsamer ist als für andere Menschen.

7. Depressive Menschen nehmen Leben und Tod mitunter sehr intensiv wahr.

Nicht jeder depressive Mensch wollte sich schon mal das Leben nehmen. Depressionen beschwören jedoch häufig einen ungewöhnlichen und komplexen Denkprozess über das Leben im Allgemeinen herauf.

Häufig sehen sich Menschen in Momenten der Hoffnungslosigkeit mit ihrer eigenen Sterblichkeit konfrontiert. Wenn sie verzweifelt nach den Antworten auf die Fragen des Lebens suchen. Und Menschen, die immer wieder in düstere Stimmungen verfallen, werden weitaus häufiger von diesen Gedanken heimgesucht.

8. Depressive Menschen sind häufig ungewöhnlich talentiert oder ausdrucksstark.

Viele inspirierende und umwälzende Künstler, Musiker und Führungspersönlichkeiten litten unter geistigen Störungen. Wobei „litten" eigentlich widersprüchlich ist, denn eine gewaltige emotionale Tiefe kann auch zu gewaltigen Höhen führen.

Menschen mit Depressionen, die auf den ersten Blick nicht als solche zu erkennen sind, können sich oft auf unglaubliche Weise ausdrücken. Sie stehen in enger Verbindung mit den guten und den schlechten Teilen ihrer Seele. Und vermögen auf diese Weise, durch die Schatten ihrer Emotionen hindurch das Schöne zu formulieren und zu illustrieren.

9. Depressive Menschen suchen häufig nach dem tieferen Sinn.

Jeder Mensch möchte, dass sein Leben einen Sinn hat. Wir wollen wissen, ob unsere Handlungen einen Wert haben. Wir wollen wissen, ob wir uns in die richtige Richtung bewegen. Und auch Menschen mit versteckten Depressionen verfolgen diesen Wunsch, wobei sie etwas in ihrem Innern zufriedenzustellen versuchen, das vermutlich nie zufriedenzustellen ist.

Unzulänglichkeit und Angst sind einem depressiven Gemüt nichts Fremdes. Menschen mit versteckten Depressionen versuchen im Verlauf ihres Lebens fast immer, die Verletzlichkeit in ihrem Innern zu kompensieren. Sie schlagen häufig einen anderen Lebensweg ein. Sie geben sich oft große Mühe, wahres Glück zu erlangen. Und streben darüber hinaus nach etwas Größerem.

10. Depressive Menschen rufen von Zeit zu Zeit leise nach Hilfe.

Auch Menschen, die mit der Last ihres eigenen Geistes umzugehen verstehen, brauchen manchmal Hilfe. Doch Hilferufe von Menschen, von denen man dies nicht erwartet, werden häufig überhört. Manchmal ist es einfach zu gefährlich für Menschen, mit ihren Depressionen allein zu sein, so sehr sie auch das Gegenteil behaupten mögen.

Manchmal bitten sie um Hilfe. Manchmal öffnen sie sich anderen gegenüber. Und diese Momente sind unglaublich wichtig, denn sie können etwas bewirken. Diese Momente schlagen eine Brücke zwischen Menschen, die über ein unterschiedliches Maß an Gefühlen und Stimmungen verfügen.

In diesen Momenten entstehen zwischen Freunden und Liebespaaren die Nähe und das Vertrauen, die nur schwer zu erreichen sind, wenn einer von beiden das Gefühl hat, sein wahres Ich verschleiern zu müssen.

11. Depressive Menschen wünschen sich Liebe und Akzeptanz wie jeder andere Mensch auch.

Wer den Rest der Welt vor seinen persönlichen Dämonen schützt, tut dies nicht, um die Wahrheit zu verschweigen. Menschen die ihre Depressionen lieber für sich behalten, tun dies, um sich zu schützen. Um ihre Herzen zu schützen. Um die Menschen in ihrem Umfeld zu schützen. Um das Wahrwerden ihrer Träume zu schützen.

Einige meiner Leser haben jetzt vielleicht das ungute Gefühl, sich in diesen Gewohnheiten wiederzuerkennen. Und unabhängig davon, ob sie Ihre Depressionen bereits behandeln lassen oder selbst etwas dagegen unternehmen, Sie wissen, wie leicht man sich dabei alleine fühlt.

Ich verwende den Begriff „versteckte Depressionen" als Überschrift dieses Beitrags, aber in Wahrheit werden fast alle Depressionen nicht von der menschlichen Natur erkannt. In unserer heutigen Kultur werden wir dazu angehalten, alles Dunkle und Unerfreuliche zu verstecken.

Aber das brauchen wir gar nicht.

Die wichtigste Gewohnheit für Menschen mit versteckten Depressionen sollte darin bestehen, zu erkennen, dass sie sich Liebe und Akzeptanz wünschen. Und das sollte auch ihr größter Ansporn sein. Denn schließlich tun wir das alle. Und können dies nur erreichen, indem wir Liebe und Akzeptanz anderen entgegenbringen.

Wenden Sie sich niemals von einem Menschen ab, der Probleme zu haben scheint. Lieben Sie auch dann, wenn es schwierig ist. Weinen Sie, wenn Sie sich danach fühlen. Nähern Sie sich einem Menschen, wenn sich dieser vor Ihnen verschließt. Öffnen Sie Ihr Herz, auch wenn Sie große Angst davor haben. Denn wenn wir das Schlechte zwingen, unbemerkt zu bleiben, dann bleibt auch das Gute unbemerkt.

Mehr zum Thema erfahren Sie auf meiner Website www.serendipityandcreativity.com

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der Huffington Post USA und wurde von Julia Keinert aus dem Englischen übersetzt.

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